Baumfällaktion
Gefällte Blutbuche: «Als ob ein guter Freund sterben muss»

Am Montag musste eine 120-jährige Blutbuche gefällt und in spektakulärer Weise entfernt werden. In der Nacht vom 28. auf den 29. August brach ein grosser Teil des Baumes ab, weshalb er nun ganz gefällt werden musste.

Oliver Menge
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Fliegende Bäume sieht man nicht alle Tage.
25 Bilder
Stück für Stück wurde die Blutbuche abtransportiert
Baumfällung Bluteiche
Die Motorsäge läuft
Das Ehepaar Ramseyer Lischer nimmt Abschied von der Buche
Der vordere Teil ist weggebrochen
Der rund sechs Tonnen schwere Baumstamm krachte in den Garten
Der K-Max trägt 2,5 Tonnen
Das Ehepaar Ramseyer Lischer auf ihrem Sitzplatz
Der Stamm samt Ästen krachte in den Garten und beschädigte unter anderem den Pizza-Ofen
Unten stehen Leute zur Sicherung
Bruchstelle_ Deutlich zu sehen die Fäulnis in der Mitte des Baums
Vorbereiten des Arbeitsgeräts
Vorbereitungsarbeiten schon am Nachmittag
Besprechung: Wer geht wo hin, welche Strassen werden gesperrt.
Grosse Brocken werden ausgeflogen
Seile wurden in die Baumkrone gehängt
Seile werden am umgestürzten Baum befestigt
Ein Mitarbeiter der Rotex AG sitzt im Baum, hängt das Seil an und wenns gespannt ist, sägt er den Stamm durch
Drohnenbild von oben
Revierförster Patrick Mosimann, rechts, ist auch mit von der Partie.

Fliegende Bäume sieht man nicht alle Tage.

Daniel Daumüller

Fährt man die Schmelzistrasse hoch, sticht der markante Baum schon von Weitem ins Auge: An der Sägemattstrasse steht eine riesige Blutbuche – oder besser gesagt, stand. Denn am Montag wurde der mächtige Baum mithilfe eines Helikopters Stück für Stück abtransportiert.

Der Grund: Ein grosser Teil des Baums war in der Nacht vom 28. auf den 29. August mit einem explosionsartigen Knall abgebrochen und begrub fast den ganzen Garten unter sich.
Die 120-jährige Blutbuche stand im Garten von Annemarie und Karl Ramseyer-Lischer. In der Parkanlage, welche zum 110-jährigen Haus gehört, ursprünglich eine Villa der Baumgartner Frères.

Der Baum war also sogar noch älter als das Gebäude, das als eines der ersten in diesem Teil Grenchens gebaut wurde. Inzwischen reiht sich dort Haus an Haus. Schon die Eltern von Annemarie Lischer Ramseyer wohnten an der Sägemattstrasse 7, sie selber ist dort aufgewachsen. Ihr Sohn Julien wohnt ebenfalls dort mit seiner Partnerin.

«Es ist, als ob ein guter Freund sterben muss», sagte Annemarie Lischer Ramseyer einige Tage, bevor die Buche ganz weg war. Sie sei mit diesem Baum gross geworden, er habe sie 60 Jahre lang begleitet.

Die grosse Buche war das Dach ihres Gartens. Ein Schattenspender im Sommer und Regenschutz im Winter. Die Familie hatte den Garten hergerichtet: im oberen Teil ein kleiner Swimmingpool, im unteren Teil ein lauschiger Sitzplatz mit Gartenmöbeln, Pizzaofen und Grill.

Der Sitzplatz war Treffpunkt für zahlreiche Feste und gemütliche Abende, wie das Ehepaar erzählte. Auch am Samstag jenes Wochenendes sassen sie mit Freunden bis spät in die Nacht unter der Buche und genossen den Abend.

Wie wenn ein Haus explodiert

Mitten in der Nacht von Sonntag auf Montag sei sie wegen eines Riesenknalls aufgewacht. Sie habe zuerst gedacht, da sei irgendwo in der Nähe ein Haus explodiert. «Ich bin mit einer Taschenlampe auf den Balkon geeilt und habe die umliegenden Häuser abgesucht, konnte aber nichts entdecken.»

Im Lichtstrahl der Lampe habe sie aber plötzlich die Häuser unterhalb ihres Gartens gesehen – etwas, das noch nie möglich war, denn bisher hatte die Buche die Sicht versperrt. «Wir gingen runter in den Garten und haben gleich gesehen, dass ein Teil des Baums weg ist.»

Das ganze Ausmass des Schadens sei allerdings erst am nächsten Morgen sichtbar geworden: Der rund 25 Meter hohe Baum teilte sich in etwa 4 Metern Höhe in drei Stämme. Der vordere Stamm war weggebrochen und hatte einen Teil der Gartenmöbel, den Pizzaofen, ein Tomatenhäuschen und Spalierbäume zerstört.

