Stadtbummel Grenchen
Grenchen ist Tango!

Brigitte Stettler*
Brigitte Stettler*
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«Grenchen ist nicht Dreivierteltakt, nicht Walzer!» – «Grenchen ist – Tango!»

«Grenchen ist nicht Dreivierteltakt, nicht Walzer!» – «Grenchen ist – Tango!»

Keystone

Wie immer, kurz vor Weihnachten, treffe ich mich mit einem Freund, um über Grenchen zu reden. Was heisst da, reden: Wir lästern, wir fluchen, wir gifteln, wir rufen aus, wir täubelen und gerüchteln, als obs kein Morgen gäbe. Grenchen mit seinen Löchern in den Strassen, die zugemacht und dann wieder aufgemacht und wieder geschlossen werden und so weiter. Grenchen mit seinen Umleitungen, die Zeit kosten und deren Notwendigkeit sich dem normalen Bürger nicht immer erschliesst. Die Baulobby, die baut und baut, Grünflächen gehen verloren und unsereins soll sparen, sparen, sparen! Der Leerwohnungsbestand bleibt hoch, weil niemand hier in Grenchen wohnen will, sagt mein Freund und schüttelt den Kopf. «Du lebst doch auch in Grenchen», sage ich kleinlaut, «und ich auch, es ist ein Zuhause.» «Haha, ein Zuhause, wo dauernd gestritten wird, wo keiner dem anderen die Butter auf dem Brot gönnt, wo sich Politiker mehr um die eigene Karriere kümmern als um die Bewohner der Stadt, um die es doch eigentlich und in erster Linie geht.»- «Dann geh du in die Politik und ändere etwas, es ist nie zu spät.» Wir ereifern uns dann noch darüber, dass es fast keine kleinen Läden mehr gibt und die Leute in Deutschland einkaufen und das nur, weil das Pfund Schweinsfilet ein bisschen weniger kostet als hier und Tierhaltung nicht die geringste Rolle spielt.

Wir holen Luft, wir halten inne, wir zünden die Kerze auf dem Tisch an, wir füllen die Gläser nach und lehnen uns zurück. Der beste Teil des Abends steht bevor: positiv sein. Rühmen. Freuen. Wir zählen alles auf, was uns an Grenchen gefällt und das ist gar nicht wenig. Grenchen ist immer noch grün. Grenchen bietet im Vergleich zu anderen Städten doch günstigen Wohnraum an. Grenchen hat den Grenchenberg, und die Aare ist ganz nah. Grenchen lernt, immer wieder, immer aufs Neue, sich in schwierigen Zeiten zu behaupten, aus wenig das Beste zu machen. Grenchen behauptet sich, die Schnellzüge werden weiter hier anhalten, die Flugzeuge weiter fliegen, im Velodrome wird weiter Velo gefahren und es werden weiter Feste gefeiert, die ihresgleichen suchen. Man trifft sich, man spricht miteinander, man kennt sich. Bald ist Weihnacht und deshalb möchten wir unseren Abend auch in vorweihnachtlicher Stimmung beschliessen. Wir stehen auf und auf der Heimfahrt in «unsere» Stadt versuchen wir noch, unsere Wünsche für ebendiese und die darin lebenden Bewohner zu formulieren: Brücken bauen, anstatt diese abzureissen. Kompromissbereiter sein, weniger nachtragend. Offen sein für Neues. Ausprobieren. Selbstbewusst sein. «Das sind doch alles leere Phrasen, sagt der Freund. «Tausendmal gehört und nie gelebt.» «Ach weisst du, antworte ich ihm, wenn jeder von uns nur einen winzig kleinen Schritt auf den anderen zuginge, es wäre manches leichter.» Beim Abschied winken wir uns zu und durch den dicken Nebel ruft der Freund ganz laut: «Grenchen ist nicht Dreivierteltakt, nicht Walzer!» Und ich rufe genau so laut zurück: «Du hast ganz recht, Grenchen ist – Tango!»

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