Stadtbummel Grenchen
Goldvreneli statt Doppeladler

Roger Rossier
Roger Rossier
Drucken
Teilen
Ein Goldvreneli würde sich als Torjubelbewegung für die Nationalmannschaft anbieten.

Ein Goldvreneli würde sich als Torjubelbewegung für die Nationalmannschaft anbieten.

Philipp Zimmermann

Neulich sah ich, wie meine Mitarbeiterin während der Mittagspause im Internet gezielt nach Panini-Bildern suchte. Sie klagte und meinte, sie wäre froh, wenn die Fussball-WM vorbei sei. Ihre beiden Söhne trieben fast die ganze Familie in den Wahnsinn. Zu Hause drehten sich die Gespräche nur noch um fehlende Sammelbilder. Um schnell ans Ziel zu kommen, würden die Grosseltern umgarnt, die sozialen Plattformen durchforstet, die Tauschbörse im Coop genutzt und auf dem Pausenplatz mit Gleichgesinnten fleissig um Ronaldo oder Shaqiri gezockt. Ob die italienischen Gebrüder Panini 1961 daran dachten, was sie mit ihrer Idee auslösen würden?

Die Jungs meiner Mitarbeiterin haben es mit gütiger Hilfe der gesamten Familie geschafft, das Panini-Album mit den 682 Kickerbildern und den 50 zusätzlichen Spezialstickers zu füllen.

In einer Zeit, in der von der Wiege bis zur Bahre alles digitalisiert wird und reale Erfahrungen immer mehr der virtuellen Welt weichen müssen, finde ich es schön, wenn alte Traditionen wie das Sammeln von Panini-Bildern am Leben bleiben. Das lässt hoffen und zeigt, dass unsere Kinder und Jugendlichen sich nicht nur von Handys und iPads angesprochen fühlen.

Auch wenn Azzurris und Oranjes an der WM fehlen, die Public-Viewing-Zone vor dem Baracoa lockte bisher viele Fussballbegeisterte an. Da die Schweizer mit der schwedischen Taktik (vorne ein Stürmer, hinten zehn Elche) nicht klarkam, sank die Stimmung nach dem Spiel vom letzten Mittwoch auf den Nullpunkt.

Im englischsprachigen Raum versteht man unter dem Begriff Public Viewing «Ausstellung eines aufgebahrten Leichnams». Irgendwie passte diese Wortdeutung zum verlorenen Spiel. Und warum ging es verloren? Lag es am Trainer oder am Doppeladler, der vom Wesentlichen ablenkte?

Wie auch immer, für die nächste WM empfehle ich dem Fussballverband, den Spielern nur noch typische, schweizerisch unverdächtige Torjubelbewegungen beizubringen. Wie wäre es, wenn man mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand einen Kreis und mit den gleichen Fingern der rechten Hand ein V bilden würde? Das könnte das Zeichen für «Goldvreneli» sein. Wer es einhändig lieber hat, könnte nur den Unterarm mit fünf gespreizten Fingern nach oben strecken. Diese Geste würde, politisch völlig unverdächtig, die Fonduegabel symbolisieren.

Nachdem wir unseren Helden die Daumen nicht mehr drücken müssen, können wir unsere Zeit anders einsetzen. Man könnte sich zum Beispiel für einen von der Volkshochschule angebotenen Kurs anmelden. Ich belegte diesen Frühling einen Spanischlehrgang und war immer wieder überrascht, wie ein einzelner Buchstabe den Sinn eines Wortes verändern kann. Ein Beispiel gefällig? Während «esposa» der spanische Ausdruck für «Ehefrau» ist, übersetzt man das Verb «esposar» mit «Handschellen anlegen». Nur ein lustiger Zufall der Linguistik?

Aktuelle Nachrichten