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Für Zertifizierung: Flughafen Grenchen steckt mitten im Papierkrieg

Der Grenchner Regionalflughafen wird nach der Norm der International Civil Aviation Organisation vom Bundesamt für Zivilluftfahrt zertifiziert. Jeder Prozess, jede Handlung, jeder Ablauf wird schriftlich festgehalten und mit Formularen begleitet.

Oliver Menge
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Optimistisch für die Zertifizierung: Ernest Oggier beim Erstellen schriftlicher Prozeduren in seinem Büro.

Optimistisch für die Zertifizierung: Ernest Oggier beim Erstellen schriftlicher Prozeduren in seinem Büro.

Oliver Menge

Um es vorwegzunehmen: Hier handelt es sich um eine komplizierte Angelegenheit. Denn alles, was mit Luftfahrt, Sicherheit, Betrieb und Zulassung von Flughäfen – schlicht allem, was im Zusammenhang mit Flugzeugen und dem Betrieb eines Flughafens, egal wie gross, zusammenhängt, ist strengstens geregelt.

Unzählige Regelwerke, Bestimmungen und ganze Reihen von Ordnern bestimmen weitgehend, was erlaubt ist und was nicht.

Für die Einhaltung dieser Regeln sorgt in der Schweiz das Bundesamt für Zivilluftfahrt, das Bazl. Und auch dieses unterliegt strengen Vorschriften, die in internationalen Abkommen geregelt sind und von internationalen Behörden festgelegt werden.

Dazu gehört auch, dass Flughäfen zertifiziert werden, und hier beginnt schon die Verwirrung. Denn im Grunde gelten dieselben Regeln, aber zwei Organisationen legen diese fest und das Bazl ist beiden verpflichtet, nämlich der «ICAO», der International Civil Aviation Organisation, und der «EASA», der European Aviation Safety Agency (siehe Kasten).

Zwei Organisationen legen die Regeln fest

Weltweit zuständig ist die ICAO, die International Civil Aviation Organisation mit Sitz in Kanada, eine 1944 gegründete Organisation, deren wichtigste Aufgaben einerseits das Erarbeiten und Festlegen von verbindlichen Standards für die Luftfahrt sind, die von den inzwischen 191 Mitgliedsländern umgesetzt werden müssen, andererseits die Regelung der internationalen Verkehrsrechte. Man will so international ein hohes Mass an Sicherheit in der Luftfahrt erreichen. Die ICAO ist auch verantwortlich für die Entwicklung von Infrastrukturen, die Erarbeitung von Empfehlungen und Richtlinien und die Zuteilung der ICAO-Codes für Länder und Flugzeugtypen. Die ICAO legt also internationale Regeln und Bestimmungen fest, die alles betreffen, was die Luftfahrt und den Betrieb von Flugzeugen und Flughäfen angeht. Den europäischen Staaten genügte das nicht und sie schufen 2002 die EASA, die European Aviation Safety Agency - zu Deutsch: die europäische Agentur für Flugsicherheit. 2004 nahm diese den Betrieb auf und seit 2006 sind die Bestimmungen der EASA - welche die Schweiz mit Abschluss des bilateralen Luftverkehrsabkommens mit der EU übernahm - auch für die Schweiz das Mass aller Dinge. (om)

Zwang zur Schriftlichkeit

Alle grossen Flughäfen, Zürich und Genf, sowie die Regionalflughäfen mit Linienverkehr, wie Bern, Lugano und Altenrhein, waren schon nach ICAO-Richtlinien zertifiziert und mussten danach noch eine Zertifizierung nach EASA-Standards ablegen. Regionalflughäfen wie Grenchen ohne Linienverkehr werden nach ICAO-Norm zertifiziert. Das heisst, vereinfacht ausgedrückt, dass jeder Prozess, jede Handlung, jeder Ablauf schriftlich festgehalten und mit Formularen begleitet wird.

Alles wird schriftlich niedergeschrieben und wird so überprüfbar. Als Beispiel: Wenn am Morgen die Verantwortlichen die Piste kontrollieren, auf Schäden untersuchen, die Pistenbeleuchtung kontrollieren und Fremdkörper von der Piste entfernen, dann ist in einer Arbeitsanweisung festgehalten, wann und wie sie das zu tun haben.