Wasser war offenbar zwischen den Stämmen ins Holz eingedrungen, der Baum war innen verfault und morsch. Revierförster Patrick Mosimann, der den Schaden begutachtete, sowie ein weiterer Baumexperte, der hinzugezogen wurde, meinten beide, dass man nicht sagen könne, wie weit die Fäulnis in den beiden verbliebenen Stämmen fortgeschritten sei und es wohl ratsamer sei, den Baum ganz zu fällen, bevor noch etwas Schlimmeres passiert.

«Wir hatten Glück im Unglück, dass niemand zu Schaden kam, der Baum in den Garten und nicht auf ein Haus krachte, und dies erst noch nachts, als sich dort niemand aufhielt.»

Versicherung will nicht bezahlen

Pikant: Im Garten entstanden Schäden von über 10 000 Franken. Aber keine Versicherung will diese übernehmen. Bei der Gebäudeversicherung habe es geheissen, dass nur Schäden im und am Haus bezahlt werden.

Und die Mobiliar, bei der die Familie versichert ist, meinte, der Garten sei nicht Teil der Versicherungsleistung. Man hätte eine spezielle «Gartenversicherung» abschliessen müssen. Also ist auch von da kein Geld zu erwarten.

Die auffällige und von Weitem sichtbare Blutbuche war der grösste Baum im Quartier und wurde 2002 unter kommunalen Schutz gestellt. Zwar gehe die Bauverwaltung mit solchen Unterschutzstellungen pragmatisch um.

Denn «schützenswerte Naturobjekte sind wenn möglich zu erhalten und sollen nur aus zwingenden Gründen (Krankheit, Alter, Gefährdung) entfernt und wenn möglich an selber Stelle mit artgleicher Bepflanzung ersetzt werden», so Artikel 36 der entsprechenden Verordnung. Da die Punkte «Krankheit» und «Gefährdung» erfüllt sind, durften Ramseyers den Baum fällen lassen.

Man stellt ihnen auch frei, ob sie wieder eine junge Blutbuche setzen wollen. Ob sich die Stadt an den Kosten für die Entfernung des Baums beteiligt, bleibt aber offen. Die ganze Aktion kostet nämlich nochmals rund 10 000 Franken. Denn da sich der Baum inmitten von Häusern befindet, muss man einen Helikopter einsetzen, um ihn aus dem Garten zu nehmen.

Der emotionale Schaden jedoch sei ungleich viel grösser, sagt Annemarie Lischer Ramseyer, sie sei wirklich traurig. «Der Garten wird nie wieder so sein wie früher, mein Baum fehlt.»

Zersägt und mit dem Heli abtransportiert

Die Fällaktion gestern war aufwendig und kompliziert: Da der Baum inmitten von Häusern stand, musste er Stück für Stück abgesägt und mit einem Helikopter abtransportiert werden.

Eine generalstabsmässig geplante Aktion: Schon Tage zuvor wurde das ganze Quartier informiert: Fenster und Türen schliessen, Storen und Rollläden einziehen und fixieren, Blumenkisten entfernen, Gartenmobiliar sichern, Haustiere reinnehmen etc. – Empfehlungen, die der Forstbetrieb der Bürgergemeinde per Schreiben abgab.

Die Pferde, welche in einer Koppel mit Stall gleich eingangs der Sägemattstrasse untergebracht sind, wurden sicherheitshalber während der Aktion umquartiert. Das Areal wurde weiträumig abgesperrt. Mitarbeiter der Firma Rotex Helicopter AG kletterten den Baum hoch, befestigten Seile in der Baumkrone. Einer von ihnen sägte die Äste und Stämme durch, während der Helikopter vom Typ K-Max mit einer Nutzlast von 2,5 Tonnen über dem Garten schwebte und dann den Baum Stück für Stück auf einer Route, die über kein Haus führen durfte, zum Landeplatz neben dem Haldenschulhaus brachte.

Dort werden die Baumstücke später weiter zerlegt und gehäckselt. Die ganze Aktion dauerte rund 2 Stunden. Das Ehepaar Ramseyer-Lischer war nicht da, während ihre Buche gefällt wurde, ihr Sohn war aber vor Ort. Sie sind am Samstag in die schon länger geplanten Ferien gefahren.

Und doch sei sie froh, dass der Baum ausgerechnet in ihren Ferien gefällt werde, meinte Annemarie Lischer Ramseyer letzte Woche. Denn sie würde es nicht ertragen, dabei sein zu müssen, wenn ihr Baum stirbt.

Den Baumstrunk lassen Ramseyers stehen und aus einem einigermassen geraden Stück des Stammes, den sie behalten haben, wollen sie ein Bänklein zimmern, als Erinnerung an die einst so mächtige, alte Blutbuche, die sie ein Leben lang beschattet hat. (om)