Grenchen

Fussballplatz wird noch nicht überbaut

Das Grundstück GB 6322 diente 10 Jahre als Fussballplatz. Trotz der Profile wird noch nicht morgen überbaut, die Zukunft ist offen.

Das Grundstück GB 6322 diente 10 Jahre als Fussballplatz. Trotz der Profile wird noch nicht morgen überbaut, die Zukunft ist offen.

Der Fussballplatz im Westen der Stadt dürfte trotz der weit sichtbaren Bauprofile nicht so schnell überbaut werden.

Im Westen Grenchens, kurz vor der Gemeindegrenze zu Lengnau, ist zwischen der Bielstrasse und der Karl-Mathy-Strasse eine kleine Fläche nicht überbaut. Regelmässig treffen sich dort Kinder und Jugendliche aus dem ganzen Lingeriz-Quartier zum Fussballspiel. Unter der Woche am späteren Nachmittag oder am Wochenende wird der grüne Flecken zum beliebten Treffpunkt ganzer Familien.

Doch damit ist nun offenbar Schluss. Denn vor kurzer Zeit wurden dort Bauprofile aufgestellt, eine der Stangen mit ihren Querverstrebungen steht sogar mitten im Feld. Die Profile umschreiben zwei Gebäude von etwa denselben Dimensionen der bereits bestehenden Wohnblöcke weiter östlich.

Seither gingen die Wellen nicht nur in den sozialen Medien hoch. Grenchnerinnen und Grenchner empörten sich darüber, dass die grüne Fläche zubetoniert werden soll. Kinder aus dem Quartier verfassten Briefe und Zeichnungen, adressiert an die Baudirektion oder den Stadtpräsidenten persönlich. Der Stapi wurde auch verschiedentlich von Kindern direkt angesprochen, er möge doch dafür sorgen, dass die Kinder ihren Spielplatz nicht verlieren. Gerüchte wurden herumgeboten, Vermutungen geäussert, niemand wusste so genau, wem man den Schwarzen Peter jetzt in die Schuhe schieben soll. Am einfachsten war es natürlich, der Stadt die Schuld zu geben.

Fast 30-jähriger Gestaltungsplan

Recherchen und eine Nachfrage im Hôtel de Ville bringen etwas Klarheit. Stadtpräsident François Scheidegger persönlich und Stadtbaumeister Aquil Briggen stehen für Erklärungen in der Sache zur Verfügung.

Auf dem fraglichen Grundstück GB 6322 genehmigte der Regierungsrat am 3. September 1990, also vor fast 30 Jahren, einen Gestaltungsplan. Dieser Gestaltungsplan sah den Bau eines 4-stöckigen Hotelbaus mit Restaurant, Versammlungssaal, Bar usw. vor. Realisiert wurde das Projekt aber nie. 2002 wurde das Grundstück an eine Liegenschaftsfirma in der Ostschweiz überschrieben, die noch heute Eigentümerin der Parzelle ist. Eine Person (Name der Redaktion bekannt) ist im Handelsregister als Verwaltungsrat und als zeichnungsberechtigt ausgewiesen, unter dem Namen dieser Person sind noch weitere Firmen eingetragen.

Spielplatz im Rahmen von «Läbigs Lingeriz»

2008 führte die Stadt Grenchen die Aktion «Läbigs Lingeriz» durch, Scheidegger war damals Stadtschreiber. Eine der Massnahmen im Rahmen des Quartierentwicklungsprojekts war die Schaffung eines Spielplatzes. Der Eigentümer der Parzelle stellte das fragliche Grundstück zu diesem Zweck gratis zur Verfügung, die Stadt errichtete die hohen Fangnetze westlich und östlich und stellte zwei Tore auf, die Baudirektion war für Pflege und Unterhalt zuständig. Der Gestaltungsplan war weiterhin gültig. 10 Jahre lang konnten die Kids dort die Bälle kicken.
Winter/Frühling 2019 reichte der Eigentümer der Parzelle bei der Baudirektion ein Überbauungskonzept ein: Auf dem Grundstück will er zwei «Baukörper mit Flachdach und Einstellhalle» errichten. Aus den Plänen gehe nicht unmittelbar hervor, welchen Ausbaustandard der Eigentümer anstrebe, erklärt der Stadtbaumeister. Aber aufgrund fehlender Reduits, fehlender Ensuite-Nasszellen und der minimalen Anzahl Parkplätze müsse man davon ausgehen, dass hier eher günstiger Wohnraum geschaffen werden soll. Konsequenterweise verlangte der Eigentümer von der Stadt die Aufhebung des alten Gestaltungsplans. Der Gemeinderat bewilligte im Februar diese Aufhebung einstimmig, der Beschluss bedarf aber noch der Genehmigung durch den Regierungsrat.

