Grenchen-Bettlach
Gottesdienste: Worte des Trostes in der Coronakrise kommen per Videobotschaft

Susanna Meyer ist seit einem Jahr Pfarrerin der reformierten Kirche Grenchen-Bettlach. Da keine Gottesdienste stattfinden dürfen, kann man ab heute ihre Kurzbotschaften auf youtube finden.

Oliver Menge
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Pfarrein Susanna Meyer lässt sich was einfallen, um die Menschen zu erreichen

Pfarrein Susanna Meyer lässt sich was einfallen, um die Menschen zu erreichen

Oliver Menge

Es sind spezielle Zeiten. Der Bundesrat hat soeben den Notstand ausgerufen – sprich: die ausserordentliche Lage in Kraft gesetzt. Pfarrerin Susanna Meyer empfängt mich doch noch in ihrem Domizil, dem Pfarrhaus direkt neben der reformierten Kirche Bettlach. Ab jetzt wird sie keine Besuche mehr empfangen, sondern den Kontakt mit Menschen telefonisch aufrechthalten. Nach einer freundlichen Begrüssung auf Distanz führt sie mich ins Innere des erst kürzlich renovierten Pfarrhauses. Wir setzen uns an den Stubentisch und beginnen das Gespräch. Wenig erstaunlich dreht sich zunächst alles um das Virus und dessen Auswirkungen auf das Leben eines jeden Menschen: «Der Notstand wurde in der Schweiz das letzte Mal im 2. Weltkrieg ausgerufen. Und jetzt wegen eines unsichtbar kleinen Lebewesens, das ohne einen Wirt nicht überleben kann», sagt Susanna Meyer. In der jetzigen Situation seien zwei Dinge wichtig: Vertrauen und Selbstdisziplin. Vertrauen in die Behörden und den Bundesrat. «Wie Alain Berset sagte: ‹Wir müssen bescheiden sein angesichts einer für uns absolut neuen Situation – jeden Tag lernen wir dazu.›» Selbstdisziplin im Sinne von Simonetta Sommaruga: «Es muss ein Ruck durch das Land gehen.»

Es sei eindrücklich, wie viel Hilfsbereitschaft in diesen Tagen zu spüren sei. Auch, wie Junge und vermehrt auch Ältere sich die modernen sozialen Medien zunutze machten, kreative Ideen lancierten, wie gemeinsam zu bestimmten Uhrzeiten zu musizieren oder zu beten, jeder für sich und doch rückten sie virtuell zusammen.

Projekt mit Videobeiträgen startet heute

Für sie als Pfarrerin, die keine Gottesdienste in der Kirche mehr halten dürfe, bedeute das nun auch, neue Wege zu finden. «Ich plane eine Reihe von kurzen Videobeiträgen, die wir Mitarbeitenden gemeinsam realisieren. Unter dem Titel ‹Wort zur Zeit› wollen wir den Menschen etwas Aufstellendes mitgeben, das sie online erreichen soll.» Kurze Inputs mit Worten und Musik. Susanna Meyer betont, dass sich diese Beiträge an ein breites Publikum richte. Start der Reihe soll bereits heute Freitag sein.
Andere Projekte, wie das Mitsing-Projekt «SoLaLa» und ein Gesprächsabend mit Referat und Übungen zum Thema Handauflegen seien unter den aktuellen Umständen bis auf weiteres aufgeschoben.

Ein Theologiestudium mit Umwegen

Susanna Meyer ist in Herisau und Speicher, Appenzell Ausserroden aufgewachsen und zur Schule
gegangen. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Trogen beschloss sie, so weit weg wie möglich zu ziehen, um zu studieren. Sie begann in Basel das Theologiestudium, um es nach einigen Semestern zu unterbrechen. «Ich machte mich in Zentralamerika auf die Suche nach der ‹wahren Kirche›» (Siehe separater Artikel unten).

Zwischenstopp und Break auf dem Bau

Zurück in der Schweiz fand sie die akademische Theologie nicht mehr befriedigend, sagt Susanna Meyer. Also beschloss sie, einen radikalen Bruch zu machen und nahm eine Stelle als Maler- Handlangerin an. «Die Arbeit auf dem Bau hat mich auf den Boden der Realität gebracht. Ich habe dort gute Kumpels gewonnen». Diese Kumpels hätten sie dann aber nach einem Jahr davon überzeugt, dass sie wieder zurück an die Uni gehen müsse. Sie solle die akademische Ausbildung abschliessen, das sei sonst eine Verschwendung von Möglichkeiten, die nicht alle hätten. «Du bist zu schlau für den Bau, aber vergiss uns nicht», so der eindringliche Wunsch der Büezer.

Nach dem Studium nahm sie eine Stelle als Pfarrerin in Bösingen FR an – als erste reformierte Pfarrerin vor Ort in dieser mehrheitlich katholischen Gemeinde, die vorher von Düdingen aus betreut wurde. Eine Mietwohnung diente als Pfarramt, eine reformierte Kirche gab es noch nicht. «Die Gottesdienste wurden abwechslungsweise in der katholischen Kirche und in der Aula des Schulhauses abgehalten.» Es folgten einige Jahre, in denen sie als berufstätige Mutter drei Kinder aufzog. Sieben Jahre lang praktizierte sie nicht mehr fix in einem Pfarramt, sondern übernahm Bürojobs oder Stellvertretungen. Danach war sie neun Jahre auf der Fachstelle Theologie in den gesamtkirchlichen Diensten der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn tätig. Projekte und Grundlagenarbeit zu Glaube, Kirche und Gottesdienst waren ihre Schwerpunkte. «Mein Ziel war es, wieder in einem Pfarramt arbeiten zu können», sagt Meyer.

