20.30 Uhr: Mit Vollgas geht es los! «Wir haben eine ziemlich unklare Meldung», sagt Polizist Stefan Zybach. Während er den Funk abhört, trifft Kollege Stefan Künzli im Keller der Stadtpolizei die letzten Vorbereitungen. Er zieht die Schutzweste an, legt das Halfter um und stöpselt den Funk ins Ohr. Schnell und konzentriert. Keine zwei Minuten später sitzen die Polizisten im Streifenwagen, der mit Blaulicht in den Norden der Stadt rast. Was sie erwartet, wissen die Familienväter nicht. «Man geht mit dem nötigen Respekt heran. Angst darf man nicht haben», sagt Künzli später.

Ein Asylbewerber aus dem Kongo streitet sich auf offener Strasse mit der Freundin. Der Mann plant, mit ihren Dokumenten zu verreisen. Eine zweite Streife kommt zum Übersetzen hinzu. Schliesslich verschwindet die Frau mit den Papieren in der Wohnung. Draussen wartet die Streife, bis der Schwarzafrikaner weggeht. Mit zwei Rollköfferchen im Schlepptau zieht er davon.

Zwei Wagen im Dienst

Zwei Streifenwagen sind am Freitagabend in Grenchen im Dienst. Neben derjenigen der Stadtpolizei ist eine weitere unterwegs, die aus einem Grenchner Stadtpolizisten und einem Kantonspolizisten besteht. Die zweite Streife ist bereits mit Blaulicht auf dem Weg nach Bettlach, wo ein Einbruch gemeldet wurde. Dieser stellt sich später als Fehlalarm heraus.

22Uhr: Gezielt fährt die Streife jetzt Orte an, an denen Jugendliche vermutet werden. Die warme Nacht lockt sie nach draussen, schon in der Nacht zuvor hat es Littering auf Spielplätzen gegeben. Vor dem Kunsthaus stehen zwei Gruppen, neben ihnen liegen leere Bierflaschen und viel Abfall. «Wir sind das erste Mal hier», sagen sie. Polizist Künzli bestätigt: «Eine Szene gibt es hier tatsächlich nicht. Es sind immer wieder andere Gruppen.» Es bleibt bei einer Ermahnung. Litteringbussen haben die beiden Polizisten bisher fast keine verteilt. «Man kann es kaum nachweisen, ausser wenn man jemanden gerade beim Wegwerfen erwischt», sagen sie.

Hosensäcke leeren, Hände auf den Tisch, Identitätskarten abgeben: Heftiger geht es bei fünf Jugendlichen zu, die mit einer Flasche Whisky auf einem Spielplatz sitzen. Am Boden liegen Joint-Papierli, jeder wird einzeln durchsucht. Gefunden wird nichts, die Namen der Jugendlichen werden aber aufgeschrieben. «Wir holen sie aus der Anonymität», sagt Künzli. «Es hilft, wenn die Leute wissen, dass wir sie kennen. Das ist der Vorteil in einer kleinen Stadt.» Tatsächlich: Ziemlich verdutzt schauen auch Jugendliche beim Lindenhaus, als sie der Polizist mit Namen anspricht und ermahnt, den Abfall mitzunehmen.

22.30 Uhr: Nachtruhe, aber es dauert keine 20 Minuten, bis die Polizei die erste Lärmklage erhält. In einer Blocksiedlung nahe dem Südbahnhof sitzen Anwohner mit Kleinkindern draussen. Von weitem ist nichts zu hören, die Nachtruhestörung ist wohl kaum erfüllt. Trotzdem dauert das Gespräch knapp 20 Minuten. Denn es geht weniger um den Lärm als um einen Nachbarschaftsstreit, der zum Anruf bei der Polizei geführt hat. Am Ende weint eine Frau; die ganze Gruppe werde von einer Nachbarin gemobbt. Als Rache will die Gruppe die IV-Bezügerin beim Sozialamt anzeigen, da diese zu Unrecht Leistungen beziehe. Die Streife kann nicht viel mehr tun, als auf Toleranz und Verständnis für schlafende Nachbarn hinzuweisen – und einen zweiten Anruf möglichst zu verhindern.

20 Fahrzeuge in zwei Stunden

23.30 Uhr: Verkehrskontrolle. An zwei Standorten kontrollieren die Polizisten die nächsten zwei Stunden gegen 20 Fahrzeuge. Gibt es keine Notfalleinsätze, sind sie frei in der Wahl, was sie tun. Ob Radar, Kontrollfahrten durch Quartiere oder Verkehrskontrollen – Vorgaben gibt es keine. Nur drei Lenker werden überhaupt zum Alkoholtest aufgefordert. «Nein, ich hatte kein Bier», heisst es in allen Fällen – doch je näher sie dem Messgerät stehen, umso mehr Bier sind es plötzlich. Der Promillewert liegt jedenfalls bei allen drei Männern unter 0,5 Promille. Dann wird ein tiefergelegter VW Golf eines jungen Mazedoniers angehalten. Das Tuning ist im Fahrzeugausweis nicht eingetragen, die Polizisten sind unsicher, ob es überhaupt erlaubt ist. Mit dem Meter wird nachgemessen. Der Mann muss zur MFK-Prüfung. Später lässt ein Feldstecher auf den Rücksitzen eines dunkelblauen BMW die Polizisten misstrauisch werden. Der ausländische Lenker muss den Kofferraum öffnen. Gefunden wird nichts.

Um 1.30 Uhr sind fast keine Autos mehr auf den Grenchner Strassen unterwegs. Die Streife beginnt mit Rundfahrten durch Quartiere. Mehrmals wird um das Auto eines Mannes gefahren, der den Führerschein zwar los ist. Sein Auto hat sich aber «bewegt».

Später Abend, skurille Fälle

2 Uhr: Je später der Abend, desto skurriler die Fälle. Über Funk bekommt die Streife mit, wie eine demenzkranke Frau in Biberist glaubt, bei ihr werde eingebrochen. Fehlalarm. Es ist nicht das erste Mal, dass die Frau die Polizei alarmiert hat. Auch die Grenchner Streife kennt solche Fälle. «Am Ende schaut man mit den sozialen Diensten», sagt Künzli. «Wenn Leute nicht mehr weiterwissen, rufen sie die Polizei. Wir rücken auch aus, wenn ein Mann aus dem Bett fällt und ihn die Frau nicht mehr hineinbringt.»

Kurz vor Dienstschluss kommt nochmals ein Funkspruch: An der Grenze zu Grenchen steht die Berner Kantonspolizei. Mit dabei: ein junger Mann mit 1,82 Promille, der sich bei der Berner Polizei gemeldet hat, weil er angeblich zusammengeschlagen wird. Der leicht verwirrte Mann ist
bei den Grenchner Polizisten bekannt. Er übernachtet schliesslich bei seiner Mutter. Um 2.30 Uhr ist Dienstschluss. Nach einem 14-Stunden-Arbeitstag haben die beiden Polizisten Feierabend. Für einen Freitagabend, meinen sie, sei nicht viel los gewesen.