Dok-Film
«Grenchen-Bashing war nie die Idee»: Filmemacherin rechtfertigt sich nach heftigen Reaktionen

Karin Bauer hat den Dokumentarfilm über Grenchen realisiert und wird dafür heftig kritisiert. Sie zeigt sich erschrocken und sagt, sie hätte nie mit so heftigen Repliken gerechnet. Dieser Film hätte überall gedreht werden können.

Oliver Menge
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Die Grenchner sind ein wahlfaules Völkchen, so eine Aussage des Dok-Films.

Die Grenchner sind ein wahlfaules Völkchen, so eine Aussage des Dok-Films.

Screenshot SRF

Karin Bauer ist doch etwas erschrocken ob der heftigen Reaktionen, mit denen sie nicht gerechnet habe. «Die Intention des Films war, am Beispiel von Grenchen die zunehmende Politikverdrossenheit zu zeigen.» Ein Grenchen-Bashing sei nie ihre Intention gewesen. «Im Anfangskommentar heisst es: ‹Zum Beispiel Grenchen›. Grenchen ist überall dort, wo Wandel stattfindet, wo die Bürgerinnen und Bürger sich angesichts der Globalisierung Sorgen machen, wo Politverdruss und Demokratiemüdigkeit spürbar werden.»

Dieser Film hätte überall gedreht werden können, sagt sie. «Ich bedaure sehr, dass Teile der Grenchner Bevölkerung den Film einseitig finden. Gerne betone ich nochmals, dass die Intention des Filmes war, Leute mit ihren Sorgen und Hoffnungen angesichts der Globalisierung abzubilden.»

Die Zusammenarbeit mit der Stadt sieht die Zürcherin etwas anders, hier nur ein Beispiel: «Am 16.5.2017 fragte ich nach Angaben über das Bildungsniveau, das Einkommensniveau, das durchschnittliche Steueraufkommen und die Sozialhilfequote – diese Antwort habe ich bis heute nicht erhalten.»

Zur Kritik, dass die Gefilmten ihre Sequenzen nicht vorab hätten sehen können, sagt sie: «Unsere publizistischen Leitlinien halten fest, dass wir Filme vorab nicht zeigen, dass wir den Protagonisten auf Wunsch Aussagen zuschicken. Dies aber nur, um sie auf faktische Richtigkeit zu überprüfen. Die redaktionelle Hoheit liegt bei SRF.»

Das ganze schriftlich geführte Interview mit Filmemacherin Karin Bauer:

Können Sie mir nochmals kurz in Ihren eigenen Worten die Intention des Films erzählen?

Karin Bauer: Die Intention des Films war, am Beispiel von Grenchen die zunehmende Politikverdrossenheit zu zeigen. Das zeigen Titel «Die schweigende Mehrheit» wie Untertitel «Eine Schweizer Nabelschau». Im Anfangskommentar heisst es: «Zum Beispiel Grenchen». Grenchen ist überall dort, wo Wandel stattfindet, wo die Bürgerinnen und Bürger sich angesichts der Globalisierung Sorgen machen, wo Politverdruss und Demokratiemüdigkeit spürbar werden. Der Film porträtiert drei Ehepaare aus unterschiedlichen Schichten in unterschiedlichen Berufen vor der Kulisse der Stadt Grenchen. Die Statistik hat mich auf Grenchen gebracht: Ich liess errechnen, wo der Meinungsumschwung vom Ja zu den Bilateralen Verträgen zum Ja zur Masseneinwanderungsinitiative in der Schweiz am grössten war. Das war in Grenchen. Bei der Wahl der Familie von Burg und der Familie Müller hat ihr Abstimmungsverhalten den Ausschlag gegeben; daneben achtete ich auf ihre Einbindung in verschiedene Bereiche der Stadt wie Uhrenindustrie, städtischer Mittagstisch, Bürgergemeinde, Schrebergarten. Das Ehepaar Djokic wurde gewählt, damit auch die ausländische Bevölkerung abgebildet wird.

Sie meinten vorhin am Telefon, Grenchen-bashing sei nie Ihre Absicht gewesen, aber das wird hier offensichtlich anders aufgefasst. Was jetzt?

Ich bedaure sehr, dass Teile der Grenchner Bevölkerung den Film einseitig finden. Gerne betone ich nochmals, dass die Intention des Filmes war, Leute mit ihren Sorgen und Hoffnungen angesichts der Globalisierung abzubilden. Darauf verweisen auch die Radiostimmen von Donald Trump, Angela Merkel und Simonetta Sommaruga im Intro: «Sorgen müssen ernst genommen werden». Wir hätten diesen Film genauso gut in einer anderen Gemeinde oder auch im Ausland drehen können. Entscheidend war wie gesagt die Statistik.

Einer der häufigsten Vorwürfe geht in folgende Richtung: Manche Szenen im Film wurden offenbar so gewählt, dass die Protagonisten extra schlecht aussehen. Beispiel 1: Die Szene mit den Abstimmungsurnen wurde offenbar dreimal wiederholt. Ausgerechnet die Szene, in der dem einen Mann die Urne aus den Fingern gleitet, wird verwendet.