In Bettlach fühlt sie sich sehr wohl

Vor zwei Jahren wurde die Stelle einer Pfarrerin für den Kreis Bettlach ausgeschrieben und Susanna Meyer machte einen Ausflug nach Bettlach und schaute sich das Dorf und die Kirche an: Und sie kam zum Schluss: «Wo so schöne Gebäude gebaut werden wie die Markuskirche, da möchte ich eiterbauen, auch im geistlichen Sinn.» Deshalb habe sie sich um diese Stelle beworben.

Seit einem Jahr ist Susanna Meyer nun also in Bettlach. Dass sie ins Pfarrhaus ziehen und dort leben wolle, sei von Anfang an unbestritten gewesen. Vom Wohnzimmer aus sieht man die Alpen und hat einen weiten Blick über die Landschaft, die ihr ausserordentlich gut gefällt, wie sie sagt. Sie schätzt den Zusammenhalt im Dorf, man kennt sich, Informationen werden schnell von Mund zu Mund verbreitet. «Vor allem die Zusammenarbeit mit den Schulen ist ausgezeichnet, das ist doch eher selten. Beziehungen werden gepflegt und die politische Gemeinde hat ein Gesicht, ist bürgernah und sehr engagiert.» Dazu komme die Stadt Grenchen, die sie ebenfalls fasziniert: «Grenchen ist irgendwie wie eine Stadt in den USA, grosszügig, neu, von der Industrie geprägt, eine Stadt ohne mittelalterliche Vergangenheit.» Diese Mischung finde sie faszinierend.

Wie sieht die Zukunft der Kirche aus?

Susanna Meyer ist zu 80% bei der reformierten Kirchgemeinde Grenchen - Bettlach angestellt. Auch sie stellt sich die Frage nach der Zukunft der Kirche im Allgemeinen. «Die Kirche leidet an einem akuten Mitgliederschwund. Aktuell haben wir etwa doppelt so viele Abdankungen wie Taufen».

Die Kirche stehe vor grossen Veränderungen. «Und doch habe ich Vertrauen und schöpfe Kraft aus den biblischen Texten.» Denn das seien Kraft­worte, deren menschlicher und psychologischer Spirit noch immer hochaktuell sei. Sie sei überzeugt, die Kirche lebe von der Kraft des Geistes, mehr als durch Geld. Pfarrerin sein bedeute, einen Beruf auszuüben, in dem sie einen Lohn erhalte, um Zeit für Menschen zu haben. Für sie sei dies ein zutiefst geistlicher Beruf, eine Lebensauf­gabe, die sich nicht an einen Arbeitsplan und fixe Arbeitszeiten halte. «Wir müssen wieder lernen zu vertrauen. Denn wenn ein Grundvertrauen, ein Gottvertrauen da ist, dann können wir auch mit ungewissen Situationen umgehen.»
Hinweis
Videolink auf www.grenchenref.ch

Auf der Suche nach der wahren Kirche


Wahre Kirche, das waren Ende der 80er-Jahre die sogenannten Basisgemeinden – christliche Gruppen, die in El Salvador, Nicaragua und Guatemala tätig waren und oft ohne Pfarrer, ohne Oberhaupt funktionierten. In Costa Rica besuchte Susanna Meyer das Seminario Biblico Latinoamericano, das sich mit der Befreiungstheologie beschäftigte. Diese verstand sich als «Stimme der Armen» und trug zu deren Befreiung von Ausbeutung, Entrechtung und Unterdrückung bei. Aus der Situation sozial deklassierter Bevölkerungsteile heraus interpretierte sie biblische Tradition als Impuls für umfassende Gesellschaftskritik. «Die Frage wurde oft diskutiert, wie weit darf Kirche politisch sein, denn damals 1986/87 herrschte in El Salvador Bürgerkrieg, in Nicaragua gehörten – 10 Jahre nach der sandinistischen Revolution – tagtäglich Angriffe der offiziell von den USA unterstützten ‹Con­tras› (bewaffnete kontrarevolutionäre Garden) zum Alltag, begleitet von linken Durchhalte-Parolen und Reden der Sandinisten», berichtet Susanna Meyer. Ihr sei damals klar geworden, dass es mit Frommsein und Beten nicht getan sei. «Man muss auch handeln.» Sie hätten in den Armenvierteln die Alphabetisierung vorangetrieben, Essen organisiert und verteilt und seien so auch irgendwie Teil des Widerstands gewesen. Denn das Bibellesen aus einer neuen Optik heraus stärkte die Würde der Menschen und verlieh ihnen Kraft, ihre Situation zu verändern. «In Guatemala war es besonders schlimm», sagt Meyer. «Die indigenen Völker wur­den grausam unterdrückt, es herrschte so etwas wie Apartheid.» Tatsächlich verloren im Bürgerkrieg, der erst 1996 beendet wurde, rund 200000 Menschen ihr Leben, rund 1 Million wurden zur Flucht gezwungen.
«In Lateinamerika habe ich die Kraft der biblischen Texte erfahren, miterlebt, wie stark
Bibellesen wirkt und wie viel Kraft man daraus schöpfen kann, um auch in schweren Zeiten durchzuhalten.» (om)