Zwischen 2000 und 2006 hatte Valeria M.*, die ehemalige Leiterin der Finanzbuchhaltung der ETA SA in Grenchen, ihre Arbeitgeberin um rund 4,8 Mio. Franken erleichtert. Sie hatte dabei sporadisch Bargeldbezüge getätigt und vorgetäuscht, die Mittel würden für die Firma gebraucht. Einen grossen Teil des Geldes gab sie aus. Sie lebte auf grossem Fuss und verspielte Unsummen in Casinos auf der ganzen Welt.

Das Amtsgericht Solothurn-Lebern verurteilte Valeria M. im Juli 2009 wegen gewerbsmässigen Betrugs, mehrfacher Urkundenfälschung und gewerbsmässiger Geldwäscherei zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von vier Jahren. Zur Gefängnisstrafe hinzu kamen eine Geldstrafe von 2200 Franken, eine Parteientschädigung an die ETA von knapp 150 000 Franken sowie die Verfahrenskosten von rund 27 000 Franken. Dem Swatch-Group-Tochterunternehmen ETA muss sie zudem jeden Franken der 4,8 Mio. Franken zurückzahlen, zuzüglich Verzugszinsen in der Höhe von fünf Prozent.

225 000 Franken aufs Mal

Valeria M. focht das Strafmass von vier Jahren sowie die Verurteilung wegen gewerbsmässiger Geldwäscherei an, und so ist es gestern zur Appellationsverhandlung vor dem Solothurner Obergericht gekommen. Ob sie noch wisse, warum sie mit der ganzen Geschichte angefangen habe, wollte Oberrichter Hans-Peter Marti von der ehemaligen Chefbuchhalterin wissen und ob es sie beim ersten Mal Überwindung gekostet habe. «Ich weiss es nicht mehr. Ich weiss wirklich nicht mehr, warum ich einen solchen Wahnsinn angefangen habe», sagte sie gleichlautend zu beiden Fragen. Sie habe schon in vielen Therapiestunden erfolglos versucht, dies zu erörtern. Einst tönte dies noch anders. Als sie 2006 aufflog, erklärte sie bei den ersten polizeilichen Befragungen: Die Steuerpraxis der ETA sei nicht korrekt gewesen. Deshalb habe sie die Firma «bestrafen» wollen. Davon wollte Valeria M., die zuletzt bei der ETA jährlich 180 000 Franken brutto verdient hatte, gestern nichts mehr wissen. «Dazu hat es überhaupt keinen Anlass gegeben.» Es sei ihr ein Rätsel, wie sie solche Vorwürfe habe machen können. Bei ihrem ersten Griff in die Firmenkasse genehmigte sich M. 20 000 Franken. Später hat sie die Summen kontinuierlich gesteigert. Einmal liess sie sich einen Check von 225 000 Franken auszahlen. Allein im Jahr 2005 waren es 1,3 Mio. Franken, die sie sich ergaunerte.

«Nicht krankhaft»

Bei Valeria M. seien akzentuiert narzisstische Charakterzüge auszumachen, erklärte Lutz-Peter Hiersemenzel, der im Auftrag des Obergerichts ein psychiatrisches Gutachten über die ehemalige Buchhalterin erstellt hatte. Aber, folgerte der Gutachter, diese Charakterzüge hätten die Grenze von krank- oder wahnhaft nicht überschritten. «Es besteht keine Notwendigkeit zu einer therapeutischen Massnahme.»

Staatsanwalt Christian Calamo beantragte, M. sei zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von vier Jahren zu verurteilen und wich auch in seinen weiteren Anträgen nicht vom Urteil des Amtsgerichts ab. Bei der Angeklagten gebe es keine Anhaltspunkte für eine Spielsucht. Zudem sei laut Gutachter auch keine verminderte Schuldfähigkeit vorhanden. «Wenn man sich so viel Geld aneignet, tut man es aus Geldgier.» Pflichtverteidiger Alexander Kunz beantragte eine teilbedingte Freiheitsstrafe, die 30 Monate nicht übersteigen solle. 24 Monate dieser Strafe seien bedingt auf zwei Jahre zu verhängen. Es gehe hier nicht darum, die Taten seiner Mandantin zu verniedlichen, sagte Kunz. Was aber auffalle, sei das Versagen sämtlicher Kontrollinstanzen. Denn sie habe keineswegs raffiniert gehandelt. «Aber sie konnte den Verlockungen nicht widerstehen.» Das Urteil wird heute bekannt gegeben.

* Name von der Redaktion geändert