Grenchen
Gemeindeplaner Furrer: «Grenchen hat noch Entwicklungspotenzial»

Ein kritischer Blick auf Grenchen von Thomas Furrer, dem Gemeindeplaner der Wakkergemeinde 2012 Köniz: Der Grenchner betrachtet seine Heimatstadt von aussen, findet Positives, aber auch viel Verbesserungspotenzial

Oliver Menge
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Thomas Furrer in seinem Büro in der Gemeindeverwaltung Köniz.Oliver Menge

Thomas Furrer in seinem Büro in der Gemeindeverwaltung Köniz.Oliver Menge

Oliver Menge

Seit fünf Jahren ist der Grenchner Thomas Furrer Gemeindeplaner und Leiter der Planungsabteilung der Gemeinde Köniz, die als grösste Agglomerationsgemeinde der Schweiz für das Jahr 2012 mit dem Wakkerpreis ausgezeichnet wurde. Furrer war wesentlich an diesem Erfolg beteiligt, ist aber seiner Heimatstadt Grenchen treu geblieben und wohnt noch immer hier. Als Profi betrachtet er «sein Grenchen» von aussen und hat einige kritische, aber auch sehr positive Anmerkungen, wenn es um Planung und Entwicklung in Grenchen geht.

Grenchen ist nicht Köniz

«Ein direkter Vergleich der beiden Gemeinden ist schwierig», sagt Furrer. Köniz sei von der Bevölkerungszahl her mehr als doppelt und von der Fläche her mehr als dreimal so gross wie Grenchen. Und Köniz sei ganz klar eine Agglomerationsgemeinde, auf die Kernstadt Bern ausgerichtet. Grenchen sei selber eine Kernstadt, wenn auch eine der kleinsten der Schweiz. «Das Gemeindegebiet von Köniz ist sehr weitläufig und umfasst auch Gebiete wie zum Beispiel das Wangental, für das wir den Wakkerpreis wohl nicht erhalten hätten.»

«Auch aus sozialpolitischer Sicht sind die beiden Gemeinden verschieden. Wir haben in Köniz zum Beispiel kein Lingeriz, obwohl wir hier auch grosse Unterschiede in der Sozialstruktur haben. Es gibt keinen ‹Hotspot› wie in Grenchen.» Köniz sei ein guter Durchschnitt einer Schweizer Gemeinde, in Grenchen sei die Steuerkraft tiefer. «Die Bodenpreise sind in Grenchen auch massiv tiefer als in Köniz.»

Massstab ist heute anders als 2008

Die Könizer «Kriterien», die für den Wakkerpreis 2012 ausschlaggebend waren (siehe Kasten), könnte Grenchen vielleicht in 15 bis 20 Jahren erreichen, meint Furrer. Die Stadt Grenchen habe noch viel Reserve für eine Verdichtung nach innen, eine Entwicklung, die langsam einsetze. «Nur darf man nicht am Siedlungsrand ständig neu einzonen. Das wurde zum Beispiel in Köniz gewürdigt. Man hat zwar Baulandreserve, erzeugt aber einen Druck nach innen.

In Grenchen gehen Einzonungsgeschäfte relativ locker über die Bühne», sagt Furrer schmunzelnd. In Köniz sei das ein Spiessrutenlauf. «Die Roten und Grünen sind in der Regel dagegen. Und es besteht ein sehr starker Verein zum Schutze des Kulturlandes, der sich seit Jahrzehnten einsetzt und erfolgreich Druck macht.» Bauprojekte wie 60+ zeugten in Grenchen von der einsetzenden Verdichtung der Stadt. Es sei sehr begrüssenswert, wenn zentrumsnaher Wohnraum geschaffen werde.

Autobahn als Chance genutzt

Der Kanton und die Gemeinde hätten die Chance der Autobahn und der damit verbundenen flankierenden Massnahmen gut genutzt, und es hätten Verbesserungen in puncto Lebensqualität erreicht werden können, meint Furrer. «Wenn man zum Beispiel bedenkt, wie die Bielstrasse vorher ausgesehen hat und was für einen ‹zerschneidenden› Effekt sie hatte, sieht das heute ganz anders aus. Auch der Marktplatz ist eine gute Sache: ein städtischer Platz, der uns hier in Köniz zum Beispiel fehlt. Grenchen ist diesbezüglich urbaner als Köniz.»

Aber: viel Verbesserungspotenzial

Grenchen müsste noch mehr mit Wettbewerbsverfahren arbeiten, sagt Furrer: «Das war bei uns in Köniz eines der Kriterien für den Wakkerpreis, und Grenchen könnte in dieser Hinsicht die Anstrengungen noch intensivieren.» Nicht nur bei öffentlichen Gebäuden, sondern auch bei privaten Bauvorhaben würden in Köniz Wettbewerbe durchgeführt. Grenchen verfüge über viel Land. «Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass ein Stück Land der Stadt für eine gute Siedlung oder für Wohnungsbau entwickelt wurde», sagt der Chefplaner. Es bleibe zu hoffen, dass es im Gebiet, wo die SWG ihren Neubau plant und wo Land frei wird, zu einem solchen Projekt komme.

Man arbeite in Köniz oft mit Generalunternehmern zusammen, hole diese ins Boot und gebe das Land im Baurecht ab, um eine Wertsteigerung des gemeindeeigenen Landes zu erreichen. «Grenchen macht das beim Velodrome. Eine günstige Lösung, aber auch hier ist es eigentlich schade, dass man von der Architektur her nicht etwas mehr Qualität herausholen konnte. Diese Halle ist nicht gerade der architektonische Wurf», meint Furrer.

Was läuft und lief schief?

Das Thema Velo werde in Grenchen stiefmütterlich behandelt. Diesbezüglich könne man noch viel verbessern, sowohl am Bahnhof Nord wie am Bahnhof Süd, der erste Priorität haben sollte. «Es gibt nirgends so breite Strassen wie in Grenchen. Man könnte den Fussgängern mehr Raum geben oder Velostreifen am einen oder anderen Ort markieren». Aber das sei die Sache der Polizei. Und das sei ein schwieriges Thema in Grenchen: Die Interessenlage sei vielfach verschieden und ein Konsens schwierig.

Auf die Frage, was in Grenchen in der Vergangenheit schiefgelaufen sei, meint Furrer: «Der Migros-Standortentscheid aus den 70er-Jahren war für die Stadtentwicklung schlecht. Grenchen ist zu klein, um ein so lang gezogenes Zentrum zu haben. Ein Standort in der Nähe des Marktplatzes wäre ideal gewesen – wie der neue Coop.

In Sachen Spital Grenchen habe man eine Chance verpasst, unter welchen Umständen auch immer, meint Furrer: «Letztlich wird man am Resultat gemessen, und was dort genau entsteht, wissen wir nicht. Aber auch das wäre ein Beispiel, wo die Stadt Grenchen mehr Initiative hätte zeigen können.»