Restaurierung

Grenchner erweckte einen Jaguar SS zu neuem Leben

Urs Lerch hat den edlen Oldtimer von Grund auf innert dreier Jahre neu aufgebaut. Das Fahrzeug hatte er in desolatem Zustand gekauft.

Der 58-jährige Unternehmer Urs Lerch, der zusammen mit seinem Bruder Jürg die Pignons-Fabriken leitet, fährt normalerweise einen Skoda Superb. Aber in der Garage der Familie Lerch stehen gleich drei edle Karossen: ein grosser Bentley, ein beigefarbener und ein schwarzer Jaguar SS. Letzterer gehört Urs Lerch und wurde von ihm von Grund auf komplett restauriert und wieder instand gestellt.

1976 hatte Urs Lerch die Fahrprüfung im ersten Anlauf bestanden. «Als gelernter Mechaniker wäre alles andere undenkbar gewesen», sagt er mit einem Schmunzeln. Zwar nicht Automech, aber doch immer interessiert an Autos. Sein Schmuckstück, den Oldtimer aus dem Jahr 1937, fand er im Jahr 1983 aufgrund einer Anzeige in der «Automobilrevue». «Der Wagen war in einem desolaten Zustand, stand draussen und war ziemlich verrostet. Der Vorbesitzer, ein Zürcher Postangestellter, hatte ihn gekauft mit der Absicht, ihn instand zu stellen, aber offensichtlich hatte er sich da überschätzt. Also verkaufte er mir den ‹Schrotthaufen› für 6500 Franken.»

Es handelt sich um einen Jaguar SS, Jahrgang 1937 mit einem 3,5 Liter Sechszylinder-Reihenmotor. Das «SS» stand für «Super Standard» und wurde nach Kriegsausbruch weggelassen, verständlicherweise. «Der Jaguar SS war ursprünglich ein Wagen für die Mittelklasse. Die Produktion wurde während des Kriegs eingestellt und nach dem Krieg nur für kurze Zeit wieder aufgenommen», so Lerch, der sich intensiv mit der Geschichte dieses Modells befasst hat. Folglich wurden vergleichsweise geringe Stückzahlen produziert.

Ein echter Brite

Der Wagen ist rechtsgesteuert, die englischen Autohersteller produzierten damals noch keine linksgesteuerten für den europäischen Markt. Gerne hätte er auch mehr über den oder die Vorbesitzer seines Wagens erfahren, doch die meisten Dokumente seien am 12. Februar 1957 bei einem Grossbrand in der Fabrik am Hauptsitz von Jaguar in Coventry verloren gegangen, wie er erfahren musste, als er eine Anfrage bei der Firma lancierte.

Lerch überführte den Wagen nach Grenchen und die mühsame Arbeit begann. «Man muss sich vorstellen: Vieles fehlte, wie zum Beispiel die berühmte Kühlerfigur und die Aussenspiegel. Die Lampen waren demontiert, die Speichenfelgen kaputt, in den zerrissenen Ledersitzen hausten Mäuse und der Boden war durchgefault. Alle Anzeigeinstrumente und Teile des Armaturenbretts waren defekt, die Reifen platt und nicht mehr zu gebrauchen.» Also blieben eigentlich nur eine defekte und durchgerostete Carrosserie, Motor, Getriebe, Chassis und Achsen übrig. Alles musste von Grund auf restauriert oder sogar neu hergestellt werden.

Das meiste ist Handarbeit

«Als Erstes nahmen wir die Carrosserie in Angriff.» Mit «wir» meint Urs Lerch auch den Carrosserie-Spezialisten Silvio Boscaini aus Oberwil – inzwischen verstorben – der vor dem Krieg bei Lancia und Alfa Romeo gearbeitet hatte. «Er war oft bei Rennen mit dabei, und da mussten die Carrosseriespengler manchmal über Nacht neue Teile oder ganze Carrosserien herstellen – alles in Handarbeit.»

