Schifffahrt
Flaggschiffe im Vergleich: Was «Rousseau» und «Saphir» trennt

Die neuen Flaggschiffe der Bielersee Schifffahrt und der Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee im Vergleich. Am auffälligsten ist der Preisunterschied: Die «Saphir» kostete rund 5,6 Millionen Franken, die «Rousseau» 8,1 Millionen Franken.

Bruno Utz
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Die «Saphier» und die R«ousseau» im Vergleich

Die «Saphier» und die R«ousseau» im Vergleich

zvg/az

Anfang April nahm die Bielersee Schifffahrt (BSG) ihr neues Flaggschiff MS Rousseau in Betrieb. Einen Monat später schickte die Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee (SGV) ihre Panorama-Jacht Saphir auf die Jungfernfahrt. Beide Schiffe haben eine Transportkapazität von 300 Personen und sind knapp 50 Meter lang. Auffällig ist jedoch der Preisunterschied: Die «Saphir» kostete rund 5,6 Millionen Franken, die «Rousseau» 8,1 Millionen Franken.

«Nur weil sie etwa gleich gross sind und für die gleiche Anzahl Passagiere gebaut wurden, sind die zwei Schiffe nicht vergleichbar», sagt Björn Hensler, Leiter Marketing und Verkauf bei der Shiptec Lucerne. Die Shiptec hat die «Saphir» entwickelt und gebaut. Shiptec Lucerne ist eine strategische Geschäftseinheit der SGV. Als grösste Werft der Schweiz führt sie auch Aufträge anderer Schifffahrtsunternehmen aus. «Auch die BSG ist ein sehr guter Kunde von uns», sagt Hensler. Auch auf dem Thunersee-Dampfschiff Blümlisalp habe die Shiptec die soeben abgeschlossenen Unterhaltsarbeiten ausgeführt. Ein Grossprojekt sei zudem die Restaurierung des Raddampfers Neuchâtel, der voraussichtlich ab 2013 wieder auf den drei Juraseen verkehren soll (vergleiche separaten Artikel). Bezüglich der grossen Preisdifferenz sagt Hensler: «Wir haben das MS Saphir gar nie für den Verkauf kalkuliert.» Den externen Preis für das für Rundfahrten im Luzerner Hafenbecken eingesetzte Schiff schätze er jedoch auf rund 6,5 Millionen Franken.

BSG-Geschäftsführer Thomas Erne verweist auf die unterschiedlichen Anforderungen, welche die zwei Schiffe erfüllen müssen. «Das MS Rousseau ist ein Kursschiff, das sowohl auf der Aare, Kanälen als auch auf den drei Seen zum Einsatz kommt.» Das Schiff sei auch schleusentauglich. «So mussten zum Beispiel ein versenkbares Steuerhaus installiert oder zwei Einstiegsplattformen gebaut werden.» Im Gegensatz zur SGV, die den Auftrag für ihr Schiff konzernintern vergeben konnte, habe die BSG den Auftrag öffentlich nach den Gatt/WTO-Regeln ausschreiben müssen. Allein diese Auflage habe Kosten von 300000 Franken verursacht. «Auch die Mehrwertsteuer von über 700000 Franken ist im Gesamtbetrag der BSG inklusive», sagt Erne. Berücksichtigen müsse man auch, dass das MS Saphir keine Transportkosten hatte. Für das MS Rousseau betrügen diese fast ein halbe Million Franken. Die Endabrechnung sei noch nicht fertig. «Wir wissen aber, dass wir unser Budget einhalten können.» Vom tiefen Euro-Kurs profitiere die BSG nicht. «Wir vergaben den Auftrag in Schweizer Franken», sagt Erne. Kursrisiko und -chancen lägen bei der Lieferantin, der österreichischen Werft Öswag AG in Linz. Laut Erne haben mehrere Werften die Ausschreibungsunterlagen bezogen, als einzige habe schliesslich die Öswag ein Angebot eingereicht. «Die Shiptec musste auf eine Offerte verzichten», bestätigt Björn Hensler: «Wir konnten nicht alle Anforderungskriterien erfüllen.» Kapazitätsgründe oder die Eignungskriterien seien meist als Absagegrund genannt worden, sagt Erne. Zudem habe die deutsche Bodan-Werft in Kressborn, ein traditioneller Schiffbauer für die Schweizer Seen, während der Ausschreibungsphase den Betrieb eingestellt.

Bereits am 24. April erlitt die MS Rousseau einen Motorschaden. Durch eine Luftansaugung war bei starkem Wellengang auf dem Neuenburgersee Wasser in einen der zwei Scania-Dieselmotoren geflossen. Der Motor musste ausgebaut und repariert werden. Die gesamten Kosten für Aus- und Einbau, Reparatur und Transport schätzt Erne auf rund 70000 Franken. Die Aufteilung werde noch verhandelt, seit dem Auffahrtstag sei das MS Rousseau wieder im Einsatz. «Das Bundesamt für Verkehr hat 2010 die Auflage erlassen, dass bei allen Schiffsneubauten die Luftansaugung zu den Motoren immer von ausserhalb des Motorraumes erfolgen muss. Das MS Rousseau ist das erste Schiff in der Schweiz, das mit dieser Auflage gebaut wurde», sagt Erne. Bei der Luftansaugung zum Motor werde nächste Woche eine Wasserfalle eingebaut. «Diese verhindert, dass bei hohem Wellengang Wasser zum Motor dringen kann.»