Und am Schluss wird das Formular unterschrieben und abgelegt, sodass im Fall eines Zwischenfalls überprüft werden kann, ob und wann die Piste untersucht wurde. Oder es wird zum Beispiel festgehalten, in welchen Abständen und von wem mit welchen Mitteln die Wiese der Segelflieger gemäht wird.

«Das hat nichts mit den grundsätzlichen Anforderungen und Sicherheitsbestimmungen zu tun, welchen der Flughafen genügen muss. Denn hätten wir bis jetzt etwas falsch gemacht, hätte uns das Bazl schon längst den Betrieb eingestellt», sagt Ernest Oggier, der Direktor des Regionalflughafens Grenchen. Mit anderen Worten: Mit der Zertifizierung gebe es keine einzige Flugbewegung mehr oder weniger für den Regionalflughafen Grenchen.

Anflug auf den Flughafen Grenchen

Anflug auf den Flughafen Grenchen

Hanspeter Bärtschi

Aber es sei durchaus möglich, dass eventuell zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sich ein Flugunternehmen überlege, sich in Grenchen anzusiedeln, welches sogenannte «Taxidienste», also Passagierflüge durchführe, die Zertifizierung ausschlaggebend werde.

«Jeder Flughafen in der Schweiz muss früher oder später zertifiziert werden», erklärt Oggier. «Zuerst waren die grossen Flughäfen Genf und Zürich an der Reihe, dann folgten die Regionalflughäfen mit Linienverkehr. Und nun sind die Flughäfen ohne Linienverkehr dran, also wir und Birrfeld.» Letzterer hat seine Zertifizierung nach ICAO-Norm erst kürzlich hinter sich gebracht.

Und wo steht Grenchen?

«Wir wurden bereits 2012 ein erstes Mal auditiert», erzählt Oggier. Nur wenige Tage nach seinem Amtsantritt als neuer Flughafendirektor seien die Auditoren des Bazl auf der Matte gestanden und man habe viele «findings», Verbesserungsmöglichkeiten, in Kauf nehmen müssen. «Ein Punkt war zum Beispiel, dass der Flughafendirektor, also ich, das mehrere hundert Seiten dicke Handbuch für den Flughafendirektor nicht unterschrieben und die Freigabe dafür erteilt hat. Aber ich unterschreibe doch nichts, das ich noch nicht gelesen habe, noch nicht habe lesen können, ein paar Tage nach Antritt der neuen Stelle.»

2013 wurde dann das gesamte Regelwerk der ICAO überarbeitet und ein neues Audit stand an. Oggier und sein Team haben rund 1000 Arbeitsstunden darauf verwendet, sämtliche Prozesse und Abläufe schriftlich festzuhalten und beim Bazl einzureichen. Im Oktober letzten Jahres wurden vier von fünf Kapiteln dann auditiert. Für das Fünfte, das Kapitel «Safety Management», habe es zeitlich einfach nicht gereicht, sagt Oggier. Dieses letzte Kapitel wird jetzt nachgeholt – und die vorgängigen vier werden ebenfalls nochmals überprüft.

Denn auch wenn das schon letztes Jahr erfolgt sei, ein «Teilzertifikat» gebe es nicht, so Oggier. Am 23. April findet ein Vorbereitungstag statt, am 24. April dann das eigentliche Audit. Bereits einen Tag später am Closing Meeting ist das Resultat dann bekannt.

Oggier rechnet fest damit, dass der Regionalflughafen Grenchen das Zertifikat nach ICAO-Norm Ende April erhalten wird. «Wir haben extrem viel Arbeit in diese Zertifizierung gesteckt, sogar noch zwei Studenten anstellen müssen, um des Papierkriegs Herr zu werden. Aber jetzt haben wir ein gutes Gefühl.»

Nur: Die Gefahr bestehe natürlich, dass das Bazl auf die Idee komme, auch Regionalflughäfen wie Grenchen müssten nach EASA-Norm zertifiziert werden. «Dann beginnen wir mit der Arbeit von vorne.»

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