«25 Jahre war ich Kunde der Traditionsmarke Blüthner. Jetzt vertrete ich das Klavierbauunternehmen am Stand an der Frankfurter Musikmesse, die gerade stattfindet, Seite an Seite mit der Inhaberfamilie.» Für Mattia Wohlfahrt ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Seit diesem Jahr ist der Grenchner Klavierbauer mit der neu gegründeten Firma Blüthner Pianos Schweiz AG Generalimporteur des traditionellen deutschen Familienbetriebs.

Alles begann 1991 mit der spontanen Idee, einen Abstecher nach Leipzig zu machen. Der damalige Firmenchef und heutige Seniorchef, Blüthner-Haessler in vierter Generation, nahm die Anfrage für einen Fabrikbesuch aus der Schweiz nicht eben überschwänglich auf. Das Unternehmen suchte in den Trümmern von 40 Jahren DDR-Diktatur nach einer realistischen Zukunft. 

Deshalb bekam Mattia Wohlfahrt am Telefon keine sichere Zusage: «Reservieren Sie drei oder vier Tage für den Aufenthalt und melden Sie sich bei der Ankunft. Vielleicht habe ich Zeit für Sie.» Wohlfahrt hatte Glück, der Patron hatte auf Anhieb Zeit. So begann die Freundschaft, die auch die heutige operative Firmenleitung der fünften Generation umfasst.

Drei Marken unter einem Dach

Blüthner Flügel und Klaviere gehörten fortan zum Sortiment an der Lengnaustrasse, neben anderen Marken, von Steinway bis zu Schimmel. Das hat sich mit dem Abschluss des Fünfjahresvertrags mit Blüthner geändert, die fremden Marken sind verschwunden. Neben Instrumenten der Dachmarke Blüthner im oberen Preissegment halten nun nach und nach die günstigeren Hausmarken Haessler, in den Leipziger Clan eingeheiratet, und Irmler, zugekauft – eine der ältesten noch bestehenden Klaviermarken –, Einzug.

40 Instrumente soll die Ausstellung umfassen. Vom Blüthner E-Klavier, gebaut in Deutschland, über unterschiedliche Flügel, bis zum weltweit grössten, sprich: höchsten Klavier, geht der Leipziger Horizont. «Das Riesenklavier ist vom Klangkörper her fast wie ein hochkant aufgestellter Flügel. Es findet vor allem in Asien Anklang», erklärt Wohlfahrt, «deshalb werde ich es vorerst nicht bei uns präsentieren – ausser natürlich, jemand interessiert sich dafür.»

Verbreitet, aber oft verborgen

«Blüthner-Instrumente haben einen charakteristischen, warmen Klang, keine Dutzendware, keine Lautstärke auf Kosten von Nuancen. Vielfach ist es nicht Liebe auf den ersten Ton. Man muss sich diese Beziehung erspielen, und dann hält sie fürs Leben», schwärmt der Klavierbauer. Beim Kauf kann es sein, dass der Kunde erstmal wartet, bis der Flügel oder das Klavier nach seinen Wünschen gebaut ist.

Der Instrumentenmarkt ist hart umkämpft. Mattia Wohlfahrt trifft immer wieder Leute, die meinen, noch nie einen Blüthner gehört zu haben. Solche Leute erinnert er gern an den Welthit der Beatles «Let it be», der auf einem Blüthner-Instrument komponiert und aufgenommen worden sei. «Für die Beatles war Blüthner das Höchste.»

Die Verbindung der Pianobauer-Familie nach London sei seit je eng. Wer es moderner und lieber deutsch mag: Auch die «Prinzen» schwören laut Wohlfahrt auf Blüthner. «Selbst hier in Grenchen und Umgebung, weitab von Leipzig, stehen eine Menge Blüthner-Instrumente, ältere und jüngere, einige davon dringend revisionsbedürftig», weiss der Klavierbauer.

Bisheriges Geschäft läuft weiter

Mattia Wohlfahrt führt sein ursprüngliches Geschäft – Instrumentenrevisionen und Klavierstimmen – wie bisher weiter. Kleinere Reparaturen mache er auch an Blüthner-Instrumenten noch eigenhändig, doch für Gesamtüberholungen schicke er diese Instrumente nun ein.

«Ich machte mir schon vor Jahren Gedanken, was ich mit der Geschäftsliegenschaft und vor allem mit dem Saal im oberen Stock anfangen sollte», blickt der Klavierbauer zurück. Alternativen gab es eine Menge: Mit Anlässen verstärkt auf die kulturelle Schiene, Salon Wohlfahrt, setzen? Das Geschäft fremdvermieten, nach Auslagerung der Klavierschule (siehe Kasten)? Eine Konzentration nur aufs Klavierstimmen?

Die jüngste Idee machte das Rennen: Als Anna-Claudia Spaniel, die Koordinatorin der Firma Blüthner im deutschsprachigen Raum, ihm letzten September den Schweizer Markt anbot, unter anderem mit dem Hinweis auf seine gute Beziehung zur Unternehmerfamilie und seinen Schweizer Dialekt, da griff Mattia Wohlfahrt zu.

Im Herbst handelte er den Vertrag mit den Firmeninhabern aus. Nun sei er schweizweit für den Verkauf der Instrumente an Private zuständig und plane zudem den Aufbau eines Netzwerks von regionalen Fachhändlern.