Die Bagger sind aufgefahren. Das altehrwürdige Schlachthaus an der gleichnamigen Strasse wird dem Erdboden gleichgemacht. An seiner Stelle wird eine Wohnsiedlung mit 29 Wohnungen und einer Tiefgarage gebaut (wir berichteten). Verloren geht ein Gebäude, das auf eine besondere Geschichte zurück blickt. Die Grenchner schätzten schon immer ein gutes Stück Fleisch, die Geschichte der Metzgereien ist eine bewegte. Dabei war es ausgerechnet 1850, im Jahr, in dem die Uhrenindustrie eingeführt wurde, als sich der erste Metzger in Grenchen etablierte. Vorher schlachtete jeder Bauer selber. Doch da sich der Wandel vom Bauerndorf zur Uhrenstadt abzeichnete, hatten Metzger neuerdings gute Chancen.

Grenchen wurde unabhängig

In den Jahren 1889 und 1890 baute die Gemeinde das Schlachthaus. Davor schlachtete jeder Metzger im eigenen Betrieb. Die Gemeinde wollte nicht zuletzt aus gesundheitshygienischen Gründen den Handel mit Fleisch kontrollieren. Das Schlachthaus kostete 70000 Franken. An der Einweihung nahmen vier Metzger teil, die im 6000-Seelen-Ort Grenchen ihr Auskommen fanden. Bevor das Schlachthaus existierte, hatte ein Laien-Fleischschauer die Aufsicht über das Fleisch. Später übernahm ein Tierarzt diesen Dienst. Der Tierarzt kontrollierte nicht allein das Fleisch aus dem Schlachthaus, sondern auch importiertes Fleisch. Als importiert galt alles Fleisch- und Geflügel, das ausserhalb der Gemeindegrenzen produziert worden war.

1943 liess die Stadt eine Tiefkühlanlage einbauen. Damit wurde Grenchen unabhängig von den grossen Tiefkühlzentren der Schweiz. Diese Anlage kostete weitere 70000 Franken. 1959 wurden im Gefriertunell ganze 15383 Kilogramm Fleisch eingefroren. Weitere 70000 Franken gab die Gemeinde im Jahre 1946 für das Wohnhaus mit Büro des Hausverwalters aus. 1947 wurden Sanierung und Umbau der Schweineschlachthalle in Angriff genommen. Das kostete 160000 Franken.

Aufhebung sorgte für Aufruhr

Nach dem Bau des Schlachthauses hatten sich die Metzger dem sogenannten Schlachthauszwang zu beugen. Der jeweilige Schlachthausverwalter und sein Schlachthofgehilfe standen den Metzgern helfend zur Seite. Die Schlachthofverwalter waren 1893 bis 1926 Johann Schöni und von 1926 bis 1964 Fritz Schöni.

Die Gemeindeversammlung lehnte in den 80er-Jahren auf Druck der Landwirte die Aufhebung des Schlachthauses ab. Die Aufhebung wurde zum wichtigen Thema, als die Kontrollinstanzen kategorisch eine Gesamtsanierung der Anlage verlangten. Erst zwei Jahre später stimmte die Gemeindeversammlung der Aufhebung zu. In der Folge wurde diskutiert, ob mit Solothurn zusammen ein neues Schlachthaus erstellt werden sollte. Ergebnislos. Und zuletzt? Bis in die jüngste Zeit noch diente ein Teil des Schlachthofes den drei Pilzkontrolleuren als Arbeitsplatz.

Mitarbeit: Patrick Furrer