Grenchen

Faszination Weltall: Claude Nicollier wurde von Tim und Struppi inspiriert

Claude Nicollier konnte im Parktheater ein grosses Publikum fesseln. Anlässlich zur Generalversammlung des Grenchner Flughafens hielt der 72-Jährige einen mit Anekdoten gespickten Vortrag.

Er ist inzwischen 72, lehrt aber weiterhin Raumfahrt an der ETH Lausanne und kann mit seinen Vorträgen nach wie vor viele Menschen inspirieren: Der ehemalige Astronaut Claude Nicollier hat am Dienstag anlässlich der Generalversammlung des Flughafens Erlebnisse aus seinem Raumfahrer- und Pilotenleben zum besten gegeben. «Mit diesem öffentlichen Teil der Generalversammlung möchten wir der Grenchner Bevölkerung, die hinter dem Flughafen steht, etwas zurückgeben», sagte Flughafendirektor Ernest Oggier anlässlich des Auftritts seines «Special Guest».

Gekommen sind Luft- und Raumfahrtbegeisterte aus der ganzen Region, so Michael Hullin (36) aus Rüti. «Claude Nicollier ist seit meiner Jugend ein Idol von mir», meint der Rütiger voller Vorfreude vor dem Auftritt. Als Mitarbeiter der Ruag sind ihm Raumfahrtthemen alles andere als fremd. Für Hullins Kollegen Alex Gaggioli (39) aus Brügg ist Nicollier ebenfalls kein Unbekannter, immerhin ist dieser Verwaltungsrat seines Arbeitgebers Swatch Group. Und so hat sich denn durch Mundpropaganda das Parktheater ziemlich gut gefüllt mit einem wohl mehrheitlich fachkundigen Publikum.

Weltraum wurde greifbar

Das musste man allerdings nicht sein, um Nicolliers Ausführungen folgen zu können. Denn die Raumfahrt fasziniert auch ohne Formeln und Physik. In gut verständlichem Hochdeutsch blickte der Westschweizer bis in seine Jugendtage zurück, als ihn 1954 ein Tintin-Comicband (deutsch: Tim und Struppi) erstmals für die Raumfahrt begeisterte. Details wie Käpt’n Haddocks verschütteter Whisky, der als Kugel in der Schwerelosigkeit schwebt, waren dem Knaben nicht entgangen. «Er nimmt sphärische Formen an, da auf alle Seiten die gleiche Schwerkraft wirkt...»

Später, anlässlich seines Raumspaziergangs zur Reparatur des Zentralcomputers des Weltraumteleskops Hubble, war das Verstehen dieser Gesetzmässigkeit längst kein Detail mehr, sondern überlebenswichtig. «Wehe, Sie stossen sich ab und sind nicht angebunden. Dann verabschieden sie sich auf eine eigene Umlaufbahn», so Nicollier mit trockenem Humor.

Alles was dazwischenlag, von der fliegerischen Vorschulung auf der Piper Super Cub in La Chaux-de-Fonds bis zum ersten Raumflug Nicolliers 1992, vermochte aber ebenfalls zu faszinieren. Er erläuterte die Stationen seines Berufs- und Fliegerlebens und zeigte die Bilder dazu. Dass nebst der Faszination für Fliegerei und Sterne auch Beharrlichkeit, seriöse Ausbildung und Wille zum Erfolg dazu gehört, wurde dabei klar.

Nicollier erzählte von seinem Studium der (Astro-)physik mit langen Nächten in Observatorien, seiner Karriere als Miliz-Militärpilot auf verschiedenen Flugzeugtypen (Vampire, Venom, Hunter, Tiger). «Hier, auf diesen Flugzeugtypen ohne GPS habe ich die Bedeutung einer seriösen Missionsvorbereitung gelernt», zeigte sich Nicollier für diese Zeit dankbar.

Doch das Apollo-Programm der Nasa mit dem Höhepunkt der Mondlandungen zwischen 1969 und 1972 weckte in ihm endgültig den Wunsch nach mehr. Und so gehörte er zu den ersten drei Europäern, welche Ende der Siebzigerjahre von der Nasa ins Astronauten-Trainingsprogramm aufgenommen wurden. Bis zum ersten Raumflug sollte es allerdings noch dauern, nicht zuletzt auch wegen des Verlustes der Raumfähre Challenger 1986.

«Der Shuttle war ein faszinierender Arbeitsplatz», sagt Nicollier. «Er war aber auch viel teurer als erwartet und ziemlich gefährlich. Von 140 Astronauten sind 14 nicht zurückgekommen», so der Raumfahrer offen. In der Wartezeit wurde Nicollier in die Testpiloten-Ausbildung nach England geschickt. Diese Zeit bezeichnete er als die wohl anstrengendste seiner Karriere. «Doch auch hier konnte ich viel lernen.»

Viermal im Weltraum

Bis dann in den Neunzigerjahren seine berühmten vier Missionen folgten: 1992, 1993, 1996 und 1999. Er ist der erste Europäer mit vier Raumflügen und wurde dabei ein Experte in der Bedienung des Shuttle-Greifarms und bei der Wartung des Hubble-Teleskops. «Dieses ist zusammen mit dem Bau der Raumstation ISS der grösste Erfolg der Shuttle-Missionen», konnte Nicollier zur Ära bilanzieren. Sein einziger «Weltraumspaziergang» (Extra Vehicular Activity EVA, Dauer über 8 Stunden), war anlässlich der Hubble-Wartung.

In der Tat sind die spektakulärsten Weltraum-Aufnahmen diesem 15 Meter hohen und fast 12 Tonnen schweren (auf der Erde) Gerät zu verdanken, von denen Nicollier einige zeigte. Die Apparatur soll noch bis nach 2020 in Betrieb bleiben.

Immer wieder hörenswert waren auch seine Schilderungen des Weltraum-Alltags - vom Schlafen in einem mit Klettverschluss irgendwo angepinnten Schlafsack («Bitte Rollo ziehen, die Sonne geht in 7 Stunden fünfmal auf») über Astronauten-Food bis zum Formationsflug mit 28'000 km/h.

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