Während die kriegführenden Staaten im Ersten Weltkrieg Millionen von Toten zu beklagen hatten, blieb die Schweiz mehrheitlich verschont. Welches Leid aber ein gewaltsamer Tod im Krieg bedeutete, erfuhr die Grenchner Familie Flury. Ihr Sohn Walter Flury wurde vor genau 100 Jahren, am 7. Oktober 1918, von einem deutschen Jagdflieger abgeschossen.

Walter Flury.

Walter Flury.

Der im Jahr 1896 geborene Walter Flury war ein talentierter und hoffnungsvoller junger Mann. Er absolvierte das Technikum in Biel und war bei der Ballontruppe der Schweizer Armee zum Offizier aufgestiegen. Als ehemaliger Angestellter der Lastwagenfabrik Berna in Olten arbeitete er neu bei der Schweizerischen Industriegesellschaft (SIG) in Neuhausen und hatte kurz vor seinem Tod die Idee eines «federnden Fahrzeugrades ohne Gummibereifung» zum Patent angemeldet.

Ausguck im Ballon

Aber am 30. September 1918 wurde die Ballonpionier Kompanie 2 zum Aktivdienst in den Pruntruter Zipfel aufgeboten. Auch Leutnant Flury tat seine Pflicht und reiste in die Ajoie. Am Montag, 7. Oktober, wurde er auf die Beobachtungsstation in einem Fesselballon kommandiert. Nördlich der Ortschaft Miécourt stieg der Ballon um 9 Uhr auf eine Höhe von über 1000 Meter auf. Walter Flury musste von seiner Aussichtsplattform die Landschaft beobachten und fremde Truppenbewegungen melden. Die deutsch-französische Front verlief in der Nähe.

Rund 35 Minuten später tauchten zwei deutsche Jagdflugzeuge über dem französischen Oberlarg auf und flogen der Grenze entlang Richtung Miécourt. Walter Flury meldete mit Hornstössen, dass wegen der Gefahr der beiden Maschinen – sie wurden als Flugzeuge des Typs Albatros identifiziert – der Fesselballon eingezogen werden sollte. Das hintere Jagdflugzeug befand sich über Schweizer Boden und wurde von der schweizerischen Füsilier Kompanie II/64 beschossen.

Die Zeit reichte nicht mehr zum vollständigen Einziehen des Fesselballons. Als sich Flury etwa 600 Meter über dem Boden befand, umkreisten die beiden Jagdflugzeuge den Ballon. Dann stiess die vordere Maschine hinunter und schoss mit dem Maschinengewehr zwei kurze Garben in den hinteren Teil des Ballons, der sofort zu brennen begann und abstürzte. Beide Flugzeuge entfernten sich dann in nördlicher Richtung. Leutnant Flury war sofort tot, seine Hände umfassten noch den Feldstecher. Der untersuchende Truppenarzt schloss nicht aus, dass er schon in der Luft durch ein Projektil in den Kopf getroffen worden war.

Der Angriff auf den Fesselballon der neutralen Schweiz blieb nicht ohne Folgen. Schon am 8. Oktober wurde eine diplomatische Note nach Berlin gesandt. Darin wurde der Ablauf des Angriffs minutiös dargestellt. Es wurde auch darauf verwiesen, dass sich der Ballon eindeutig über Schweizer Gebiet befunden habe. Mit Brief vom 19. Oktober 1918 teilte der deutsche Militärattaché in der Schweiz, Busso von Bismarck (1876–1943), dem Schweizer Generalstab mit, dass der verantwortliche Pilot zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden sei.

«Achtenswerte Kampfeslust»

Bismarck beschrieb ausführlich, wie schwer die Schuld des Piloten sei. Alles ohne Angabe seines Namens und der Einheit, der er angehörte. Als strafmildernd müsse sein jugendliches Alter von kaum 20 Jahren betrachtet werden, sein bisheriges pflichtgetreues Verhalten als Soldat und Kampfflieger und der «Umstand, dass der Angeklagte durch an sich achtenswerte Kampfeslust zu seiner Verfehlung hingerissen wurde».

Die Beerdigung fand zwei Tage nach dem Abschuss statt, und zwar auf dem damaligen Friedhof beim Lindenpark, wo sich heute das Jugendhaus befindet. Der Kommandant der Ballontruppe, Major Emil Messmer (1875–1942), hielt laut Grenchner Tagblatt die Grabrede. Er bezeichnete Flury als kerngesund, hübsch gewachsen, von schlanker, prächtiger Statur und mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht. Er sei der erste Tote der eidgenössischen Ballontruppe, die im Jahr 1900 geschaffen worden sei.

Oskar Flury, der Vater von Walter Flury, machte am Tag nach der Beerdigung mit einem handschriftlichen Brief an das eidgenössische Politische Departement die zivilrechtlichen Ansprüche geltend. Der Grenchner Rechtsanwalt Max Dorer konkretisierte am 19. Dezember 1918 mit Schreiben an den damaligen Bundespräsidenten Felix Calonder (1863–1952) die zivilrechtlichen Forderungen. Er forderte eine Zahlung von 200'000 Fr., die er ausführlich begründete. Die Verhandlungen zogen sich über mehrere Monate hinweg.

Am 18. April 1919 kam es dann zu einem Abkommen zwischen Adolf Müller, dem Gesandten des Deutschen Reiches in Bern, und der Familie Flury. Darin wird festgehalten, dass der Familie des getöteten Ballonoffiziers eine Entschädigung von 80'000 Fr. ausbezahlt wird. Ebenso wurden die Anwaltskosten übernommen. Im Gegenzug musste die Familie alle Ansprüche gegen den schuldigen deutschen Flieger an das Deutsche Reich abtreten.