Gemeinsam mit seinem Kollegen sucht der Stadtpolizist in einem der wohlhabenderen Quartiere nach Häusern und Wohnungen, welche unvorsichtig und fahrlässig verlassen worden sind. Dass ein schräg gestelltes Fenster eine Einladung an alle Diebe ist, ist zwar eine alte Polizistenweisheit, dennoch wollen es viele Leute einfach nicht lernen. «Viele glauben, ihnen passiere sowieso nie etwas, bei ihnen ist noch nie eingebrochen worden und bei ihnen werde auch nie eingebrochen», weiss Benjamin Fusina, der Kollege von Nyffenegger.

Delikte nehmen nach Zeitumstellung zu

Gerade jetzt, nach der Zeitumstellung, machen sich Einbrecher die frühen oder späteren Abendstunden, wenn keiner zuhause ist, wieder vermehrt zu Nutzen. «Wir stellen fest, dass die Delikte nach der Zeitumstellung immer wieder markant zunehmen», sagt Fusina. Die Kantonspolizei schätzt, dass im Kanton Solothurn jährlich rund 50 sogenannte Dämmerungseinbrüche verübt werden. Diese «Saison» waren es erst drei gemeldete, in Grenchen noch keiner.

Matthias Nyffenegger nimmt einen der gelben Umschläge aus seiner linken Hand und wirft ihn in den Briefkasten. Meistens werden die Briefe direkt in die Fenster eingeworfen. Am nächsten Morgen wird der Hausbewohner darauf lesen, dass die Stadtpolizei bei ihm war und festgestellt hat, dass nicht alle Fenster und Türen geschlossen waren. Ausserdem sind Empfehlungen notiert, wie man sich vor den Dämmerungseinbrechern am besten schützt. «Obwohl es auch Unbelehrbare gibt», sagt Stadtpolizist Fusina, «wissen die meisten Leute unsere Präventionsarbeit zu schätzen.»

Ob die Aktion, welche vor fünf Jahren erstmals durchgeführt wurde, etwas bringt? «Das ist schwer messbar», meint der Polizist. Dennoch stellt man fest, dass in Quartieren, wo die Polizei bereits auf Aktionstour war, die Häuser beim nächsten Besuch viel besser gesichert sind.

Dämmerungseinbrecher nützen die Fahrlässigkeit der Bewohner erbarmungslos aus. Fehlendes Licht, offene oder halb offene Fenster, Türen oder Garagen sind typische Fehler. Meistens werden die Liegenschaften und deren Bewohner vorgängig ausspioniert, vor Ort oder telefonisch. Ein Dieb merkt sich, wer da wohnt, und wann jemand daheim ist. Gerade bei älteren Leuten und in wohlhabenderen Quartieren wird oft nach Wertsachen gesucht. «Manchmal rufen die Diebe vorher unter einem Vorwand an und erkundigen sich. Da muss man skeptisch und vorsichtig sein», so Polizist Nyffenegger.

«Wir müssen uns in die Einbrecher hineinversetzen, um zu sehen, wo es Probleme geben könnte», erklärt Benjamin Fusina. Da werde der Polizist für einen Moment absichtlich zum Einbrecher, scherzt er. Fast täglich verteilen die Grenchner Ordnungshüter derzeit die Infoblätter in den Quartieren, zu Fuss, immer wieder eine andere Patrouille. Dieses Jahr erneut in einer «Grossoffensive», wie Stadtpolizeikommandant Robert Gerber sagt. «Wir wollen den Leuten die Gefahren wieder in Erinnerung rufen.» Mit Schutzweste, Pistole, Pfefferspray und manchmal dem Schlagstock sind seine «Jungs» unterwegs.

Empfehlungen zur Prävention

Ein Garagentor steht weit offen. Auch hier wäre es für den Einbrecher einfach, sich die Wertsachen einfach zu holen. Fusina deponiert einen Brief, nach einer Weile ruft eine alte Frau zum Fenster heraus, was hier los sei. «Nyffenegger, Stadtpolizei», meldet sich der Kollege, und erklärt der Dame kurz die Umstände. Diese scheint bereits Bescheid zu wissen. Wie die beiden Polizisten später feststellen, war in diesem Quartier wohl schon einmal eine Patrouille unterwegs, denn die meisten Häuser sind gut gesichert, in eineinhalb Stunden finden die zwei Männer gerade mal ein offenes Fenster und eine offene Türe. Dennoch geben die Polizisten wo immer nötig und möglich gerne Empfehlungen zur Prävention ab.

In die Gärten gehen die Polizisten selten, auch nicht aufs Privatgrundstück. Nyffenegger hüpft auf eine kleine Mauer, leuchtet über einen Zaun an die Hausfassade. Zwar ist ein Fenster offen, aber in der Wohnung ist es hell. Ob jetzt jemand zu Hause ist oder einfach nur Licht brennt - Einbrecher schreckt das auf jeden Fall ab. Deshalb empfiehlt die Polizei auch Bewegungsmelder oder Zeitschaltuhren, um das Haus zu beleuchten. Die Anwesenheit signalisieren, alles schliessen und gut abschliessen, lautet die Devise. Nyffenegger beleuchtet bereits die nächste Wand. Was überrascht, ist, dass die Nachbarn nicht nachfragen, was da los ist. «Sicherheit ist auch eine Frage der Solidarität», sagt dazu die Infobroschüre der Polizei. Hier lautet die Devise: Zueinander schauen und bei Verdacht sofort den Notruf wählen.

Nach dem Kontrollgang sind die beiden Stadtpolizisten zufrieden. «Es ist gut, wenn wir merken, dass es Einbrecher nicht zu einfach haben.» Die meisten Umschläge nehmen sie wieder mit auf den Posten, wo sie am Folgetag die nächste Nachtschicht übernimmt. Innerhalb der präventiven Aktion werden alle Gegenden der Stadt mindestens einmal kontrolliert.

Obwohl im ganzen Kanton Aktionen gegen Dämmerungseinbrüche laufen, ist diese in der Stadt Grenchen einzigartig. Und, auch wenn der Nutzen der Präventionsaktion schwer messbar ist: Sie stärkt das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung. Übrigens auch jenes des älteren Herren, der im Haus wohnt, bei welchem die Stadtpolizisten zu Beginn das schräg gestellte Fenster entdeckt hatten: «Die Aktion ist in Ordnung, ich bin froh, wenn ich informiert werde», erklärte der Hausbewohner am nächsten Tag auf telefonische Nachfrage. Er habe schon manchmal Kummer, wenn er weggehe, ob er alle Fenster zugemacht hat, ob kein Einbrecher komme. Wenn er aber das nächste Mal verreise, fühle er sich wieder ein Stück sicherer, da er jetzt weiss, dass die Polizei im Quartier ist. Das beruhige ihn.