Flughafen Grenchen
Flughafen-Chef warnt vor falschen Hoffnungen in die Fliegerbeobachtung

Die Überwachung der Flugrouten beim Anflug des Flughafens Grenchen bestätigt zwar Fortschritte bei der richtigen Routenwahl. Immer noch soll es zu viele falsche Überflüge von Wohngebieten geben. Der Flughafen-Direktor warnt vor falschen Hoffnungen.

Andreas Toggweiler
Merken
Drucken
Teilen
Anflug auf Flughafen Grenchen.

Anflug auf Flughafen Grenchen.

Hanspeter Bärtschi

Die Reduktion von angeblich falschen Überflügen über Wohngebiete macht zwar Fortschritte, aber das vor einem Jahr formulierte Ziel einer Halbierung wurde erst zu drei Vierteln erreicht, wie die Repla Grenchen Büren im Rahmen ihrer jährlichen Bilanz bekannt gab. Bei ihren Stichproben haben die Kontrolleure der Repla 64 Überflüge «neben dem Strich» (vgl. Karte) gezählt, gegenüber 83 im Vorjahr (wir berichteten).

Pilotenkarte für den Flughafen Grenchen. Schwarz links der Mitte die beiden Platzrunden. Gelb schraffiertes Gebiet soll gemieden werden.

Pilotenkarte für den Flughafen Grenchen. Schwarz links der Mitte die beiden Platzrunden. Gelb schraffiertes Gebiet soll gemieden werden.

zvg

Sie nehmen die Kontrollen im Auftrag des Flughafens wahr und werden auch von diesem entschädigt. Die Überwachung kostet den Flughafen 25000 Franken im Jahr.

Ist eine festgestellte Stichprobe von 64 falschen Flügen viel oder wenig? Wurden die Ziele zu hoch gesteckt? Ernest Oggier, Chef des Flughafens Grenchen, schaut leicht gequält. «Die Voltenkontrollen, die lange vor meiner Zeit eingeführt wurden, können falsche Hoffnungen wecken. Nämlich, dass irgendeinmal diese Anzahl auf null reduziert werden kann.»

Einfluss durch Wind und Wetter

Das sei aus verschiedenen Gründen unrealistisch. Denn eine grosse Rolle spielen die Wetterverhältnisse, welche sich nicht voraussehen lassen. Die Flugzeuge würden je nach Windrichtung- und Stärke auf ihren Platzrunden aus dem Anflug- bzw. Abflugkorridor gedrängt, auch wenn dieser eine Toleranz gegenüber dem eingezeichneten Flugweg von links und rechts je ca. 150 Meter aufweist. «Je nach Ausbildungs- und Trainingsstand können die Piloten solche Abweichungen aber gut korrigieren», meint Oggier.

Dazu komme, dass die Platzrunde in Grenchen alles andere als simpel sei. Die Standartvolte sieht normalerweise einen geraden und parallel zur Piste gelegten Gegenanflug vor. In Grenchen weicht aber die innere Volte aus Lärmschutzgründen davon ab, indem sie um die Ortschaften Arch und Leuzigen herumführt. «Das ist keine einfache, standardisierte Flugwegführung und kann in einer Flugphase, wo der Pilot auch mit Checks und intensiver Luftraumbeobachtung beschäftigt ist, zu kurzzeitigen Abweichungen führen», so Oggier. Dazu gehöre auch ein unbeabsichtigtes Überfliegen von sogenannt «zu meidenden Gebieten».

Schwierige Einschätzung

Die äussere Volte für schnellere Flugzeuge führt über den Bucheggberg und kommt dem Standardverfahren näher, mit Ausnahme des «Knicks» zur Vermeidung der Überflüge von Altreu. Was für den Piloten aus dem Cockpit heraus nicht einfach ist, wird für den Beobachter von aussen erst recht schwierig: die Lage des Flugzeugs über dem Boden einzuschätzen. «Da, liegen Laien oft massiv daneben», weiss Oggier. Und je höher ein Flugzeug über Boden fliegt, desto schwieriger wird die Einschätzung.

Im Sinne eines sicheren Verkehrsmanagements könne zudem die Flugsicherung jederzeit eine Abweichung von der publizierten Volte verlangen, sei es mit Abkürzen oder Verlängern des Flugweges. «Der Pilot fliegt keineswegs falsch, sondern folgt der Anweisung der Flugsicherung», betont der Flughafendirektor.

Dass die Voltenkontrolle überdies feststellt, dass die meisten falschen Überflüge von Flugzeugen stammen, die in Grenchen stationiert sind, ist insofern nicht überraschend, als 65 Prozent des gesamten Flugverkehrs durch Schulungsflüge verursacht wird. Der Flugverkehr insgesamt ist rückläufig, von über 100 000 Starts und Landungen in den 90er-Jahren auf 75 000 heute.

Dennoch haben die Reklamationen von Drittpersonen vor allem zugenommen, seit über eine Pistenverlängerung diskutiert wird, wie Oggier bestätigt. Und der Ton wird allgemein gehässiger. Es gibt offenbar Leute, die nichts anderes machen, als Flugzeuge zu zählen, die vorbeifliegen. Am Abend schicken sie dann dem Flughafen per Mail ein Protokoll mit einer Auflistung, wie oft sie sich in ihrer Ruhe gestört gefühlt haben.

Ist GPS die Lösung?

Repla-Chef Konrad Schleiss schlägt derweil vor, die Flugzeuge mit GPS-Aufzeichnungsgeräten auszurüsten. Oggier ist skeptisch. Technisch sei das zwar möglich, das Fliegen der Platzrunde ab GPS sieht er aber als Sicherheitsrisiko an. Das habe zur Konsequenz, dass die Aufmerksamkeit fast vollständig auf das Anzeigegerät gerichtet wird und daher die Luftraumbeobachtung, aber auch die Bedienung und Überwachung des Flugzeuges, vernachlässigt wird. «Besonders im arbeitsintensiven Voltenbetrieb ist so etwas unverantwortbar.»