Mitte vierzig hatte Nathalie Radelfinger praktisch die ganze Welt gesehen und das zum Teil in Begleitung prominenter Persönlichkeiten wie dem Popsänger Elton John. Dann der Tapetenwechsel: Seit vier Jahren amtet die Grenchnerin als Parlamentsweibelin in Bern. Wie sich Organisation und Improvisation, Entscheidungsfreude und Dienstleistungsgesinnung unter einen Hut bringen lassen.

«Es ist schön, mein eigener Chef zu sein», sagt Nathalie Radelfinger. «Es ist ebenso schön, als Dienstleisterin im Hintergrund zu wirken und zu schauen, dass an den Sessionen und bei den Kommissionssitzungen alles rund läuft.» Auf den ersten Blick sieht das nach einem Widerspruch aus. Doch im Fall von Nathalie Radelfinger ist es keiner.

Vom Einzelkampf …

Nach einigen Jahren Berufserfahrung wollte die junge Kindergärtnerin aus Büren a. A. etwas erleben und fremde Kulturen entdecken. Sie bewarb sich als Flight Attendant bei einer Schweizer Charterfluggesellschaft. Bald folgte die Spezialisierung auf den Service im Privatjet, besonders in Maschinen russischer VIPs (very important people – Berühmtheiten). Vom Catering bis zur Reiseapotheke fiel alles in ihre alleinige Verantwortung.

Moskau wurde für Nathalie Radelfinger zur Basis. Fortan war sie hier jeweils für zwei Monate stationiert, mit anschliessend drei bis vier Wochen Freizeit in der Schweiz. Sie erweiterte ihre Fremdsprachen (französisch, englisch und italienisch) um Basiskenntnisse in Russisch. «Beim Aufstehen wusste ich nie, wo es hingehen würde. Aus diesem Grund war mein Koffer immer so gepackt, dass ich sowohl für den hohen Norden als auch für die Wüste Kleider und Schuhe griffbereit hatte», erinnert sie sich an jene abenteuerlichen und bisweilen hektischen 20 Jahre. «Ob es mich hinter den Polarkreis oder nach Dubai verschlägt, erfuhr ich beim Abflug.»

Angenehm seien drei Wochen Aufenthalt mit den beiden Piloten in Barbados gewesen – «eigentlich Strandferien». Eine Herausforderung hingegen waren fünf Tage mit der russischen Regierung in Nordkorea. «Damals gab es dort keinerlei Infrastruktur für Besucher, kein Hotel, kein Restaurant – und keinen Schritt aus dem Schlafzimmer ohne amtliche Begleitung. Zu essen bekamen wir jeweils eine kleine Schale Reis, hin und wieder mit ein wenig Sojasauce.» Besonders gern war Nathalie Radelfinger jeweils mit Michail Gorbatschow unterwegs: «Ein gebildeter und interessanter Mann, dabei sehr warmherzig.»

… zur Teamarbeit

Im Herbst 2014 begann für Nathalie Radelfinger ein neuer Lebensabschnitt. Einem Tipp aus Flugbegleiterkreisen folgend, bewarb sie sich bei den Parlamentsdiensten. Seither versieht sie im sechsköpfigen Team (derzeit vier Männer und zwei Frauen) die Aufgaben eines Parlamentsweibels.

In etwas formellerer Umgebung (links) bei der Vereidigung von Bundesrat Ignazio Cassis am 20. September 2017.

In etwas formellerer Umgebung (links) bei der Vereidigung von Bundesrat Ignazio Cassis am 20. September 2017.

Kürzer sind ihre Arbeitstage nicht geworden. Dafür planbarer. Während der Session (viermal drei Wochen plus eine Woche Sondersession jährlich) beginnt die Arbeit um 6 Uhr morgens mit der Postsortierung. Es gilt die Unterlagen für alle Geschäfte des Tages auf jedem Platz im Nationalratssaal bereitzulegen und im Vorzimmer die Zeitungen aufzulegen.

Wenn der Tag im Parlament beginnt, um 8 Uhr, kümmern sich die Weibel besonders um den Präsidenten und dessen Übersetzer, versorgen sie mit Getränken und Snacks, weil diese Personen vom Sitzungsablauf her nicht so mobil sein können wie die Parlamentarier. Nathalie Radelfinger ist dem Nationalrat zugeteilt und dort dem Segment «Ost Sektor 2».

Hundert Kleinigkeiten

Die Weibel achten darauf, dass die Redner ihre Einsätze nicht verpassen, ausserhalb des Saals Früchte stets griffbereit sind, sie schlagen Gesetzesparagrafen nach, buchen Hotelübernachtungen und unterstützen die Abgeordneten bei hundert Kleinigkeiten. Sollte jemandem schlecht werden, leisten die Weibel erste Hilfe.«Seit einem Jahr können die Parlamentarierinnen und Parlamentarier selbstständig Sitze auf der Angehörigentribüne buchen. Die meisten ziehen es aus Gewohnheit vor uns Weibel um diese Buchungen zu bitten.» Nathalie Radelfinger schätzt den zwischenmenschlichen Kontakt und die Dienstleistungen, die sie erbringt. Auch der permanente Wechsel zwischen den drei Landessprachen gefällt ihr.

Spannend, wenn auch anstrengend, seien Grossanlässe. In Menschenmengen bahnen die Weibel der Nationalratspräsidentin oder dem Ständeratspräsidenten den Weg, falls nötig mit Schulter und Ellbogen. Wenn auch der Personenschutz nicht in ihren Aufgabenbereich fällt, so weiss Nathalie Radelfinger aus Erfahrung, dass die Beobachtung der Umgebung hilft unangenehme oder peinliche Situationen zu vermeiden. Man lerne schnell, sich mit der jeweiligen Präsidentin oder dem Präsidenten über Blicke zu verständigen und zur richtigen Zeit Tee, Kaffee oder Wasser bereitzuhalten. «Nach einem Tag Olma ist man fix und fertig. Das gehört dazu. Ich würde auf keinen Aspekt meiner Arbeit verzichten wollen», betont sie.

Später Feierabend

Ausserhalb der Sessionen betreut die Parlamentsweibelin Kommissionssitzungen; Arbeitsbeginn ist dann um 7 Uhr morgens. Hier kommen dann wieder ihre Stärken als Einzelkämpferin zum Tragen. Finden Sitzungen ausserhalb des Bundeshauses statt, sorgen Nathalie Radelfinger und ihre Kollegen für ein passendes Fahrzeug (vom Militär), schaffen Mikrofonanlage und Sitzungsunterlagen an Bord und richten den Raum her. Ausserdem halten sie die Gesetzessammlungen à jour, eine Arbeit, die quartalsweise anfällt.

Oft dauern die Sitzungen bis zum späten Abend. Dennoch hat die Weibelin nie daran gedacht, von Grenchen wegzuziehen, wo sie seit 17 Jahren wohnt. «Ich habe eine wunderschöne Wohnung. Die Wohnung der Eltern befindet sich im Haus daneben, und mit ihnen habe ich ein sehr enges Verhältnis», sagt Nathalie Radelfinger. Früher besass die Familie Pferde, Hunde und Ziegen – «alle Tiere kamen mit auf die Ausritte», blickt Nathalie Radelfinger mit einem Schmunzeln zurück. Inzwischen hätte sie nicht einmal Kapazität für eine Katze. «Wenn ich die Zeit finde, gehe ich spazieren oder schwimmen. Aber meine Arbeit hat die höchste Priorität», sagt sie.