Grenchen
Festspielwoche im Bachtelen: Mit Nonne und Cognac im Bad

Letzte Vorbereitungen für die Festspielwoche, die vom 26. September bis zum 1. Oktober stattfindet. Das Bachtelen zieht dafür alle Register.

Daniela Deck
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Die Festispielwoche im Bachtelen beleuchten viele Stationen. Marie, die Verlobte des Tunichtguts Zardo wird von einer Schwester über dessen Schattenseiten informiert

Die Festispielwoche im Bachtelen beleuchten viele Stationen. Marie, die Verlobte des Tunichtguts Zardo wird von einer Schwester über dessen Schattenseiten informiert

Oliver Menge

Welche Funktion hat die Bockleiter mitten im Becken der Schulschwimmhalle? Und: Was treibt die Ordensschwester im Bad? In den Proben für die bevorstehende Festspielwoche «Z’mitzt am Rand» im Sonderpädagogischen Zentrum Bachtelen feilen die Schauspieler an den letzten Feinheiten.

Amateure und Profis, Bachtelen-Angestellte und -Schüler sowie Kulturschaffende von Zürich bis Bern arbeiten Hand in Hand, um dem Publikum ab Montag eine unvergessliche Woche zu bieten. So viel sei verraten: Die 13 Wimmelbilder, jedes mit eigener Regie, und acht weitere Szenen, verteilt über das ganze Heimareal, lassen sich nicht an einem Abend bewältigen.

«Die Überforderung ist gewollt. Die Zuschauer sollen auswählen und eigene Schwerpunkte setzen», erklärt Philipp Wilhelm. Der Produktionsleiter der Festspielwoche und Autor des Wimmelstücks, erklärt weiter: «Das Festspiel vermittelt dem Publikum ein Gefühl dafür, wie sich die Welt für viele Kinder und Jugendliche im Bachtelen präsentiert: verwirrend, ungefiltert, laut und bisweilen furchterregend.»

Damit Philipp Wilhelm selbst den Überblick behält, ist er samt Familie für die letzten Vorbereitungen und die Festspielwoche ins Bachtelen gezügelt. Seine Frau und die beiden Kinder würden mithelfen, verrät er.

Abgeklärt, überfordert, betreut

Dafür, dass im Gewimmel dann kein Besucher untergeht, sorgt der pädagogische Dienst. Beim Eingang des Areals klären die Fachleute das Publikum gruppenweise ab und versorgen es mit Routenvorschlägen. Eine weitere Hilfe bieten fünf Nonnen auf dem Schulhausdach.

Wenn sie singen, steht jeweils alles still. Das gibt Zeit, um Atem zu schöpfen und sich zu orientieren.

Der Einsatz der Schauspieler und Helfer ist gross. Das zeigt der Besuch der Probe in der Schulschwimmhalle, wo eines der beiden Hauptelemente stattfindet, ein halbstündiges Theater um die schillernde Figur von Ampelio Zardo.

Dieser war in den Dreissigerjahren im Bachtelen «versorgt»: Ein Söldner, Tunichtgut, Bettler und Staatenloser, der die Bemühungen des Magazins Beobachter, ihm eine Aufenthaltsbewilligung zu verschaffen, mit der Flucht verdankte – nachdem er zuvor freiwillig länger im Gefängnis geblieben war.

Eine romantische Geschichte

Die feuchte Hitze macht den «Nonnen» die letzten Proben im Ordensgewand zur Qual, nachdem erste Versuche im Bikini stattgefunden hatten. Dasselbe gilt für den winterlich angezogenen und behuteten «Beobachter»-Chefredaktor, der sich für die Probe mit kaltem Tee in der Cognacflasche begnügt.

Trotz aller Widrigkeiten sind alle eifrig bei der Sache. Für die Aufführungen werde die Temperatur dann gesenkt, damit das Publikum nicht schwitzen muss, erklärt Philipp Wilhelm.
Der künstlerische Leiter, Alex Muheim, erklärt, was es mit der Bockleiter auf sich hat: Hier wartet Zardos Verlobte Marie auf ihren Angebeteten, fleissig Schuhe putzend und gepiesackt von einer Schwester, die ihr Zardos Schattenseiten aufzählt.

«Allein das Ausmessen und sichere Verankern der Leiter auf dem schrägen Badiboden im Wasser war eine knifflige Sache. Da hat die Bachtelen-Schreinerei eine Meisterleistung vollbracht.»

Anmeldung erwünscht

Die Wimmelbilder leben von der Infrastruktur im Sonderpädagogischen Zentrum. Die Halfpipe der Skater spielt ebenso eine Rolle wie der Fussballplatz, die Schulküche, die Umkleidekabine der Schwimmhalle und der Engeliweiher. Privilegiert ist, wer Ampelio Zardo begegnet und mit ihm Geschäfte machen kann. Aber aufgepasst, der Mann ist ein Schlitzohr.

Der Eintritt ist frei, mit Kollekte. Das Programm vom Montag, 26. September bis Samstag, 1. Oktober, mit Öffnungszeiten und der Möglichkeit, sich anzumelden (das erleichtert den Organisatoren die Planung). (dd)

Hilfe von Bern bis Dortmund

Das Festspiel Z’mitzt am Rand ist ein Gemeinschaftswerk, an dem Exponenten wie das Theater Biel-Solothurn, das Stadttheater Bern und das theaterwissenschaftliche Institut Anteil haben, um nur einige zu nennen.

Die Unterstützung geht von der Vermietung von Requisiten über Beratung bis zur Ausleihe von Schauspielern. Die Hauben der Nonnen seien sogar von einer Theaterausstatterin in Dortmund genäht worden, sagt Produktionsleiter Philipp Wilhelm.

Der ausgebildete Pädagoge und Theaterwissenschafter leitet im Bachtelen die Sonderschule, doch die Festspielleitung realisiert er ausserhalb seiner Berufsarbeit im Rahmen eines Mandats. «‹Z’mitzt am Rand› ist ein Ereignis, bei dem ich alle meine Interessen und Fähigkeiten einbringen kann: Theater, Pädagogik und Führungserfahrung.

Eine solche Gelegenheit bietet sich im Leben wohl nur einmal», ist Philipp Wilhelm überzeugt. Und: «Die Fremdplatzierung, die den roten Faden der Wimmelbilder darstellt, ist brandaktuell.» Entsprechend freut er sich auf einen grossen Publikumsaufmarsch.