Grenchen
Fünfhundert Männlein stehn im Walde...

Es ist ein wahrer Geheimtipp :Pensionär Renato Brizzi hat entlang der Waldwege oberhalb des Panoramaweges in Grenchen eine zauberhafte Steinmannliwelt gebaut .

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Renato Brizzi

Renato Brizzi

Solothurner Zeitung

Am frühen Nachmittag schlummert der Wald oberhalb des Panoramaweg noch. Mit den tiefen, gemächlichen Atemzügen der Bäume wiegen sich die gelben, grünen und orangen Herbstblätter in den Kronen, geniessen den Ausblick auf Stadt und Berge. Ein romantisches Plätzchen, besonders beliebt bei Spaziergängern, Joggern und Hundehaltern.

Schritte durchbrechen die Stille. Der Boden lebt auf, die gefallenen, bunten Blätter rascheln. In Wanderschuh und Gilet kommt Renato Brizzi zügigen Schrittes daher. Vor ihm läuft sein kleiner Spaniel, ein lebhaftes, sympathisches Hundetier. Die beiden haben viel gemeinsam, sind Freunde aus Sicht des pensionierten Italieners. «Raino! Komm hier!», ruft Renato Brizzi seinem Hund zu, und der Kleine gehorcht. Brizzi lacht. Mit glänzenden Augen und einem Lächeln hinter seinem grauen Bärtchen zeigt er an den Wegrand.

Nur wenige Meter oberhalb seines Familienhauses hat er das erste Steinmannli platziert. Das Männlein steht im Wald, ganz still und stumm. Doch alleine ist es nicht. Im Waldstück weiter oben, mit Start am Steingrubenweg, hat Brizzi zwischen 400 und 500 solcher Naturfiguren aufeinandergetürmt. Alleine, von Hand, bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Flaschenzug aus Seil und Baum

Seit letztem Jahr ist Brizzi, der seit sechs Jahren Pensionär ist, fast täglich im Wald und stellt Steinmannli aus, wie er selbst sagt. Täglich drei bis vier Stunden hartes Handwerk: Er holt die Steine von den Hängen oder aus den Gruben, wenn es sein muss, mit einem selbstgebastelten Flaschenzug. Teilweise entstehen an einem einzigen Nachmittag ganze Steinmannligruppen.

Etwas weiter oben auf der Tour zeigt Brizzi auf zwei riesige Steinbrocken. «Die muss ich auch noch ausstellen», sagt er, später noch mehrmals. Das Mannlibauen ist sein liebstes Hobby, ausser der Gartenarbeit im Sommer. Er könne manchmal kaum einschlafen vor Nervosität. Ihm fällt ein Stein ein, den er unbedingt noch aufstellen will, und er kann es kaum erwarten, am nächsten Tag wieder loszugehen.

Mit einem Stock zeigt er auf verschiedene Figuren, die es ihm selber besonders angetan haben. «Das ist eine sehr schöne», sagt er, und hat Recht. Renato Brizzi hat hier eine kleine, verträumte Steinmannliwelt kreiert.

Komplimente machen Mut

Der Italiener hat 32 Jahre für die SWG gearbeitet, war Kranfahrer, Bauarbeiter und Bauer, hat zwei erwachsene Töchter und einen Sohn. Brizzi wird bald 70. «Gopferdeggel», flucht er und fasst sich ins Kreuz. Das schwere Heben geht an die Knochen, und eine Rückenoperation hat er bereits hinter sich. Auch seine Frau ist manchmal ein wenig besorgt. «Für dieses Jahr ist bald fertig. Die Arbeit ist anstrengend», sagt Renato Brizzi. Sein Hobby fordert nicht nur Schweiss, sondern auch das ein oder andere Mal ein taubes Bein.

Dass einige Leute seine Arbeit längst bemerkt haben und ihm gratulieren, stärkt ihn aber. «Das macht mir immer wieder coraggio» – ermutigt ihn. Und je mehr Leute ihn ermutigen, desto ambitionierter wird er. Dass inzwischen auch viele Mini-Steinmannli die Wege zäumen, freut ihn zusätzlich. Die seien nicht von ihm, sondern von Familien, die mit ihren Kindern vorbeikommen.

Auch wenn es Renato Brizzi nur ungern zugibt – sein Wirken macht ihn stolz. Und es hält ihn fit. Zügigen Schrittes macht er sich nach eineinhalb Stunden Spaziergang wieder auf den Nachhauseweg, wo er noch einige Frauen und Männer antrifft, die ihm zu seinen Mannli gratulieren. Die Waldwege hier sind zum Geheimtipp, und der Steingrubenweg längst zum Steinmannliweg geworden.