Grenchner
Grenchner Hausarzt hat in 32 Jahren 10'000 Menschen geholfen, gesund zu werden

Martin Walter geht nach 32 Jahren als Hausarzt in Grenchen Ende dieses Monates in den Ruhestand. Seine Praxis an der Alpenstrasse übergibt er an einen Nachfolger.

Patrick Furrer
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Martin Walter in seiner Wohnung in Grenchen. Das Haus behält er, die Arztpraxis vermietet er.

Martin Walter in seiner Wohnung in Grenchen. Das Haus behält er, die Arztpraxis vermietet er.

Hanspeter Bärtschi

Die Erlösung im Hause Walter kam am 6. Mai 1945 doppelt. Mutter Walter brachte ihren Sohn Martin zur Welt, gleichzeitig kündigten die Friedensglocken das baldige Ende des Krieges an. Hausgeburten waren damals die Regel, doch Sohn Martin wurde nicht im Elternhaus in Stüsslingen geboren, sondern im Spital in Aarau. Schicksal? Vielleicht. Immerhin entband der spätere Arzt in seiner Studiumszeit in den Spitälern Olten und als Assistenzarzt in Herzogenbuchsee über 20 Kinder. Aber auch wenn er heute jeden Tag über 40 Frauen und Männer behandelt, einen Stamm von 1000 Patienten hat und in seinen 32 Jahren in Grenchen gegen 10 000 Menschen geholfen hat, wieder gesund zu werden – Arzt war nicht einmal sein ursprüngliches Berufsziel.

Der Widerstand gegen die Eltern

Auch wenn Martin Walters Eltern hohe Erwartungen an ihn stellten: «Wir kamen aus der Arbeiterklasse. Arzt zu werden, war dazumal ein schieres Ding der Unmöglichkeit für Leute unseres Standes.» Schicksal vielleicht. Aber keines, das Martin Walter einfach hinnehmen wollte. Obwohl – oder vielleicht gerade weil – die Eltern es nicht zuliessen, landete Martin Walter per Ausschlussverfahren doch noch beim Arztberuf.

«Eigentlich wollte ich Altphilologie, die Wissenschaft der lateinischen und altgriechischen Sprache, studieren», sagt Martin Walter. Sein Lehrer Franz Lämmli – auch Lehrer des Kabarettisten und Literaturpreisträgers Franz Hohler – hatte ihn am Progymnasium in Olten stark geprägt. Seinem Schüler Martin Walter riet Lämmli aber schliesslich davon ab, wie er Altphilologie zu studieren. Der Untergang der alten Sprachen zeichnete sich ab. Noch drei Monate vor der Matur wollte Walter Gymnasiallehrer werden. Immerhin war er Bestschüler. «Wenn es schwierige Sätze zu lösen gab, hiess es immer: ‹Da fragen wir am besten den Martin›.» Das muss ihn stolz gemacht haben. Aber das ist lange her. So lange, dass auffälliger Stolz dem Baldpensionär vermutlich unangenehm wäre und er sich dabei närrisch vorkäme.

Auf närrische Weise lernte er 1968 auch seine Ehefrau kennen: An der Fasnacht in Olten. Zwei Jahre später schon waren die beiden verheiratet und bekamen 1972 ihr erstes Kind. Drei sind es heute insgesamt, und zwei Grosskinder. Neben der Küche im Haus, in dem Walter auch seine Praxis hat, steht der Babystuhl für die Enkelinnen. Kinder, die dem Ehepaar Walter grosse Freude bereiten, und fast die einzigen, die Hausarzt Walter heute noch beschäftigen. Geburtshilfe war früher nur ein Nebenbei. Walter studierte die Innere Medizin.

Die Veränderungen in Grenchen

Sein guter Freund Thomas Reinhart aus Selzach lockte Walter vor über 30 Jahren nach Grenchen. «Er erzählte mir, dass man dringend einen neuen ‹Dokter› brauche.» Ein Wunschziel sei Grenchen nie gewesen. Am 1. April 1981 begann Martin Walter dennoch in der Praxis an der Alpenstrasse in Grenchen mit seiner Arbeit. Er ist heute einer der dienstältesten Allgemeinmediziner der Stadt, zusammen mit noch zwei, drei anderen. Insofern gebe es durchaus eine Parallele zu früher. «Vor 32 Jahren fing ich als junger Arzt in Grenchen an, weil es alles nur noch alte Männer hatte», sagt er. Und heute sei er selber ein alter Mann.

