Grenchen
Grenchen macht sich für solvente Steuerzahler chic

Die Stadt will neues Industrieland zukaufen, gleichzeitig aber auch den Wohn- und Lebensstandort aufwerten. Bei allen Vorhaben muss der Gürtel aber eng geschnallt werden, da die Rechnung 2011 Anlass zur Vorsicht gibt.

Patrick Furrer
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Der Regionalflughafen und die Arbeitszone Süd sind in Zukunft ein wichtiger Wert für die Stadt Grenchen.

Der Regionalflughafen und die Arbeitszone Süd sind in Zukunft ein wichtiger Wert für die Stadt Grenchen.

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Der Businessplan 2012–2018 der Stadt nimmt sich verstärkt der Aufwertung Grenchens als Wohn- und Lebensort an. Wirtschaftsförderer René Goetz stellte gestern dem Gemeinderat die neueste Version des Planungstools vor. «Grenchen ist ein Industriestandort mit einer intensiven Wertschöpfung», lobte er. Diesen Bereich will man in den kommenden Jahren mit dem Zukauf neuen Industrie-Baulandes (in einer ersten Phase 37000 zusätzliche Quadratmeter) weiter stärken. Auch die Qualitätssicherung an den Schulen ist Thema, oder die Pistenanpassung des Flughafens, welche Goetz als nötig beurteilt. Ohne diese könnte der Flughafenbetrieb und damit ein grosser Standortvorteil gefährdet sein.

Grenchen wird den Gürtel enger schnallen

Die Rechnung 2011 schliesst schlechter ab als budgetiert. Statt einem Gewinn von rund einer halben Million Franken resultiert ein Defizit von 331280 Franken. Der Grund sind tiefere Einnahmen um gut 0,6 Mio. Franken, die auch durch tiefere Steuererträge (56,7 statt 58,5 Mio. Franken) hauptsächlich bei den natürlichen Personen zustanden kommen. Wie Finanzverwalter David Baumgartner erklärte, muss die Stadtin Zukunft ihre Ausgaben weiter reduzieren. Deshalb wird eine Arbeitsgruppe gegründend, welche sich mit möglichen Kostensenkungsmassnahmen beschäftigt. Vor allem die SVP begrüsste dieses Vorgehen. Im Weiteren verwies Baumgartner auf die weiterhin solide Finanzlage der Stadt. Die Fraktionen zeigten sich trotz Defizit mehrheitlich mit dem Ergebnis zufrieden und genehmigten die Rechnung 2011. Die Investitionsrechnung schliesst mit Nettoausgaben von 4,8 Mio. Franken ab. Das Nettovermögen sinkt auf 7,5 Mio. Der Selbstfinanzierungsgrad sinkt von 88 im Vorjahr auf 50 Prozent. Zu den besonderen Investitionen im 2011 gehören beispielsweise die Rennovationen und Umnutzung der Schulanlagen von total 2 Mio. Franken. (fup)

Grosser Handlungsbedarf wird im Bereich Wohn- und Lebensstandort geortet. Grenchen sucht mehr Personen mit einem mittleren bis höheren Einkommen. Momentan ist die Steuerkraft unterdurchschnittlich. Zwar entsteht mit Neubauten qualitativer Wohnraum, aber gewisse Quartiere und der Einkaufsstandort müssen aufgebessert werden. Konkret sollen die Problemquartiere Lingeriz/Ziegelmatt saniert und das Gewerbe gestärkt werden – etwa mit dem geplanten Shoppingcenter der Espace Real Estate und einer Marketingoffensive.

Hubert Bläsi (FDP) begrüsste die Pläne. Die Attraktivierung des Lebensstandortes sei anzustreben. Heinz Müller (SVP) wünschte sich durch eine Quartierentwicklung auch «Millionenquartiere» mit zahlungskräftigen Einwohnern. Andreas Kummer (CVP) verwies darauf, dass bei einer Aufwertung flankierende Massnahmen – etwa zur Integration – getroffen werden müssten, und darauf, dass man den Fokus noch stärker auf den Einkaufsstandort legen müsste.

Clivia Wullimann (SP) äusserte sich kritischer und forderte konkretere, treffendere Lösungsvorschläge, etwa im Bereich Bildung, wo die Schulen an Lehrermangel leiden. Nach einiger Diskussion wurde der Businessplan bei einer Enthaltung genehmigt. Die Massnahmen sind in einem Aktionsplan erfasst und werden anhand weiterer, separater Vorlagen ausgeführt werden.

Energiestadt mit Energierichtplan

30000 Franken bewilligte der Gemeinderat für die Erarbeitung eines Energierichtplans, den die Regionalplanungsgruppe Grenchen-Büren initiiert hat. Stadtbaumeister Claude Barbey erklärte, dass es beim behördenverbindlichen Instrument darum geht, Synergien zu bündeln und ein Flickwerk aus Einzelmassnahmen zu verhindern. Damit legen Gemeinden fest, welcher Energieressource sie den Vorzug geben, mit Fokus auf erneuerbare Energien und Abwärmeprojekte (wir berichteten). Auch die anderen Repla-Gemeinden sollen sich daran beteiligen. Die Kantone Solothurn und Bern übernehmen je einen Viertel der Gesamtkosten von 180000 Franken. Entgegen den Überlegungen der SVP-Fraktion, womit «nur wieder unnötig Geld ausgeben wird», wie Marc Willemin feststellte, wurde dem Projekt stattgegeben. Susanne Schaller (FDP) erklärte, auch im Gedanken an die steigenden Energiekosten sei das Instrument unterstützungswürdig. Auf Antrag der SVP wurde zusätzlich SWG-Geschäftsleiter Per Just in den Projektierungsausschuss gewählt.

Auch Per Justs Arbeitgeber muss sich dem Umbruch im Strommarkt stellen, wie der Geschäftsleiter bei der Präsentation der SWG-Jahresrechnung erklärte. Dies tut der Stromversorger mit dem Ausbau neuer Geschäftsfelder – als Paradebeispiel dient der geplante Windpark. Der Rat genehmigte die Rechnung mit einem Jahresgewinn von knapp einer Million Franken.

Der Gasabsatz war im 2011 aufgrund der warmen Monate sehr tief. Der Bereich Wasser bleibt ein Sorgenkind – technische Anpassungen sind nötig. Der Verkauf von Strom konnte um rund 3,1 Prozent auf 143 Mio. Kilowattstunden gesteigert werden. Die Abgabe an die Stadt beträgt 2011 rund 1,5 Mio. Franken (Vorjahr 1,4 Mio.). Alles in allem «ein gutes Ergebnis in einem hart umkämpften Markt», wie Just zufrieden feststellte.