Schweizer Krimi

Grenchen soll Krimi-Hauptstadt werden – hinter der Idee steht der Oberdörfer Autor Christof Gasser

Der Solothurner Autor Christof Gasser plant die ersten Krimitage in Grenchen.

Der Solothurner Autor Christof Gasser plant die ersten Krimitage in Grenchen.

Der Oberdörfer Autor Christof Gasser plant ein Schweizer Krimiarchiv und nationale Krimitage in Grenchen. Auch ein Krimipreis soll alle zwei Jahre ausgerichtet werden.

In der Schweiz heissen sie nicht Hercule Poirot, Miss Marple oder Kommissar Brunetti, sondern Rabbiner Klein, Allmen oder Cora Johannis. Und sie erfreuen sich in den Buchhandlungen zunehmender Beliebtheit. Das Genre des Krimis mit Lokalkolorit hat in den letzten Jahren eine wahre Renaissance erlebt. Von der Literaturkritik wird es zwar als kommerziell verschmäht und ist beispielsweise an den Solothurner Literaturtagen explizit nicht willkommen.

Und so gibt es in der Schweiz bis anhin keine regelmässige Veranstaltung und auch kein Literaturarchiv, die sich mit dem heimischen Schaffen von Krimiautoren befassen. Der Solothurner Christof Gasser, der 2017 mit «Schwarzbubenland» und seiner Protagonistin, der Journalistin Cora Johannis, einen Bestseller landete, will dem nun abhelfen. Als Präsident des im Frühjahr gegründeten Vereins Krimi Schweiz - Verein für schweizerische Kriminalliteratur - hat er Grenchen zum künftigen Hauptquartier für das Schweizer «Krimiwesen» erkoren.

Ein Kind, geboren in der Coronazeit

«Die Idee und der Verein entstanden zu Beginn der Coronazeit», erklärt Gasser. «Wir haben das Ziel, eine Plattform für das Schweizer Krimischaffen aufzubauen in der Form eines Schweizer Krimifestivals in Grenchen.» Das Datum des ersten Festivals steht bereits fest: Es soll am 17. und 18. September 2021 über die Bühne des Grenchner Parktheaters gehen. Es werden Schriftsteller mit oder ohne Verlag aus der ganzen Schweiz erwartet, «die sich im besonderen Masse dem Genre der Kriminalliteratur widmen», heisst es auf der Homepage, die im Aufbau begriffen ist.

Neben einer Fachtagung, Podiumsdiskussionen und Lesungen, wird in einer Gala auch die Verleihung des neu zu schaffenden Schweizer Krimipreises ausgerichtet. «Vielleicht sind auch weitere Rahmenveranstaltungen möglich, beispielsweise zusammen mit der Polizei», meint Gasser. Sponsoren für den Anlass, der alle zwei Jahre stattfinden soll, insbesondere für den Krimipreis, werden noch gesucht.

Krimi-Archiv im Keller der Stadtbibliothek

Doch damit nicht genug: In Grenchen soll auch ein Schweizerisches Krimiarchiv entstehen, das auf dem Grundstock der umfangreichen Buchsammlung des Berners Paul Ott fusst. «Damit hat eigentlich alles angefangen», erklärt Christof Gasser weiter. Im Zusammenhang mit Recherchen zu seinem aktuellen Buch «111 Orte im Kanton Solothurn, die man gesehen haben muss» (Co-Autorin Barbara Saladin) kam er mit der Stadt Grenchen ins Gespräch auf der Suche nach einem künftigen Standort für Otts Krimisammlung, die schon mehrere tausend Titel umfasst.

Und dieses Gespräch verlief fruchtbar. Grenchen, das letztes Jahr eine brandneue Stadtbibliothek in der Alten Turnhalle eröffnet hat, stellt dem Verein im Keller des Gebäudes einen Raum und weitere Infrastruktur zur Verfügung. «Der Tenor in der Gemeinderatskommission war klar», meint Stadtpräsident François Scheidegger. «Für Grenchen besteht die einmalige Chance, das Zentrum für den Schweizer Krimi zu werden. Das Projekt bedeutet auch eine weitere Aufwertung für unsere schöne Stadtbibliothek.»

Eröffnung Stadtbibliothek Grenchen in der Alten Turnhalle Bilder aus dem Innern vor der Eröffnung ohne Publikum

Eröffnung Stadtbibliothek Grenchen in der Alten Turnhalle Bilder aus dem Innern vor der Eröffnung ohne Publikum

100 Laufmeter Regale der alten Bibliothek

«Wir können beispielsweise 100 Laufmeter ausrangierte Bücherregale der alten Bibliothek anbieten», erklärt Mike Brotschi, Projektleiter Standortförderung der Stadt Grenchen. Der Raum entsteht nach dem Rückbau der nicht mehr benötigten Gastroküche. Die Stadt stellt auch einen PC samt Drucker und das WLAN der Bibliothek zur Verfügung. Ins Budget 2021, das der Gemeinderat am Dienstag genehmigt hat, wurde auch ein Beitrag der Stadt von 10'000 Fr. an die Ausrichtung der ersten Krimitage aufgenommen.

Eine direkte Betreuung des Krimiarchivs durch die Grenchner Bibliothek ist hingegen nicht vorgesehen. Dies soll die Sache des Vereins bleiben. Christof Gasser hofft, dass das Archiv bis zum ersten Krimifestival 2021 bereit ist.

Für die Swatch Group gearbeitet

Der Initiator hat übrigens bereits sehr gute Verbindungen zu Grenchen. Der Bestsellerautor, der in Zuchwil aufgewachsen ist und heute in Oberdorf lebt, hat nämlich viele Jahre für die Swatch Group (ETA) gearbeitet. «Ich kenne Grenchen aus dieser Zeit gut und freue mich, wenn wir mit diesem Projekt das kulturelle Leben der Stadt bereichern können», meint er.

Da die Solothurner Literaturtage Krimis ausschliessen – was er übrigens nachvollziehen könne – und Solothurn kulturell ohnehin bereits hoch dotiert sei, sei die Entscheidung für Grenchen bewusst gefallen.
Grenchen eigne sich auch deshalb sehr gut als Standort, weil es verkehrsmässig gut erreichbar sei und an der Sprachgrenze liege. Denn im Verein der Krimiautoren wolle man bewusst alle Landessprachen einbeziehen. Die «Szene» der Schweizer Krimiautoren, schätzt er, umfasse heute etwa 50 Personen.

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