Kebag Verladestation
«Geisterzug»: Jede Nacht wird der Hauskehricht von Grenchen nach Zuchwil gebracht

Von Bellach bis Schnottwil sammelt die Umladestation Grenchen den Abfall für den Bahntransfer in die Kebag Zuchwil. Nachts zwischen zehn und elf Uhr wird Grenchen Süd dann zum Rangierbahnhof.

Daniela Deck
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Kebag Verladestation Jan Bratschi von der Bratschi Muldenservice AG in Safnern (rechts) liefert bei Ferenc Büdi von der Kebag Verladestation Grenchen eine Ladung Abfall an.
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Die Container werden von der Seite her "vollgestopft"
Kebag Verladestation Grenchen
Mehrere Container täglich werden abgefertigt
Der Abfall von 17 Gemeinden wird so nach Zuchwil zur Kebag transportiert

Kebag Verladestation Jan Bratschi von der Bratschi Muldenservice AG in Safnern (rechts) liefert bei Ferenc Büdi von der Kebag Verladestation Grenchen eine Ladung Abfall an.

Oliver Menge

Rückwärts rollt der Kehrichtwagen auf die Waage der Umladestation (Ulasta) Grenchen. Sekunden später leert der Lastwagen siebeneinhalb Tonnen Abfall in die Verdichterschublade im Boden. Diese presst den Müll in den Kebag-Container, nachdem der Chauffeur den Verdichter aktiviert hat. Sobald das Fassungsvermögen des Containers erreicht ist (maximal zwölf Tonnen), leuchtet eine rote Lampe auf. Das heisst: Die Maschine braucht die Hilfe des Menschen.

Ferenc Büdi zieht Handschuhe an, streift seine Jacke über und verlässt das Büro. Er führt die Ulasta Grenchen im Einmannbetrieb. Allerdings geht er nicht zur Kehrichtanlieferung hinaus. Seine Unterstützung ist am anderen Ende des Gebäudes nötig. Dort, wo über den roten Kebag-Containern der Kran hängt. Diesen bedient er über eine kabellose Konsole, die er von drinnen mitgebracht hat.
Der Kran hebt den vollen Container aus der Bucht im Untergeschoss und platziert die Last auf dem Güterwaggon, der auf dem Abstellgleis danebensteht. Anschliessend versenkt Büdi den leeren Container vom Waggon dahinter im Boden, damit der nächste Lastwagen den Kehricht abladen kann. «Ich muss die Container schnell austauschen. Die Chauffeure kann ich nicht warten lassen, weil sonst ihre Tour durcheinandergerät», sagt der 55-Jährige mit ungarischen Wurzeln. Seit 20 Jahren ist er an der Ulasta an der Leuzigenstrasse 27 in Grenchen tätig.

Nachhilfe im Untergeschoss bei sperrigen Brocken

«Ich bin mit dieser Arbeit perfekt glücklich. Etwas anderes könnte ich mir nicht vorstellen», sagt Büdi und beginnt zu erklären, wie der Container geöffnet, verschlossen und am Verdichter an- und abgekoppelt wird. Ein komplizierter Mechanismus, der gelegentlich die manuelle Nachhilfe des Stationsbetreibers im Untergeschoss erfordert. So etwa, wenn ein sperriges Abfallstück sich in der 400 Kilo schweren Verschlussklappe verkeilt und damit die Sicherheit des Bahntransports gefährdet.
Plötzlich unterbricht sich Büdi. Trotz des Motorenlärms des Krans hat er gehört, dass ein Lastwagen auf eine der beiden Waagen gefahren ist. Er schaue immer, wer es ist. «Denn nicht alle sind mit dem Vorgehen hier vertraut», erklärt er. Das Duo, das Büdi diesmal antrifft, ist ein eingespieltes Team. Es sind Angestellte der Baudirektion Grenchen. Während die Frau inmitten der Staubwolke am Trichter das Entladen überwacht, erledigt der Mann den Papierkram.

Die Kebag-Umladestation in Zahlen

17 angeschlossene Gemeinden
14'000 t Abfall pro Jahr gesammelt
2 Verdichter mit je 80 t Presskraft
5 Transportunternehmen liefern wöchentlich Abfall an, dazu diverse Sperrgut- und Muldenservice-Firmen
4812 Fahrzeuge lieferten im 2019 Abfall an
Bau der ersten Umladestation in Grenchen: 1976
Ersatz des Gebäudes: 1996
Betriebszeiten: Mo-Fr: 7.30-11.45 Uhr / 13.15-17.00 Uhr
Daten: Kebag und Baudirektion Grenchen

Eine Büroorganisation wie anno dazumal

Zurück im Büro lacht Büdi über die Verblüffung der Besucherin. Diese fühlt sich in die Siebzigerjahre zurückversetzt. Karteikästen, ein Anschlagbrett für den Tagesplan und ein Drucker für Lieferscheine mit zwei Durchschlägen, dafür kein Computer. Die Abfallmenge der Waage kommt maschinell auf den Schein, ansonsten muss dieser noch immer von Hand ausgefüllt werden. «Die Lieferscheine bringe ich jeden Abend zur Post, damit sie in der Buchhaltung der Kebag verarbeitet werden können», sagt der Stationsbetreiber, bevor er dem nächsten Chauffeur den ihm zugehörigen Durchschlag überreicht.

