Die Uhr zählte die blauen Stunden nur. Die Nacht war blau, die Kunstwerke in blaues Licht getaucht, und wer Hunger bekam, bestellte das blaue Menü. Grenchen erlebte am Samstag mit der Kulturnacht sein blaues Wunder.

Alles begann wie in einem Märchen: Sandra Sieber und ihr imaginärer Freund Filou entführten Kinder und jung gebliebene Gemüter mit ihren Erzählungen in ihre Fantasiewelt. Das Theateratelier von Iris Minder war fast zu klein für die vielen Zuhörer. Minders Kindertheater Blitz führte derweil im Zwinglihaus Eigenproduktionen auf: Mit humorvollen Geschichten von dreisten Dieben und chinesischen Touristinnen zogen die jungen Schauspieler und Schauspielerinnen das Publikum in ihren Bann.

Vom Wind zerzaust

Das Theater verfolgte einen am Samstag auf Schritt und Tritt: Die Schauspieler der Freilichtspiele waren unterwegs – wie es sich gehört in Blau. Dem Kultur-Historischen Museum ging derweil das «L» aus: «Mir hat ales gefalen», schrieben Alissa, Pascale, Yves, Mirja und Rahel ins Gästebuch des Bastel-Werkshops.

Während die junge Generation auch noch bei der Teenie-Disco im Lindenhaus zum Zug kam, wurden die etwa 150 Zuschauer bei den Ansprachen auf dem Marktplatz vom stürmischen Wind zerzaust. «Kultur trägt dazu bei, dass der Mensch sich und seine Umwelt besser versteht», gab Barbara Pestalozzi, Projektleiterin der Stadt, den Grenchnerinnen und Grenchnern mit auf dem Rundgang.

Die Qual der Wahl

Es war ein Rundgang, der nicht komplett sein konnte. Eine vollständige Aufzählung der Events ist beim besten Willen nicht möglich. Die Kulturnacht war so reich befrachtet, dass jeder Besucher, jede Besucherin für sich entscheiden musste, was er oder sie weglassen will. «Das ist Absicht», erklärte Barbara Pestalozzi, «man soll ein wenig reinschnuppern können. Wir wollen alle Facetten der Kultur zeigen, die in Grenchen existieren. Von klassisch bis rockig, für Alt und Jung.»

Da bildete die Lesung von Urs Dickerhof in der ehemaligen «Innovation» einen Kontrapunkt – oder war es eine Synthese: Dickerhof teilte seine Gedanken zur Überfülle und der Ertragbarkeit des Nebeneinanders an Dingen mit. Denn es gab in Grenchen so viel und noch viel mehr zu erleben. Für alle und jeden etwas zu bieten war das Ziel, und so wurde es für die Besucher schwierig, in die Tiefe zu gehen. Es blieb zumeist bei kleinen «Versuecherli», die Lust auf mehr machten.

Momente zum Durchatmen

Umso willkommener waren die ruhigen Momente, wie beim Betrachten der Skulpturen von Norbert Eggenschwiler in der römisch-katholischen Kirche. Beim Zwinglihaus konnte man den Eisenplastiken von Heiko Schütz den Kopf verdrehen. Hanspeter Schumacher öffnete sein Atelier und gewährte Einblicke. Das Collegium Musicum spielte Strawinsky und Mozart in der reformierten Kirche.

Erstklassiges Entertainment war im Parktheater zu hören. «Simons’ tunes» interpretierte die wunderbaren Songs von Paul Simon neu, und danach bewies Ueli Schmetzer mit «Matter live» sein musikalisches Talent. Mani Matters Lieder erhielten dank dem virtuosen Michel Poffet am Kontrabass eine neue Grundlage und mit dem rasanten Gitarrenspiel von Lucas Stähli einen spanischen Hauch.