Die Szene mit der Urne wurde mehrmals gedreht, weil sie unscharf war. Wir haben die technisch beste Variante genommen.

Beispiel 2: Der Bürgergemeindepräsident wird bei der Einbürgerungsszene als „Volldepp“ hingestellt, weil er offenbar ein Traktandum vergessen und von seinem Verwalter darauf hingewiesen wird. Auch hier wird genau diese Szene verwendet.

Die Erzählweise des Films ist lebendig, spontane Szenen sind wichtig. Franz Schilt opfert sich in seiner Freizeit für das Amt des Bürgergemeindepräsidenten auf. Wenn da mal ein Traktandum vergessen geht und er darauf hingewiesen wird, finde ich das menschlich und charmant.

Beispiel 3: Sogar Elias Meier nervt mit seiner immer wiederholten Frage „wettet Der no es Schinkegipfeli?“ Was meinen Sie dazu? Nur stylistisches Mittel?

Wir haben Elias Meier bei der Flyeraktion während rund 4 Stunden gedreht. Dabei hat er die meisten Leute mit «wettet Der no es Schinkegipfeli?» angesprochen. Im Film sagt er dies zweimal, dazwischen sagt er «früsche Wind für Grenche». In dieser Szene ging es darum zu zeigen, dass viele Leute an ihm vorbei gingen, ohne ihn zu beachten. Auch dies ein Zeichen dafür, dass Politik in Grenchen nur wenige interessiert.

Mir wurde ein Mail zugetragen, das Ihnen eine Frau gesendet hat, die sich darüber beschwert, in der Dok vorzukommen, obwohl sie ausdrücklich darum gebeten habe, dass sie nicht gefilmt werde. Dazu meine Frage: Hatten die Protagonisten die Möglichkeit, aktiv Einfluss zu nehmen und die verwendeten Sequenzen abzusegnen?

Hier handelt es sich um ein bedauerliches Missverständnis, für das ich mich bei dieser Frau bereits persönlich in aller Form entschuldigt habe. In meinem Verständnis habe ich ihr vor Ort angeboten, nur aus der Totale zu filmen. Unsere publizistischen Leitlinien halten fest, dass wir Filme vorab nicht zeigen, dass wir den Protagonisten auf Wunsch Aussagen zuschicken. Dies aber nur, um sie auf faktische Richtigkeit zu überprüfen. Die redaktionelle Hoheit liegt bei SRF.

Stadtpräsident François Scheidegger hat mir gegenüber behauptet, man habe vergeblich versucht, an Sie zu gelangen (insbesondere hatte Stadtschreiberin Luzia Meister diesen Auftrag), um Sie zu begleiten und mit den nötigen Informationen zu versorgen. Haben Sie bewusst nicht von diesem Angebot Gebrauch gemacht?

Das Gegenteil ist der Fall. Ich habe Frau Meister mehrfach angeschrieben, um Informationen zu erhalten. 2 Beispiele: Ich habe Frau Meister am 16.11.2016 um bestimmte Wahlergebnisse, Wähleranteile der Parteien bei nationalen Wahlen und um den Kontakt zum Stadthistoriker gebeten. Die Stadtarchivarin hat mir am 25.11.2016 geantwortet, ich fände diese Angaben im politischen Atlas der Schweiz. Am 16.5.2017 fragte ich nach Angaben über das Bildungsniveau, das Einkommensniveau, das durchschnittliche Steueraufkommen und die Sozialhilfequote – diese Antwort habe ich bis heute nicht erhalten. Um an einer Gemeinderatssitzung drehen zu dürfen, schrieb ich auf Wunsch von Frau Meister ein Mail an alle Gemeinderatsmitglieder. Die Drehbewilligung wurde daraufhin erteilt, aber das wichtigste Geschäft, das ich drehen wollte (Effi-Deville) wurde von Herrn Scheidegger verboten. Ich schaffte es erst vor Ort, Herrn Scheidegger zu überzeugen, dass wir auch bei diesem Geschäft drehen dürfen – schliesslich waren auch Lokalmedien zugegen und Gemeinderatssitzungen sind eigentlich öffentlich.

Gehe ich recht in der Annahme, dass es offensichtlich schwierig war, geeignete Protagonisten zu finden, nicht zuletzt, weil Ihnen viele in Grenchen bekannte Personen, wie Kurt Seematter, Peter Brotschi und Hubert Bläsi eine Absage erteilten?

Das ist tatsächlich so. Herrn Brotschi hätte ich zum Beispiel gerne auch als Protagonisten gehabt, wir hatten uns zu einem Vorgespräch getroffen. Seine Absage im April 2017 begründete er mit seiner zeitlichen Auslastung. Ich habe auch diverse Vereine angefragt und via Herrn Bläsi versucht, Kontakte zu den Elternräten aufzubauen. Alle haben Filmaufnahmen abgelehnt.