Grenchen
Früher waren Ferien nur etwas für Privilegierte

Unter dem Motto «Wo man früher in die Ferien ging» gewährte Kulturvermittler Xavier Fàbregas im Kultur-Historischen Museum in Grenchen einen Einblick in die frühere Ferienwelt. Besucherinnen und Besucher bekamen in seiner Führung spannende Anekdoten und interessante Quellen zu hören.

Lea Reimann
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Xavier Fàbregas führt durch die Geschichte der Ferien.

Xavier Fàbregas führt durch die Geschichte der Ferien.

Lea Reimann

«Die Frage danach, wo man früher in die Ferien ging, liesse sich auch einfach mit ‹gar nicht› beantworten», erklärte Fàbregas. Ferien haben sich als solche nämlich erst während der Industrialisierung etabliert und waren auch damals nur den Privilegierten ermöglicht.

Die erste ferienrechtliche Bestimmung des Bundes wurde 1879 gewährt. «Sie galt aber nur für Beamte», erklärte Fàbregas schmunzelnd. Ausserdem war die Gewährung von Ferien damals eher ein Akt der Wohltätigkeit und nicht vertraglich geregelt.

Von den Wallfahrten in der Antike bis hin zu Kavaliersreisen der britischen Adelskreise im 16. Jahrhundert: Xavier Fàbregas führte unterhaltsam durch die Geschichte. «Erst in der Romantik vergrösserte sich die Zahl der Reisenden, die Alpen wurden als Reiseziel entdeckt.» 1857 wurde der erste Alpenklub in England gegründet. Die damalige Einstellung zum Reisen zeige sich in einem Zitat Goethes, so Fàbregas: «Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.»

Die Tuberkulose brachte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine neue Form des Tourismus: die Freiluft-Liegekur. «So entstand 1866 das Kurhaus Davos, das kaum zwanzig Jahre später schon weltbekannt war», erklärte Fàbregas. Da das alpine Klima als besonders gesund galt, lagen wohlhabende Patienten aus der Schweiz und dem Ausland mehrere Stunden täglich im Freien, in der Hoffnung, von der Tuberkulose geheilt zu werden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sei die Schweiz zum Reiseland geworden. Die Hotellerie zählte jährlich 2,8 Millionen Ankünfte, allen voran Deutsche, Schweizer, Engländer und Franzosen.

Uhrmacherferien in Grenchen

Von besonderer Bedeutung für Grenchen waren die Uhrmacherferien. So hatten fast alle Angestellten der Uhrenindustrie Anrecht auf zwei Wochen Ferien im Sommer, die Stadt wirkte bisweilen wie ausgestorben. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten sich immer häufiger auch gewöhnliche Angestellte Ferien leisten. Meist verbrachten sie diese in der Schweiz, aber auch die Reise ins nahe Ausland wurde beliebter. Typisches Reiseziel waren die Umgebung von Venedig und die adriatische Küste. Gereist wurde in der Regel mit Zug und Zelt, seltener mit dem Car und noch seltener mit dem eigenen Auto. Neben dem Auto gab es aber auch noch viel kuriosere Vehikel, betonte Fàbregas und zeigte Bilder vom Messerschmitt Kabinenroller, vom «Leukoplastbomber», dessen Carrosserie wegen Materialknappheit aus Sperrholz bestand oder von der Knutschkugel, einem Rollermobil von BMW.

Auch wer sich Ferien nicht leisten konnte, kam ab den Fünfzigerjahren immer mehr in den Genuss von Tagesausflügen in der Region: «Besonders beliebt war die Fahrt ins Blaue», erklärte Fàbregas. Dazu gehörten eintägige Carfahrten zu beliebten Ausflugszielen, Verpflegung inklusive. Weitere Ausflugsziele für Grenchnerinnen und Grenchner waren «der Berg» oder auch das Schwimmbad, das 1956 eröffnet wurde.

Die Anwesenden zeigten sich sichtlich interessiert und blätterten nach der Führung in den Büchern zum Thema. «Genau so habe ich das von meinen Eltern mitbekommen», sagt ein Mann und betrachtet die SchwarzWeiss-Aufnahme eines VW-Käfers, der der Küste entlang fährt. Ohne Autobahn sei es zwar weniger komfortabel gewesen als heute, aber dafür habe man während der Reise mehr gesehen. Und womöglich reiste man damals noch häufiger, um zu reisen.