Kunstprojekt
Fremde Geschichten zum Selbererleben

Mit Erzählungen langjähriger Grenchner wird ein besonderer Zugang zur Stadt ermöglicht. Das Projekt wurde von zwei jungen Frauen aus Grenchen und Olten erdacht und ausgeführt.

Patrick Furrer
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Solothurner Zeitung

Wie soll man kennen, was man nie gesehen hat? Welche Geschichten soll man mit einem noch unbekannten Ort verbinden? Eigentlich gar keine. Genau deshalb kann es schön sein, wenn man einen Ort gemeinsam mit jemandem entdeckt, der damit Erinnerungen verbindet und die kuriosesten Geschichten dazu weiss. Eine Erfahrung, die man künftig auch ohne fleisch gewordene Begleitung machen kann.

«Und die Erzählungen gehören zur Hälfte dir» ist ein partizipatives Kunstprojekt, an dem sich viele Privatpersonen beteiligt haben. Konzipiert wurde es von zwei jungen Frauen aus Grenchen und Olten, die Idee dazu entstand während der Vorbereitungen für ihre Abschlussarbeit des Studiums der Kunst und Vermittlung an der Hochschule für Design und Kunst in Luzern. «Ein Ort erschliesst sich durch die Bewegung der Bewohner in und ihre ganz persönliche Sichtweise auf die Stadt», erklärt die 26-jährige Piera Sutter, die seit 2010 mit Kollegin Alina Schmuziger zusammenarbeitet, die Idee der Arbeit. Piera Sutter ist in Grenchen aufgewachsen und bis heute viel zu Besuch in der Stadt und bei ihren Eltern. «Mit unserem Projekt wollen wir den Leuten über eine ganz subjektive Sicht den Zugang oder einen neuen Zugang zur Stadt ermöglichen.» Prägende Ereignisse und unterschiedliche Blicke auf die Stadt werden zugänglich. Plätze, Strassenecken und Gebäude erhalten eine neue Bedeutung.

Auf eigene Faust entdecken

Das Ergebnis der halbjährigen, intensiven Vorarbeit ist ein Werkzeug – eine grosse Faltkarte mit elf Wegskizzen und ebenso vielen Hörstücken. Bewohnerinnen und Bewohner von Grenchen haben Orte, die prägend für sie waren, in der Stadt von Hand skizziert und dazu in eigenen Worten und bildhaft ihre Erlebnisse auf Tonträger gesprochen. Ohne Begleitung und auf eigene Faust kann man sich mit Faltkarte und CD auf die Spuren dieser Menschen begeben.

In einer ersten Etappe haben Piera Suter und Alina Schmuziger das Gespräch mit den Stadtbewohnern gesucht; auf dem Marktplatz und an anderen Orten wurde gemeinsam Kaffee getrunken und sich ausgetauscht. Nachdem die beiden Künstlerinnen ihre Favoriten ausgesucht hatten, besuchten sie sie zu Hause zum Interview und zur Tonaufzeichnung. In der dritten und letzten Phase entstand die Arbeit. «Ein Werkzeug, welches dazu dient, sich der Stadt erneut hinzugeben und den gelebten Raum aus einer anderen Sicht wahrzunehmen.» Dieses Werkzeug ist auch in der Grenchner Buchhandlung Lüthy und über die Website www.ortsgeschichten-gren-
chen.ch. erhältlich.

Vernissage am Samstag

Doch natürlich handelt es sich in erster Linie um ein künstlerisches Projekt und kein Verkaufsobjekt. Gesponsert wurde die Arbeit von der Adrian-Girard-Stiftung, dem Kulturengagement der Stadt Grenchen, der City-Druckerei und Sprüngli-Druck. Die Vernissage findet morgen Samstag zwischen 15 und 18 Uhr auf dem Marktplatz statt. Besucher können verschiedene Wegskizzen auswählen und eine oder mehrere Erkundungen machen. Ausgangs- und Endpunkt jeder Begehung ist der Marktplatz. Beim Apéro gibt es nicht nur Gelegenheit, die Erkundungstouren und Orte kennen zu lernen, sondern auch ihre «Geschichtenerzähler» und die «Werkzeugbauer« Piera Sutter und Alina Schmuziger.