Grenchens Feierabendtalk

«Ganz unger üs» mit zwei starken Frauen, die beide Teamarbeit als essenziell erachten

mit den Gastgebern Kurt Gilomen (links) und Dagobert Cahannes (rechts) und den Gästen Frau Landammann Brigit Wyss (l) und Extremsportlerin Carla Lemm (r)

Grenchner Feierabendtalk "Ganz unger üs"

mit den Gastgebern Kurt Gilomen (links) und Dagobert Cahannes (rechts) und den Gästen Frau Landammann Brigit Wyss (l) und Extremsportlerin Carla Lemm (r)

Beim Feierabendtalk Ganz unger üs empfingen die beiden Gastgeber Kurt Gilomen und Dagobert Cahannes die amtierende Frau Landammann, die Grüne Brigit Wyss und die Extremruderin Carla Lemm, die im ersten Schweizer Frauenteam den Atlantik überquerte.

Brigit Wyss, die amtierende Frau Landammann und Carla Lemm, die im letzten Winter gemeinsam mit drei anderen Frauen im Rahmen der «Talisker Whisky Atlantic Challenge» in der ersten rein weiblichen Schweizer Crew in einem Ruderboot den Atlantik überquert hat, waren Gäste beim Grenchner Feierabendtalk «Ganz unger üs» in der Centro Lounge.

Die beiden Gastgeber Dagobert Cahannes und Kurt Gilomen zeigten sich erfreut über den grossen Publikumsaufmarsch. Die Centro Lounge war gut besetzt, wenn auch einige Besucherinnen und Besucher nicht erschienen waren, obwohl sie reserviert hatten.

Politkarriere war nie eine Selbstverständlichkeit

Wie Kurt Gilomen feststellte, waren die Voraussetzungen für die Grüne Brigit Wyss, eine steile Politkarriere zu machen, nicht von Anfang an gegeben. Ihr beruflicher und politischer Werdegang aber durchaus beeindruckend: Aufgewachsen auf einem Bauernhof absolvierte Brigit Wyss nach der Schulzeit eine Lehre in einer Bau- und Möbelschreinerei. Sie sei damals die einzige Frau in ihrer Gewerbeschulklasse gewesen, erinnerte sich Wyss. Sie sei nicht auf Händen getragen worden von ihren männlichen Klassenkameraden, aber man habe sie stets mit Respekt behandelt. Wyss machte später eine Lehre als Psychiatrieschwester und arbeitete eine Zeit lang in Altersheimen und in der Psychiatrie, absolvierte die eidgenössische Matura, schloss ein Jurastudium ab und arbeitete schliesslich 15 Jahre als Juristin im Umweltbereich.

2003 stieg sie in die Kommunalpolitik ein, sie wurde in den Gemeinderat der Stadt Solothurn gewählt, 2005 in den Kantonsrat. Nur gerade zwei Jahre später habe sie als grüne Politikerin von der grünen Welle profitieren können, die damals durchs Land schwappte und wurde in den Nationalrat gewählt, ja sogar als Bundesratskandidatin gehandelt. Dagobert Cahannes erinnerte sich, wie er damals als amtierender Regierungssprecher nach Bern geschickt wurde, für den Fall, dass sie gewählt würde und die Unterstützung eines Kommunikationsprofis benötigte. 2017 schliesslich wurde Brigit Wyss in die Regierung des Kantons Solothurn gewählt, wo sie ihr Wunschdepartement, das Volkswirtschaftsdepartement, übernehmen konnte.

Im Gegensatz zu einem dualen System - wie in Amerika beispielsweise - herrsche bei uns Konkordanz. Man übernehme mit der Übernahme auch die Fachleute, Amtsvorsteher und Abteilungsleiter des Departements. Sie schätze sich glücklich, ein wirklich gutes Team zu haben, in dem eine gute Diskussionskultur herrsche. Anfangs seien manche vielleicht etwas unsicher gewesen, aber nun erhalte sie sehr viel Support und schätze den offenen Diskurs. "Wir finden eigentlich immer den Rank".

Das Grüne ihrer politischen Ausrichtung habe sie schon auf dem Bauernhof mitbekommen, die Nähe zur Natur und zu den Tieren habe sie geprägt.  

Schon immer Extreme im Kopf

Die 34-jährige Carla Lemm stammt ursprünglich aus Davos und lebte neun Jahre im Tessin, bevor es sie nach Grenchen verschlug, wo sie heute als Innendekorateurin mit Schwerpunkt Böden arbeitet. Sie sei schon irgendwie etwas verrückt, meinte Dagobert Cahannes bei seiner Vorstellung von Carla Lemm: Das Reisen und Abenteuer stünden bei ihr ganz oben. Carla Lemm war 2016/17 für eineinhalb Jahre auf der Reise mit dem Velo, im arabischen Raum, Asien und Südeuropa. 2018 absolvierte sie einen Halbmarathon in Nordkorea, um schliesslich in Grenchen anzukommen. Wie das? Ganz einfach, sie habe sich während der Reise auf diverse Stellen hin beworben, und eine Bewerbung sei nach Grenchen gegangen. Hier fühle sie sich sehr wohl, sie sei sehr herzlich aufgenommen worden. «He, Ihr seid super», rief sie spontan ins Publikum.