Wenn Büdi um 17 Uhr das Büro abschliesst, ist die Arbeit an der Ulasta noch nicht beendet. Jetzt ist SBB Cargo am Zug. Die vollen Abfallcontainer, sechs oder neun pro Tag (die Waggons fassen je drei Container und werden immer gefüllt – überzählige volle Container können kurzzeitig gelagert werden), müssen nach Zuchwil transportiert werden. Vor der Einführung des Halbstundentaktes im Personenverkehr geschah das tagsüber, erst um 9 und dann um 16 Uhr. Seit dem letzten September kommt die Diesellok mit den leeren Kebag-Containern für den Folgetag abends kurz vor 22 Uhr an.

Mehr warten als rangieren für den Abfallzug

Um vom Ulasta-Abstellgleis zu den Rangiergleisen am Südbahnhof zu gelangen, muss der Abfallzug das Solothurn-Gleis entgegen der Fahrtrichtung befahren, was umgangssprachlich als Geisterfahrt bekannt ist. Das betrifft eine Strecke von rund 800 Metern, wie der SBB-Mediendienst auf Anfrage mitteilt. Dass die Rangierfahrten im letzten Herbst, nach vielen Jahren in den frühen Morgenstunden, wieder auf eine Zeit mit Personenverkehr verlegt wurden, wird unspezifisch mit «Marktveränderungen» begründet. Störungen des Personenverkehrs durch die abendlichen Fahrten entgegen der Hauptverkehrsrichtung seien «in jüngerer Vergangenheit nicht bekannt», so die SBB.

Die Rangierarbeiten für den Kehrichttransport finden nach Auskunft der SBB fahrplanmässig an den Werktagen zwischen 21.43 und 22.40 Uhr statt. Die lange Dauer zum Abkoppeln der leeren Containerwaggons und Ankoppeln der vollen erklärt sich durch die zahllosen Unterbrechungen der Arbeit. Immer wieder muss der Abfallzug auf den Nebengleisen warten und Güter- und Personenzüge entgegenkommen lassen.

Technisch wäre für den Abfallzug zur Fahrt in Richtung Westen der Zugang zum Biel-Gleis und damit zum Abstellgleis 3 einfach möglich. Die Weiche befindet sich wenige Meter östlich der Kebag-Gleiseinmündung auf der Höhe der Moschee. Doch dann ist die Rückkehr zum Solothurn-Gleis erst wieder auf der Höhe der Moosstrasse bei der Firma Blösch möglich: Ein Umweg, der nur zum Zug kommt, wenn die übrigen Abstellgleise belegt sind.

Bescheidene Abfallmenge – grosser Besitz

Da ist es nicht verwunderlich, dass es in früheren Jahren vonseiten der Bahn Bestrebungen gab, die Umladestation Grenchen aufzuheben. Kebag-Direktor Markus Juchli sagt dazu: «Die Kebag, die Stadt Grenchen und die umliegenden Gemeinden haben sich für diesen Bedienungspunkt stark gemacht, sodass er erhalten werden konnte.» Mit dem gestiegenen Umweltbewusstsein ist die Debatte inzwischen vom Tisch (siehe separater Text unten).

Mit Krauchthal ist die Ulasta Grenchen die kleinste der sechs Kebag-Umladestationen. Vom Südbahnhof werden jedes Jahr 14000 Tonnen Kehricht abtransportiert. Gemessen an der Abfallmenge ist der Sammelpunkt für die Kebag ein kleiner Fisch. Anders sieht es aus, wenn man die Besitzverhältnisse von Grenchen betrachtet. Mit 400 Aktien hält die Stadt das grösste Aktienpaket an den 5000 Kebag-Aktien, wie der Kebag-Direktor erklärt. Bedingt durch den Boom der Uhrenindustrie war Grenchen Anfang der Siebzigerjahre, als die Kebag gebaut wurde, die einwohnerstärkste Gemeinde im Einzugsgebiet.
Die Rangierarbeiten mit den Kehrichtwaggons sind in den Quartieren rund um den Südbahnhof deutlich zu hören. Gestört fühlt sich offenbar niemand. Weder der Baudirektion der Stadt noch der SBB sind Lärmklagen in diesem Zusammenhang bekannt.

4800 Lastwagenfahrten pro Jahr eingespart

Die sechs Umladestationen (Ulasta) Lyssach, Olten, Langenthal, Balsthal, Grenchen und Krauchthal (Aufzählung gemäss Rangliste der Abfallmenge) liefern bei der Kebag täglich 400 bis 600 Tonnen Abfall an, rund die Hälfte der Gesamtmenge. Kebag-Direktor Markus Juchli sagt: «Ohne Ulasta wäre die Abfallentsorgung in unserem grossen Einzugsgebiet ineffizient.» Allein durch die Ulasta Grenchen würden jährlich 4812 Fahrten nach Zuchwil eingespart, rechnet er vor. Eine weitere Berechnung steuert der Grenchner Stadtbaumeister Aquil Briggen bei: An einem normalen Abfuhrtag werde ein Kehrichtwagen dreimal geleert. Müsste er dafür jedes Mal nach Zuchwil fahren, müsste die Stadt einen Wagen samt Chauffeur mehr einsetzen. Daher ist für Briggen klar: «Die Verladestation hat eine sehr grosse Bedeutung für Grenchen und die Region.» Kebag-Direktor Markus Juchli sagt: «In der heutigen Zeit ist der ökologische Nutzen ein wichtiges Argument für den Bahntransport.» Für einmal gehen hier die finanzielle Ersparnis und der Umweltschutz Hand in Hand. (dd)