Bewilligung durch den Regierungsrat fehlt noch

Eine Formsache also, und dann wird gebaut? Nicht ganz, laut Scheidegger: «Wir haben den Gemeinderatsbeschluss noch gar nicht an den Regierungsrat weitergeleitet, sprich das Gesuch zur Aufhebung des Gestaltungsplans wurde noch nicht gestellt», erklärt Scheidegger. Für ihn ist klar: «Wir haben in der Stadt ausreichend günstigen Wohnraum und brauchen nicht noch mehr.» Er persönlich fände es schade, wenn das Fussballfeld verloren gehe, nur herrsche Eigentumsfreiheit und der Eigentümer dürfe dort bauen, solange er die Vorschriften einhalte. Stadtbaumeister Briggen ergänzt: «Für uns war klar, dass wir eine Baubewilligung nur dann erteilen, wenn die Ausrichtung und Ausgestaltung der Neubauten der baurechtlichen Grundordnung und dem Ortsbild entsprechen. Erst dann würden wir beim Regierungsrat die Aufhebung des noch gültigen Gestaltungsplans beantragen. Und bis jetzt haben wir noch kein bewilligungsfähiges Baugesuch erhalten», sagt der Stadtbaumeister. Konkret heisst das, dass zwar ein Baugesuch eingereicht wurde, dieses aber zur Überarbeitung an den Absender zurückgeschickt wurde. Zeitgleich wurden auch die Profile gestellt, was laut Briggen eher aussergewöhnlich sei. Normalerweise würden diese erst während der öffentlichen Auflage des bewilligungsfähigen Baugesuchs montiert.

Das Grundstück ist offenbar verpfändet

Aber im Frühling erhielt die Stadtverwaltung Post aus der Ostschweiz: Ein Konkursamt teilte der Stadt Grenchen mit, dass das fragliche Stück Land jetzt verpfändet sei. An wen, wisse man bei der Stadt nicht, vermutlich eine Bank. Auch das Grundbuchamt weiss auf Anfrage nichts von einem Besitzerwechsel. Das eröffne neue Perspektiven, sagt Scheidegger, der die Baudirektion damit beauftragt hat, abzuklären, ob die Stadt das Grundstück eventuell erwerben könnte. Das Problem: Wird doch noch ein bewilligungsfähiges Baugesuch eingereicht, dürfte der Preis steigen. Denn dann wäre das Grundstück ein marktfähiges Renditeobjekt, das Investoren – auch im Fall einer Steigerung infolge Konkurs des Eigentümers – auf den Plan rufen könnte. Falls die Stadt den Landkauf tätigen wollte, hätte die Gemeinderatskommission das letzte Wort.

Stapi kann sich auch einen Ersatz vorstellen

Scheidegger sieht aber auch die Möglichkeit eines Ersatzstandorts für den Fussballplatz im Lingeriz-Quartier. Mögliche Freiflächen, die infrage kämen, sind vorhanden. Der Stadtpräsident denkt dabei an Land nördlich der Karl-Mathy-Strasse. «Wir als Stadt können es uns erlauben, langfristig zu denken. Wir müssen nicht schon morgen alle unsere unbebauten Grundstücke überbauen. Und schliesslich war das Quartierentwicklungsprojekt ‹Läbigs Lingeriz› nicht bloss als temporäre Massnahme gedacht.» Falls der Landkauf nicht zustande komme, könne er sich durchaus vorstellen, woanders einen Fussball- und Spielplatz zu realisieren.
«Ich habe auch den Kindern jeweils versucht zu erklären: Das Land gehört nicht der Stadt, und sie sollten dankbar sein, hat ihnen der Eigentümer das Grundstücks während 10 Jahren gratis zur Verfügung gestellt.» Aber für Kinder sei das nicht so einfach zu verstehen. Und ein «Gewohnheitsrecht» gebe es in dem Fall nicht.

So oder so: Die Bagger werden weder morgen noch übermorgen auffahren, versichern sowohl der Stadtpräsident wie auch der Stadtbaumeister.

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