Ein Dorf wird zur Stadt
Grenchen und Pratteln teilen das Schicksal der «verstädterten Dörfer»

Der Blick über den Jura zeigt : Grenchen und Pratteln haben einige Gemeinsamkeiten. Ein Vergleich legt Ähnlichkeiten in den Bereichen Wirtschaft und Gesellschaft dar. Zudem werden beide Städte immer wieder als «Dorf» bezeichnet.

Daniela Deck
Drucken
Teilen
Das Längiquartier in Pratteln im Kanton Basel-Landschaft (links): das Pendant zum Lingeritzquartier in der Stadt Grenchen am Jurasüdfuss (rechts).

Das Längiquartier in Pratteln im Kanton Basel-Landschaft (links): das Pendant zum Lingeritzquartier in der Stadt Grenchen am Jurasüdfuss (rechts).

Roland Schmid/Oliver Menge

Pratteln im Kanton Basel-Landschaft und Grenchen haben eine Menge gemeinsam. Das gilt für die Grösse und die soziale Struktur der Städte ebenso wie für die Wirtschaftsgeschichte, bis hin zum Trauma zeitgleich in den Siebzigerjahren. Am Juranordfuss wie am Jurasüdfuss gehen die alt Eingesessenen «ins Dorf», wenn sie im Zentrum etwas zu erledigen haben. Schlaglichter auf eine wenig bekannte Schicksalsgenossin «ennet dem Berg».

Wohnen und Arbeiten sind in Pratteln ebenso eng verzahnt wie in Grenchen. Die Industriegebiete erstrecken sich über das gesamte Gemeindegebiet. Dennoch klassiert das Heimatbuch Pratteln als «typisches Dorf». Dies ist weniger als Abgrenzung zur mächtigen Stadt Basel zu verstehen als gesellschaftlich: Das kulturelle und politische Leben findet gemäss Heimatbuch fast nur im Dorfkern statt. Dieser Dorfkern ist ebenso sehenswert wie historisch bedeutsam. Pratteln blickt auf eine Geschichte seit der Römerzeit zurück.

Schwierige Satellitensiedlungen

Doch die Konzentration auf den historischen Ort hat eine Kehrseite. Die Aussenquartiere, geplant als autonome Satellitenstädte inklusive Schule, Einkaufszentrum und Pfarrei, fristeten bis vor kurzem ein Schattendasein. Das Längiquartier erlangte sogar landesweit unrühmliche Bekanntheit als Sinnbild für die Malaise abgekoppelter Problemsiedlungen. Pratteln geht das Problem seit einigen Jahren mit Unterstützung des Bundes im Projet Urbain an.

Bei der Siedlungsstruktur ist Grenchen völlig anders aufgestellt: kein historischer Kern und als einziges Satellitenquartier ein Bauerndorf mit fest verwurzeltem Traditionsbewusstsein. Schwierigkeiten machen in der Uhrenstadt die Siedlungsränder, besonders im Westen und Süden.

Gesamthaft hat Pratteln derzeit 15 365 Einwohnerinnen und Einwohner. 39 Prozent (6059) davon ohne Schweizer Pass und setzt sich aus 96 Nationen zusammen. Die Einwohnerzahl Grenchens beträgt aktuell 16 950, davon 33 Prozent (5578: Zahlen Ende Mai 2015) ausländische Mitbewohner aus über 100 Nationen. Gemeinsam sind beiden Städten die Italiener als grösste und integrierte Ausländergruppe. In Pratteln stehen an zweiter Stelle die Türken, die meisten kurdischer Abstammung. In Grenchen stehen an zweiter Stelle die Deutschen, gefolgt von Personen serbischer Nationalität.

Auf 3. Sektor setzen

Die Sozialhilfequote ist in Pratteln mit 5,1 Prozent (Angabe der «Baselland Woche» diesen März) um einiges niedriger als die 6,7 Prozent in Grenchen, die als letzte Zahl der Bundesstatistik erhältlich ist, per Ende 2013. Bei den ortsansässigen Bürgern ist der Unterschied augenfällig: In Pratteln wohnen 2444 Bürger, in Grenchen sind es mit zirka 1230 nach Angabe des Bürgersekretariats gerade einmal die Hälfte.

In Pratteln begann die Industrialisierung 14 Jahre vor Grenchen, mit der Ausbeutung der Rheinsalinen. Nach der Chemie siedelte sich Schwerindustrie an. Das Pendant zur Uhrenkrise heisst in Pratteln Firestone. 1978 stellte der amerikanische Reifenhersteller alle 600 Angestellten auf die Strasse. Die Zementfabrik Brodbeck, Henkel (Persil) und die Metallfirma Buss folgten dem Beispiel, indem sie ihre Werke schlossen oder massiv verkleinerten. Den Abschluss des Aderlasses bildete im Jahr 2000 Bombardier (ehemals Schindler Waggon).

Nach Einschätzung von Gemeinderat Emanuel Trueb fiel Pratteln für fast eine Generation in «eine Art Schockstarre», die man erst nach dem Millenniumswechsel abgeschüttelt habe. «Seither entwickeln wir uns konsequent in Richtung tertiärer Sektor, mit Produktion und Logistik, zum Beispiel in der Möbelbranche mit Möbel Pfister, Ikea und Conforama.» Mit dem ambitiösen Projekt «Salina Raurica» bietet Pratteln unterschiedlichen Branchen von der Industrie bis zum Dienstleistungssektor gute Bedingungen zur Entfaltung oder Neuansiedlung.

Der jüngste Erfolg in dieser Richtung ist der Neubau des Verteilzentrums von Coop. Dazu erklärt der Gemeindepräsident und ehemalige Coop-Mitarbeiter, Beat Stingelin: «Coop ist seit 1900 in Pratteln ansässig.» Er ist überzeugt: «Unsere Bevölkerung braucht auch in Zukunft handwerkliche Beschäftigung. Die Leute sind sich das gewöhnt.»

Stadtpräsidium mit 50 Prozent

Offenbar sind sich die Leute auch gewöhnt, dass ihr Stadtpräsident mit einem halben Pensum immer verfügbar ist – eine Aufgabe, für die in Grenchen eine Vollzeitstelle kaum ausreicht. Auf der Verwaltung Pratteln konnte auf Anfrage niemand spontan beziffern, wie das Präsidium dotiert ist. Konfrontiert mit diesem Kuriosum, lacht Beat Stingelin und sagt: «Ich bin ziemlich omnipräsent.» Anscheinend empfindet er seine Aufgabe als eine Mischung aus Berufsarbeit und Ehrenamt.

Die Parallelen von Grenchen und Pratteln lassen sich sogar bis zum prominenten Italiener fortsetzen. Doch hier gibt es einen entscheidenden Unterschied. Pratteln hat Benito Mussolini nicht das Bürgerrecht verliehen – und auch kaum Grund, stolz auf ihn zu sein wie Grenchen auf Giuseppe Mazzini. Der spätere «Duce» liess sich 1902–04 als Maurer zwar in Pratteln nicht allzu viel zuschulden kommen – politische Brandreden hielt er hauptsächlich am Genfersee –, doch für einen kurzen Gefängnisaufenthalt nach der Beteiligung an einem Streik der Tischler soll es im Baselbiet alleweil gereicht haben.

Aktuelle Nachrichten