Beat Stebler ist Perfektionist. Der 58-jährige Fotograf, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat (siehe Artikel rechts), hat sich im alten Jowissa-Gebäude ein Fotostudio eingerichtet, in dem nichts fehlt: Hintergründe, Stative, Blitze und Dauerlichter mit Diffusoren und Lichtboxen in verschiedenen Grössen, fahrbare Aufhell- oder Abdunkelwände, mehrere digitale Kleinbildkameras, Mittel- und Grossformatkameras, elektronische Drehteller, Kameraschienen und Kamerawagen, eine Garderobe mit Schminktisch und diversen Accessoires und und und.

In der Mitte des Studios ist eine Konstruktion an der Wand angebracht, die auf den ersten Blick an ein Raumgefährt erinnert, nur der «menschliche» Arm, der in der Mitte herausragt, passt irgendwie nicht ins Bild. Hier realisiert Stebler 4K-Videos von Uhren, wie das vor ihm in der Perfektion noch keiner geschafft hat. Rund um den Arm, dem man eine Uhr ums Handgelenk legt, dreht sich eine Metallkonstruktion. An dieser Konstruktion, die von einem Scheibenwischermotor angetrieben wird, hängen eine hochauflösende Kamera, ein Bildschirm, akkubetriebene Lampen mit Dauerlicht, Gewichte bis zu kleinen Magneten, um das Gerät auszubalancieren. Innen ist die Konstruktion mit Alu ausgekleidet, gegenüber der Öffnung, durch die die Aufnahme gemacht wird, erhellt eine Lampe durch einen Diffuser das Innere. «Mir kamen viele meiner Fähigkeiten zugute, die ich im Lauf meines Lebens erworben habe, wie zum Beispiel das Schweissen», sagt der Tüftler, der das Teil komplett selber entwickelt und gebaut hat. 

Co-Produktion von Uhrenchef und Fotograf

Die Idee dazu ist aber das Resultat einer Co-Produktion. Denn als Stebler sich für die Räumlichkeiten im alten Jowissa-Gebäude interessierte, lernte er den CEO der Bettlacher Uhrenfirma Jowissa, Simon Wyss, kennen.

Die beiden verstanden sich auf Anhieb: Wyss, der selber gerne fotografiert und früher viele der Katalogfotos von Jowissa selber realisiert hatte, diskutierte mit Stebler seine Vision. «Das Funkeln ist wesentliches Merkmal unserer Kollektionen. Die Uhrengläser werden entsprechend geschliffen, ein Teil sogar facettiert. Und dieses charakteristische Funkeln kommt auf Still-Images, also normalen Fotos, nicht rüber.» Wyss hatte die Idee, statt statischer Bilder Videos zu realisieren, um ebendiesen Effekt besser sichtbar zu machen. Denn Jowissa setzt je länger, je mehr auf Werbung mit Bewegtbildern, auf Websites im Internet, auf den sozialen Medien und anderen digitalen Kanälen. Gesagt, getan: Beat Stebler – Künstlername Pete Paris, Simon Wyss nennt ihn nur Pete – setzte die Idee in die Tat um und konstruierte eine Vorrichtung, mit der man ganz ohne Kabel, welche die Rotation behindern, 360-Grad-Aufnahmen rund um ein Handgelenk machen kann. Für die Sichtbarkeit der Zifferblätter sorgt in der Mitte über der Uhr ein auf der Aluminiumfolie angebrachter schwarzer Streifen, je nach Uhrgrösse schmaler oder breiter. Nur: Trotz Auflagen, um sich abzustützen, gelang es den beiden nicht, einen echten Arm eines Models so zu stabilisieren, dass die Aufnahmen so gelangen, wie beabsichtigt.

Wyss machte sich auf die Suche und fand in den Niederlanden einen Hersteller von künstlichen Gliedmassen aus Silikon, der täuschend echt wirkende menschliche Körperteile für Museen kreiert. Wyss erwarb einen Männer- und einen Frauenarm, die nun in die Konstruktion montiert werden können und sich garantiert nicht mehr bewegen.

«Ich bin begeistert von Beat Stebler», sagt Wyss.«Er hebt sich in der Branche sicherlich ab, weil er nicht nur kreativ, sondern auch technisch versiert und handwerklich sehr begabt ist. Wir verstehen uns sehr gut, was die Zusammenarbeit einfach macht. Und er ist Perfektionist». So ist beispielsweise die Lichtführung essenziell, um das Funkeln an die richtigen Stellen der Uhr zu bringen.

Der CEO ist bei allen Aufnahmen aktiv beteiligt

Ein Anliegen von Wyss war auch, die Aufnahmen möglichst rationell zu realisieren. Also ist er beim Shooting immer dabei und hilft aktiv mit. Jeder hat seine Aufgaben, die er erledigt. Wyss montiert die Uhr, richtet sie aus, Stebler bereitet die Kamera vor. Wenn alles bereit ist, macht die Kamera zwei komplette Umdrehungen um die Uhr. Dann wird das Set gewechselt und die nächste Uhr kommt dran. Die beiden schaffen so rund 15–20 Uhren pro Stunde.

Aus diesem Rohmaterial in 4K-Auflösung, das pro Uhr mehrere Gigabyte Daten umfasst, werden später Videos in der Nachbearbeitung für die verschiedenen Ausgabeformate geschnitten – Hochformat für Smartphone-Ansichten, quer oder quadratisch fürs Web.

«Hier entstehen weltweit einzigartige Aufnahmen», sagt der Chef der Uhrenfirma, der sein Augenmerk auf E-Commerce legt und die Filme als zusätzliches Werbemittel in einem hart umkämpften Markt versteht. «Wir haben hier etwas Einzigartiges geschaffen, eine standardisierte Möglichkeit, die Uhren aufzunehmen und so zu zeigen, wie sie sich tatsächlich präsentieren.»