Kunstfehler
Grenchner Arzt rechnet per Todesanzeige mit Berufskollegen ab

Ein Grenchner Arzt beschuldigt posthum seine Berufskollegen. In einer Todesanzeige werden Spezialärzten «katastrophale Kunstfehler mit verheerenden Folgen» vorgeworfen.

Andreas Toggweiler
Merken
Drucken
Teilen
Diese Todesanzeige sorgt für Gesprächsstoff – nicht nur unter Ärzten.

Diese Todesanzeige sorgt für Gesprächsstoff – nicht nur unter Ärzten.

Normalerweise danken die Hinterbliebenen in der Todesanzeige Ärzten und Pflegepersonal für die gute Pflege, die sie einem jetzt verstorbenen Familienmitglied angedeihen liessen. Ganz anders der Tenor einer Anzeige, die am Wochenende in dieser Zeitung erschienen ist: «Wegen einer Blinddarmoperation wurde sein glückliches Leben mit einem Schlag zerstört.

Spezialärzte machten katastrophale Kunstfehler mit verheerenden Folgen...» heisst es da. Der verstorbene war selber Arzt in Grenchen gewesen und starb im Alter von 73 Jahren, indem er freiwillig aus dem Leben schied. Er habe die mit den Komplikationen verbundenen Leiden nicht mehr ertragen.

Wunsch des Verstorbenen

«Die Todesanzeige entsprach in ihrer Formulierung dem letzten Willen meines Vaters», erklärt die Tochter nach Absprache mit der Witwe des Verstorbenen. «Für uns ist damit die Sache erledigt.»

Ist sie das wirklich? Obwohl in der Formulierung Spitalärzte angegriffen werden, sind auch Grenchner Ärztekollegen konsterniert: «Die Todesanzeige hat mich sehr betroffen gemacht. Sie zeugt von einer grossen Verbitterung», sagt der Grenchner Allgemeinpraktiker Marcel Tièche, der Willi Brutschin zwar gekannt hat, ihm aber nicht speziell nahe stand. «Brutschin war in Grenchen ein bekannter und geschätzter Arzt mit vielen Patienten».

Einen grossen Tiefschlag musste dieser allerdings bereits vor Jahrzehnten einstecken, als er von der «Schweizer Illustrierten» beschuldigt wurde, zu viele und zu hohe Rechnungen auszustellen. «Ich glaube, das hat ihn damals persönlich sehr hart getroffen», sagt Tièche.

Arztgeheimnis

Nicht auszuschliessen, dass seine gesundheitlichen Probleme auch mit diesen Vorwürfen zusammenhingen. Brutschin galt allerdings als sportlich und gesellig. Die Todesanzeige erwähnt eine Blinddarmoperation. Über Art und Umfang der Komplikationen bzw. die behaupteten Kunstfehler will die Familie nichts sagen. Auch nicht darüber, welche Ärzte oder Spitäler in den «Fall» verwickelt waren.

«Ich gehe nicht davon aus, dass Kollegen aus Grenchen von den Vorwürfen betroffen sind», sagt Tièche. Im (womöglich betroffenen) Bürgerspital Solothurn beruft man sich auf das Arztgeheimnis. «Wir würden uns strafbar machen, wenn wir über Patientenbeziehungen informieren würden», sagt Eric Send, Sprecher der Solothurner Spitäler AG. Eine offizielle Stellungnahme seitens der Grenchner Ärtztekammer sei nicht zu erwarten, liess der Vorsitzende Andreas Rüeger (Bettlach) ebenfalls ausrichten.

«Ein Alarmsignal»

Der Umstand, dass ein Arzt seine Kollegen so massiv beschuldigt, gibt in der Grenchner Ärzteschaft dennoch zu reden. Für Fritz Zach, dienstältester Allgemeinpraktiker am Platz, ist die Abrechnung auch ein Alarmsignal für das Gesundheitswesen insgesamt. «Die Grundversorger stehen unter einem enormen Druck. Wir arbeiten immer mehr und werden am Ende noch von Patienten beschuldigt», sagt Zach. Immer weniger Ärzte seien bereit unter solchen Bedingungen zu arbeiten. «Die Situation bei der Grundversorgung wird schöngeredet.» Auch wenn er nichts direkt zum tragischen Fall seines Kollegen sagen könne: «Die Qualität der Grundversorgung sinkt.»