Walter hat gesehen, wie sich die Stadt Grenchen entwickelt hat. Städtebaulich brachte die Verbindung des nördlichen und südlichen Stadtteils eine grosse Lebensverbesserung. Vieles habe sich zum Positiven entwickelt, auch wenn man früher über den Belag auf dem Marktplatz geschimpft habe. Mit Spannung beobachtet Walter die Entwicklung des Regionalflughafens. Besonders am Helikopterlärm stört sich der 67-Jährige. Auch das Ende des Spitals Grenchen, wo er eine Zeit lang selber praktizierte, schmerzt ihn noch bis heute.

Die Angst vor dem Ruhestand

Der Beruf des Hausarztes hat sich ebenfalls stark verändert, der technologische Fortschritt hat dem Berufsstand geschadet. «Hausärzte sind manchmal nicht mehr viel mehr als akademische Sekretäre, die die Arbeit an Spezialisten verteilen.» Die neue Tarifstruktur Tarmed habe dazu geführt, dass sich sein Einkommen halbiert hat. Dafür waren seine letztlich 32 Berufsjahre mehr als spannend, etwa, als er einem Patienten den fürsorglichen Freiheitsentzug verordnen musste, oder als er für die Polizei den Todeszeitpunkt Verstorbener festzustellen hatte. Zur Polizei entstanden einige Freundschaften in dieser Zeit.

Auch als Pensionär bleibt Martin Walter in Grenchen. Für die unzähligen Begegnungen mit Patientinnen und Patienten ist der «Dokter» sehr dankbar. Und doch ist es genau das, was ihn derzeit noch umtreibt. «Ich habe Angst», verrät er. Angst, was er mit seiner Zeit anfange, wenn er nicht mehr arbeitet. Angst, dass ihm die vielen wertvollen Begegnungen und Beziehungen mehr fehlen werden, als ihn der Ruhestand freut. Erst langsam, sagt Walter, entwickle sich das alles zu einem guten Gefühl.

Walter, der Atomgegner

Martin Walter, Facharzt für Innere Medizin FMH, kämpft seit Jahrzehnten gegen Atomkraft, auch wenn er dieses Engagement zu Anfangszeiten für sich behielt. Schon als junger Assistenzarzt hat er bei der Besetzung des Baugeländes des AKW Kaiseraugst mitgemacht und war Gründungsmitglied der Schweizer Sektion der Vereinigung IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War). Aufgewachsen in Stüsslingen, konnte er den Blick auf das AKW Gösgen irgendwann nicht mehr ertragen. Auch wenn er seine Arbeit als Hausarzt Ende März beendet und seine Praxis an einen Nachfolger übergibt, bleibt er seinem Anti-AKW-Engagement treu. Bereits steckt er mitten in einem neuen Projekt, bei dem anhand von Messungen in Milchzähnen Rückschlüsse über die Auswirkungen der Katastrophe in Fukushima gezogen werden sollen. (fup)

Martin Walter in Fukushima:

Fukushima - ein Jahr danach
10 Bilder
Martin Walter mit umgehängtem Geigerzähler
Gespräch mit Vertretern der Kraftwerk-Betreiberfirma Tepco
Gespräch mit Tetsuji Imanaka, atomkritischer Wissenschaftler am Reaktorforschungsinstitut Kyoto
Das verstrahlte Material wird einfach in Plastiksäcke gestopft
Der Messwert in Watari ist 1000fach erhöht
Das iPhone zeigt die Koordinaten der problematischen Messung in Watari(Fukushima)
Strahlenmessung in Fukushima
Martin Walter mit Yuko Nishiayama, betroffene Mutter aus der Region Fukushima und Buchautorin Susan Boos
Hier wurde eine Bodenprobe entnommen

Fukushima - ein Jahr danach

zvg