Auf die Frage, wie sie in die Mannschaft zur Atlantik-Überquerung geraten sei, erzählte Carla, dass die Idee ursprünglich von einer anderen Frau stammte, deren Sohn 2017 an der Challenge teilgenommen hatte. «Und wie es halt so ist, kannte sie eine, die auch wieder eine andere kannte, und die kannte dann mich ... so ist die Crew entstanden.» Die Vorbereitungen zur Challenge dauerten über ein Jahr. «Ich konnte noch nicht rudern, als wir das Boot gekauft haben», erzählte sie lachend. Erst danach habe sie beim Solothurner Ruderclub und beim Seeclub Biel einige Lektionen absolviert. Mit dem Kauf des Bootes sei es allerdings noch nicht getan gewesen: «Wir mussten uns auch als Crew zusammenfinden und Regeln festlegen: Haben wir alle dasselbe Ziel? Wie gehen wir mit schwierigen Situationen um? Wir wussten, das Wetter und das Essen, daran können wir nichts ändern, aber unser oberstes Ziel war es, dass alle gesund in Antigua ankommen.»

Das Zusammenraufen, gemeinsame Ziele finden, auch für die Frau Landammann ein Thema. Denn schliesslich sitzen auch in der Regierung fünf Individuen mit unterschiedlichen Ansichten und Meinungen. Brigit Wyss gewährte dem Publikum einen Blick hinter die Türen bei einer Sitzung der Regierung und erläuterte die Entscheidfindung, das Abarbeiten der Geschäfte, von denen ein grosser Teil auch Routinegeschäfte sind, zu denen es in der Regel nicht viel oder gar nichts zu sagen gebe. Allerdings sei die Regierung in vielen Bereichen nichts anderes als ein Durchlauferhitzer. Denn viele Gesetzgebungen seien von Bund und Parlament vorgegeben und die Regierung müsse diese als Vollzugsbehörde umsetzen, beispielsweise in der Landwirtschaft. Aber die Regierung könne durchaus Schwerpunkte setzen.

Angesprochen auf die Wahlen nächstes Jahr, meinte Wyss, die Doppelvakanz sei in der Tat eine Überraschung, sie sei gespannt auf den Ausgang. Auch ihre Partei nehme in diesen Tagen den Wahlkampf auf.

5000 Kilometer rudern – ganz auf sich gestellt

Am 12. Dezember 2019 starteten die vier Frauen im Alter zwischen 34 und 54 Jahren in La Gomera und machte sich auf den rund 5000 Kilometer langen Weg nach Antigua. In einem 1 m 60 breiten Boot, mit zwei Kabinen, eine vorne am Bug, eine hinten im Heck und zwei Ruderplätzen in der Mitte. Kabinen, in denen man gerade mal habe knien können. «Seid Ihr unterwegs auch Tieren begegnet?», fragte Brigit Wyss ihren Co-Gast: Sehr vielen sogar, bestätigte Carla Lemm. Delfine hätten sie sehr oft begleitet, Schildkröten und Wale waren zu sehen.

Auch Haie hätten das Boot umkreist, da habe man beim Zähneputzen nachts etwas besser aufgepasst. Sie erzählte auch auf unterhaltsame Weise, wie die vier Frauen mit den normalen menschlichen Bedürfnissen umgingen, auch dann, als beide WC-Eimer verloren gingen. Auch vom Behandeln der Blessuren am Hinterteil und von der schweren Zeit, als eine der Frauen einen Hexenschuss hatte und die anderen ihre Schicht zusätzlich übernehmen mussten, war die Rede. Nach 45 Tagen 2 Stunden und 18 Minuten erreichten schliesslich die Swiss Ocean Dancers – Tatiana Baltensperger, Astrid Schmid, Sandra Hönig und Carla Lemm – mit ihrem Ruderboot die Insel Antigua in der Karibik.

Und jetzt? Sie stehe noch immer unter den unvergesslichen Eindrücken der Reise und habe sich vorgenommen, bis Weihnachten auch nichts zu planen, meinte Carla Lemm. "Das Erlebnis war so riesig, so einzigartig, das bin ich immer noch am verarbeiten." Sie können sich auch durchaus vorstellen, den Atlantik alleine in einem Ruderboot zu überqueren, meinte sie scherzend.

Brigit Wyss sagte, es gebe einige anstehende Projekte in ihrem Departement, zu dem unter anderem ausser der Militärdirektion auch das Amt für Umwelt und das Amt für Wald, Jagd und Fischerei gehört. So zum Beispiel die Anpassung des Waldgesetzes an den Klimawandel und neue Richtlinien für die Nutzung des Waldes. Der Druck auf den Wald habe zugenommen. Es sei natürlich schön, wenn die Menschen hier Ferien machen und den Erholungsraum Wald vermehrt nutzten, aber das führe auch immer mehr zu Konflikten. Wanderer, Spaziergänger, Velofahrer, sie alle hätten Ansprüche an den Wald. Dazu komme, dass man sich jetzt überlegen müsse, welche Baumarten, die den Klimawandel besser überstehen, man jetzt anpflanzen müsse, damit auch in 60 Jahren die kommerzielle Nutzung noch gewährleistet sei.

Sie schätze auch als Frau Landammann die Besuche bei den 100-Jährigen. Als Cahannes eine Anekdote der ersten weiblichen Solothurner Regierungsrätin erzählte, Cornelia Füeg, der bei einem dieser Besuche eine hochbetagte Dame sagte "ah, ist das schön, sind  Sie da, Frau Landammann, hat der Mann keine Zeit gehabt?", lachte Wyss und meinte, das sei inzwischen schon etwas anders. Auch wenn ihr eine Angehörige eines 100-Jährigen verraten habe, der Jubilar habe den ganzen Morgen geübt: "Frau Landammann, Frau Landammann, Frau Landammann ...".  Gefragt nach ihren persönlichen Wünschen meinte Wyss, sie sei sehr gerne Regierungsrätin und würde sich freuen, das auch in der nächsten Legislatur zu sein.

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