Grenchen
Grenchner Produzent für Präzisionsteile erfindet sich neu

Das KMU W. Siegrist AG baut an Lebernstrasse in Grenchen ein neues, grösseres Produktionsgebäude und konzentriert sich auf den Kernbereich: Präzisionskomponente produzieren.

Patrick Furrer
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Geschäftsführer und Alleinaktionär Roland Kobel vor einer der neu erworbenen Maschinen. fup

Geschäftsführer und Alleinaktionär Roland Kobel vor einer der neu erworbenen Maschinen. fup

Mussten Sie auch schon Bekanntschaft mit einem Zahnbohrer machen? Föhnen Sie sich ab und zu die Haare? Oder haben Sie schon einmal eine automatische Auto-Heckklappe benutzt? Wenn Sie nur eine dieser Frage mit Ja beantworten können, hatten Sie wahrscheinlich bereits hautnah mit einem Décolletage- oder Verzahnungsteil aus dem Hause W. Siegrist AG zu tun.

Das traditionsreiche Unternehmen an der Moosstrasse 15 in Grenchen produziert Präzisionskomponenten für namhafte Kunden im In- und Ausland. Zu den bekanntesten gehören Maxon Motor und Saab Bofors. Letztere erregt mit der nationalen Kampfjetdiskussion und ihren Gripen-Fliegern derzeit besondere Aufmerksamkeit.

Dieses Jahr feiert die W. Siegrist AG ihr 100-Jahr-Jubiläum. Seit sieben Jahren hat das Unternehmen einen neuen Alleinaktionär und Geschäftsführer: Roland Kobel (57), der lange auch in Grenchen wohnte, hat bereits nach der Übernahme der Firma von der ehemaligen Besitzerfamilie damit begonnen, das KMU neu aufzustellen. Pünktlich zum 100-jährigen Bestehen realisiert die Firma nun an der Lebernstrasse einen Neubau: Das Industriegebäude mit 1400 Quadratmetern Produktionsfläche soll noch Ende Jahr stehen.

Sukzessive Umstellung

Nachdem die W. Siegrist AG 2009 fast die Hälfte der Mitarbeiter entlassen musste, ist die Zahl in den letzten gut zwei Jahren wieder von 24 auf 35 gestiegen. Vor der Krise waren 40 Personen beschäftigt. 2010 und vor allem 2011 seien «sehr gute Jahre» gewesen, sagt der Geschäftsführer. 2012 habe ebenfalls erfolgversprechend begonnen. Nur 2009 schrieb die Firma rote Zahlen – damals musste Kobel seine Ausbaupläne vorübergehend auf Eis legen. «Aber Höhen und Tiefen gibt es in der Wirtschaft immer wieder.

Wer reüssieren will, muss auch investieren und manchmal ein Risiko eingehen.» Mit dem neuen eingeschossigen Industriebau ist eine Investition im zweistelligen Millionenbereich verbunden. Die Mitarbeiter, von denen fast alle aus der Region kommen, und rund 90 Prozent des Maschinenparks kommen mit an den neuen Standort. Die heutigen Räumlichkeiten reichen nicht mehr, die Fabrikationsräume sind eng und veraltet. Künftig soll der Platz besser ausgenutzt werden. Die Arbeitsabläufe werden optimiert und ermöglicht einen effizienteren Materialfluss.

Auf die Firma ist Verlass

Der Neubau soll Kobels Kunden signalisieren, dass auf die W. Siegrist AG als Zulieferer Verlass ist. «Und damit verbunden ist ein zusätzlicher wichtiger Rationalisierungseffekt.» Seit Roland Kobel die Firma übernommen hat, wurde einiges geändert. So wurde ein grosser Teil der mechanischen Bearbeitung von Teilen aufgegeben. Alte, kurvengesteuerte Maschinen wurden durch CNC-Anlagen ersetzt. «Wir stellen uns für die Zukunft neu auf», sagt Kobel.

Die Firma, welche seit ihrer Gründung stets «nur» Zulieferer war, werde sich vermehrt auf ihr Kernbusiness verzahnter Teile und Drehteilkomponenten konzentrieren. Gewisse Kundensparten werden forciert wie beispielsweise jene der Automobilindustrie. Diese spielte bisher eine untergeordnete Rolle – die beiden wichtigsten Sparten sind aktuell die Antriebs- (Getriebeteile) und die Wehrtechnik (Komponenten für Zündmechanismen).

Eigenständigkeit reduzieren

Die Währungskrise geht am Grenchner KMU nicht einfach vorüber. Knapp über 70 Prozent der Teile gehen direkt in den Export. «Der negative Einfluss auf die Marge ist enorm und nimmt weiter zu», sagt Roland Kobel. Dennoch komme stärkerer Druck von den Schweizer Kunden als von denen im Ausland. «Der Preisdruck im Inland ist sehr stark. Viele Kunden liefern ihre Endprodukte mit unseren Komponenten ins Ausland und stehen in einem harten Konkurrenzkampf.»

Noch habe man keine Kunden verloren, «wenn die Krise aber noch lange andauert, ist diese Gefahr ganz klar da», sagt Kobel. Ausländische Konkurrenten kämpfen mit verlängerten Spiessen. Auch ein Grund, warum der Geschäftsführer die Firma umstellt. «Wir sind ein Nischenplayer, der Spezialitäten auf höchstem Qualitätslevel anbietet.» Indem man sich stärker auf die Kernbereiche konzentriere und die Massenfertigung meidet, will Kobel das Unternehmen langfristig sichern.

Mittelfristig schliesst der 57-jährige Kobel sogar eine Fusion nicht aus. «Wir haben eine kritische Grösse erreicht. Ausserdem könnten wir unsere Position als Zulieferer festigen», führt er aus. Dass das Unternehmen an die Zukunft glaubt, zeigt die Tatsache, dass Kobel neben dem Neubau eine Landreserve erworben hat. Der Standort wurde explizit so gewählt, dass ein weiterer Ausbau möglich ist. Das neue Fabrikationsgebäude wird Mitte 2013 bezogen. Die alte Liegenschaft wurde bereits verkauft.