Bettlach
Gleichberechtigung vorgelebt – Pfarreileiterpaar geht in Pension

Das Pfarreileiterpaar Susi und Franz Günter geht in Pension. Seit dem Sommer 1990 haben die beiden im Pfarrhaus St. Klemenz in Bettlach gelebt. Ihre Türe stand für alle Facetten des Lebens weit offen.

Daniela Deck
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Franz und Susi Günter, langjährige und beliebte Gemeindeleiter der Bettlacher Katholiken werden am Sonntag verabschiedet.

Franz und Susi Günter, langjährige und beliebte Gemeindeleiter der Bettlacher Katholiken werden am Sonntag verabschiedet.

Hanspeter Bärtschi

Die Türe des Pfarrhauses stand für alle Facetten des Lebens weit offen. Susi und Franz Günter haben während Jahrzehnten mit den Bettlacherinnen und Bettlachern Triumphe ebenso geteilt wie Tragödien. Nun tritt das Gemeindeleiterpaar der Pfarrei St. Klemenz, landesweit das erste auf katholischer Seite, in den Ruhestand und verlässt das Dorf.

Abschiedsgottesdienst von Franz und Susi Günter

Am Sonntag, 1. Juli 2018 um 10 Uhr, in der Klemenzkirche Bettlach.

Das Leben im Pfarrhaus St. Klemenz ist Tag und Nacht strukturiert vom durchdringenden Viertelstundenschlag der Kirchturmuhr. Günters hören das allerdings nur, wenn das Läutwerk ungeplant schweigt. Seit dem Sommer 1990 haben sie im mächtigen Sichtbetonkomplex der Kirche gelebt wie in einer Burg – in einer Geborgenheit und Stabilität, von der unzählige Hilfesuchende profitiert haben.

Dabei waren sie bei der Ankunft aus Trimbach überzeugt, dass sie hier nicht pensioniert werden. So dick sei der Nebel an diesem Tag gewesen, dass selbst von der Allmend aus keine Kirche zu sehen war, erinnert sich Franz Günter mit einem Schmunzeln. Das jüngste ihrer fünf Kinder war da ein halbes Jahr alt. Weggehen war schon kurz darauf kein Thema mehr, weder für die Kinder, noch für die Eltern, noch für die 1700 Pfarreimitglieder, die ihr Leiterpaar ins Herz geschlossen hatten.

«Ein unglaublicher Glücksfall»

Franz und Susi Günter haben sich das 100-Prozent-Pensum der Gemeindeleitung geteilt, gleichberechtigt und auf Augenhöhe. Dasselbe galt für die Erziehung der Kinder. Damit waren die beiden Laientheologen Pioniere in der Schweiz. «Die Stelle war ein Glücksfall für uns. Wir konnten erst kaum glauben, dass die Pfarrei St. Klemenz ein Ehepaar für die Nachfolge von Pfarrer Egli suchte», erzählt Susi Günter auf der angenehm schattigen Terrasse. So gut passte die Konstellation, dass es für ihren Mann nie infrage kam, sich zum Diakon weihen zu lassen, dem Klerus beizutreten und Chef im Zweiergespann zu werden. «Das ist unsolidarisch gegenüber den Frauen. Susi und ich haben in Luzern zusammen studiert. Sie soll dieselben Rechte haben», betont Franz Günter.

Diese Entscheidung brachte es mit sich, dass die beiden für Trauungen jeweils den bischöflichen Segen einholen mussten. Für die 10 bis 15 Taufen pro Jahr hatten sie für Bettlach eine Generalbevollmächtigung. Die Pfarrei ist mit Günters in die Situation gewachsen, dass nicht alles vom Priesteramt abhängt. «Inzwischen sind unsere Kirchgänger richtig stolz auf die Frauen am Altar», freut sich Franz Günter am Fortschritt und fügt an: «Wir hatten das Privileg, mit Peter Schmid, Priester in Solothurn, zusammenarbeiten zu dürfen. Er hat uns immer unterstützt und seine kurzen, präzisen Predigten sind auch in Bettlach sehr geschätzt.»

Alltagsleben schafft Vertrauen

Ausser vom Sonntagmittag bis Montagabend waren Günters immer vor Ort. «Beim Schwatz im Coop findet meistens nicht gerade Seelsorge statt», sind sich die Theologen einig. «Aber das Vertrauen ist die Basis um anzuklopfen bei aussergewöhnlichen Ereignissen.» Die Leute sind gekommen mit Freuden und Erfolgen, mit Trauer, Angst und Verzweiflung. Unvermittelt befand sich der eine oder die andere in einer fremden Stube neben einer Person mit Suizidabsichten oder Panikattacken oder Seite an Seite mit dem Bestatter, redend, betend, segnend.

Das konnte auch nachts geschehen, wobei da eher das Telefon schrillte als die Türglocke. «Zeitweise haben wir über unsere Kräfte gelebt. Besonders als die Kinder aus dem Haus waren, mussten wir aufpassen, dass wir nicht 200 Prozent arbeiten», konstatiert Franz Günter. Einen hohen Stellenwert genoss für Günters die Ökumene. Ohne kirchliche Zusammenarbeit hätten sie sich ihre Tätigkeit nicht vorstellen können.

Freude prägte die Arbeit

Belastend waren Todesfälle junger Menschen. «In einem Fall konnte ich eine Tragödie nur verarbeiten, indem ich zwischen Todesnachricht und Beerdigung den ganzen Garten umstach. Der Schmerz musste raus», erzählt Franz Günter. «Hauptsächlich aber war die Arbeit von Freude geprägt. Wir haben viel gelacht, auch im Pfarreiteam. Immer hatten wir kompetente Leute zur Seite. Sie sind es, die nach unserem Abschied dafür sorgen, dass das Pfarreileben gut weitergeht», ergänzt Susi Günter. Eine Nachfolge für die Pfarreileitung ist noch nicht in Sicht.

Für beide ist der Glaube nicht nur das Fundament des eigenen Lebens, sondern auch für die Arbeit in der Pfarrei. Da ist auch Raum für Zweifel. «Sozialarbeit kann man aus unterschiedlichen Motiven erfolgreich leisten. Aber Beten, das geht nicht ohne Glauben», bringt es Susi Günter auf den Punkt. «Und da Glaube nur über Beziehung vermittelt werden kann, war für uns klar, dass wir dort leben, wo wir arbeiten.»

Malen und «Isebähnle»

Ebenso klar ist, dass Günters nun einen neuen Lebensabschnitt beginnen, in aargauischen Fislisbach, wo Franz Günter aufgewachsen ist. Sie freuen sich darauf, im Theater in Zürich endlich einmal bis zum Schluss bleiben zu können, statt mitten in der Vorstellung auf den Zug zu rennen. Franz Günter will seine Modelleisenbahn endlich wieder in Betrieb nehmen. In Bettlach sei er nie dazu gekommen sie überhaupt auszupacken. Susi Günter will mehr malen. Seit der Jugendzeit hat die Ölmalerei es ihr angetan.