Die Einzelteile – Kotflügel, Seiten, Haube etc. – wurden damals nicht wie heute verschweisst oder verklebt, sondern zusammengeschraubt. Und damit nicht Metall auf Metall reibt, legte man feine Lederstreifen dazwischen, die nun ein Sattler gleich meterweise nähte, weil alle ersetzt werden mussten. Die Lampen wurden frisch verchromt, neue Reifen beschafft, die Felgen neu verspeicht, die Ledersitze massgeschneidert neu genäht und, und, und. Jedes Instrument am Armaturenbrett musste revidiert, das Armaturenbrett selber aus Buchenholz teilweise erneuert werden. Ebenso die Innenverkleidung und die Decke.

Speziell: Der Boden des Jaguars besteht aus Holz. Genauer: aus Redwood-Holz. «Damals, 1983/84, durfte man dieses Holz noch importieren. Jetzt wäre das nicht mehr möglich, zumindest in der Schweiz nicht. Das war unser Glück, denn der Originalboden war komplett durchgefault.» Also wurde ein neuer Boden hergestellt und eingebaut.

«Das Einzige, an dem man nichts machen musste, waren Motor und Getriebe: Ich habe den Motor rausgenommen, aufgebockt, sandgestrahlt, frisch gespritzt und wieder eingebaut. Benzin eingefüllt und nach etwa 10 Umdrehungen lief er rund wie am ersten Tag!»

Dann war der Wagen fertig

Drei Jahre, unzählige ungezählte Arbeitsstunden und einige zehntausend Franken kostete die Instandstellung des Oldtimers. Aber statt sich nach vollendeter Arbeit glücklich zu fühlen, sei eine Art Beklommenheit hochgestiegen. «Was jetzt? Ich habe bei der Instandstellung immer wieder spannende Momente erlebt. Und jetzt sollte das Abenteuer einfach so zu Ende sein?». Ein Abenteuer auch mit komischen Momenten: So hatte Lerch einen Bürostuhl aufs Chassis montiert – ohne Carrosserie, setzte sich einen Motorradhelm auf und fuhr mit seinem Gefährt zu Testzwecken runter in die Witi. «Einige fragten sich, ob ich da etwa in einem neuen Rennwagen unterwegs sei.»

Lerch konnte übrigens noch die Carrosserie und weitere Einzelteile eines anderen Jaguars SS beschaffen. Die Ersatzteile sind bei ihm eingelagert, für den Fall, dass mit seinem Schmuckstück etwas passiert. «Denn einen Kotflügel beispielsweise von Hand herstellen zu lassen, wäre heute unbezahlbar.»

Nur bei schönem Wetter

Den Jaguar weiterzuverkaufen wäre zwar möglich, komme für ihn aber nicht infrage. «Das können dann meine Nachfolger tun, wenn sie wollen.» Jährlich kommen zwischen 600 bis 800 Schönwetter-Kilometer zusammen, sagt der Oldtimer-Fan. «Der Holzboden und die Speichenfelgen habens nicht so gern mit Wasser. Und ausserdem ist der Wagen auch nicht ganz dicht, speziell im Bereich des Schiebedachs.»

Meist führen die Ausfahrten in den Jura oder an einen der drei Juraseen. «Der Jaguar ist auch nicht so angenehm zu fahren auf lange Strecken: Bei schönem Wetter wird es im Innern nicht nur warm, sondern geradezu heiss.» Ausserdem: Ohne Servolenkung und einer Gangschaltung, deren untere Gänge nicht synchronisiert sind – Schalten mit Zwischengas – ist das Fahren nicht besonders entspannend. Darum fährt Lerch auch nicht mehr an die Jaguar- oder Oldtimertreffen in der Ostschweiz oder in Zürich. «Da käme man nicht um die Autobahn herum. Bei den heutigen Staus kein wirkliches Vergnügen.»

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