Neuer SRF Dokfilm

Fall und Wiederaufstieg der Uhrenindustrie

Podiumsdiskussion anlässlich der Vorpremiere des SRF Dokfilms "Vogel friss oder stirb" im Kino Rex von links: Beat Weinmann (CEO von Ochs und Junior), Beat Gilomen (ehemaliger ETA-Entwicklungschef), Regisseur Hansjürg Zumstein, Hanspeter Rentsch (ehemals GL-Mitglied Swatch Group), Autorin Bettina Hahnloser.

SRF Dokfilm

Podiumsdiskussion anlässlich der Vorpremiere des SRF Dokfilms "Vogel friss oder stirb" im Kino Rex von links: Beat Weinmann (CEO von Ochs und Junior), Beat Gilomen (ehemaliger ETA-Entwicklungschef), Regisseur Hansjürg Zumstein, Hanspeter Rentsch (ehemals GL-Mitglied Swatch Group), Autorin Bettina Hahnloser.

Als die Banken die Schweizer Uhrenindustrie retteten - ein Dokfilm von SRF stiess in Grenchen auf grosses Interesse. Die Grenchner vermissten aber die Erwähnung von Ernst Thomke.

Das Fernsehen SRF zeigt am Donnerstag (SRF1 20.05 Uhr) den Dokumentarfilm «Vogel friss oder stirb - die Uhrenindustrie: Protokoll einer einzigartigen Rettung» von Hansjürg Zumstein. Das Fernsehen lud am Montagabend ins Kino Rex zur Vorpremiere des Films mit anschliessender Podiumsdiskussion ein. Das von Stadtpräsident François Scheidegger begrüsste Publikum kam reichlich, darunter auch etliche Auskunftspersonen für die Recherchen, die Filmcrew sowie Volkswirtschaftsdirektorin Brigit Wyss.

Zumstein unterstrich, dass es kein Film über Grenchen sei, sondern dieser die ganze Uhrenindustrie im Jurabogen zum Thema habe. Der Film zeigt zu Beginn anhand des Luxusuhren-Salons SIHH in Genf auf plakative Weise, wie mechanische Uhren heute wieder en vogue sind. Ausführlich zu Wort kommt LVMH-Chef Jean-Claude Biver, der das Hohelied auf den Wiederaufstieg der Branche singt und dabei auch gehörig sich selbst inszeniert. Doch man nimmt ihm die Begeisterung für die Handwerkskunst ab, die der Obsoleszenz ein Schnippchen schlage und angetrieben allein von der Schwerkraft und Bewegung des Handgelenks «die Ewigkeit ins Visier» nehme.

Banken als Retter

Bis die Uhrenwelt allerdings wieder in Ordnung war, musste sie durchs Tal der Tränen, wie im Dokumentarfilm aufgezeigt wird. Archivaufnahmen aus den 1970er-Jahren mit Stimmen von betroffenen Uhrenarbeitern zeigten die fast ausweglose Situation auf, als die durchrationalisierte japanische Uhrenindustrie der Schweiz den Schneid abkaufte und die Quarzuhr ihr beinahe den Rest gab. Dass es damals ein Bankenkonsortium unter der Leitung von Bankgesellschaft und Bankverein war, welche die Uhrenindustrie rettete, wird ebenso in Erinnerung gerufen, wie die Übernahme der zwangsfusionierten Asuag und SSIH als SMH durch Nicolas G. Hayek. Die beiden Bankmanager Peter Gross (SBG) und Walter G. Frehner (SBV) werden gezeigt, wie sie auf einem gemeinsamen Spaziergang über diese Rettungsaktion sinnieren.

Dass es allerdings nach wie vor unterschiedliche Narrative gibt, insbesondere in Grenchen, zeigte die anschliessende (Podiums-)diskussion auf. «Warum wurde Ernst Thomke nicht erwähnt?», fragte nämlich jemand aus dem Publikum und erntete mit der Frage grossen Applaus.

Man habe entsprechende Passagen aus zeitlichen Gründen wieder aus dem Film nehmen müssen, erklärte Filmemacher Zumstein. Überdies habe sich Thomke nicht interviewen lassen. «Hayek hat die Swatch nicht erfunden», sagte auch Bettina Hahnloser, die Biografin von Uhrenpatron Rudolf Schild, an der Podiumsdiskussion.

Würdigung Thomkes

Auch Hanspeter Rentsch (Bettlach), ehemaliges Geschäftsleitungsmitglied der Swatch Group, würdigte die Verdienste von Sanierer Thomke, der schon im Vorfeld der SMH-Fusion die Ebauches-Produzenten zusammengelegt hatte. «ETA und Assa zu fusionieren war etwa, wie wenn man heute Puma und Adidas zusammenlegen würde - ein Riesenschritt.»
Der Film wiederum würdigt die Rolle des Marketing-Genies Nicolas G. Hayek, ohne den auch eine noch so gute technische Neuentwicklung wenig Wert gewesen wäre. «Wir haben dem Produkt eine Seele gegeben», sagt Hayek im Film über den Erfolg der Swatch.

Zu billig verkauft?

Zum oft gehörten Vorwurf, Hayek habe die Firmen von den Banken zu günstig erhalten, sagt Peter Gross, das habe man aus der damaligen Perspektive schlicht nicht beurteilen können. «Der Preis war angemessen. Man wusste ja nicht, ob etwas daraus wird.»
Der heute pensionierte damalige Entwicklungsleiter der ETA,  Beat Gilomen, berichtete, wie ihm 1989  Ernst Thomke  verbot, mechanische Uhrwerke zu entwickeln.  "Was zu dieser Zeit auch völlig richtig war", wie Gilomen meinte. "1993 bat ich  ETA-Direktor Anton Bally  um Erlaubnis, ein mechanisches Uhrwerk zu entwickeln um nicht das Know How zu verlieren." Es stand nämlich die Pensionierung der letzten Konstrukteure von mechanischen Werken an. "Wir starteten diese Entwicklung im Geheimen gegenüber Biel und waren zwei Jahre danach sehr froh, das Know How erhalten zu haben, als die mechanische Uhren wieder aktuell wurden", erklärte Gilomen. 

Beat Weinmann (CEO der Uhrenmarke Ochs und Junior) schilderte, wie er in den 1990er-Jahren den Wiederaufstieg von hochwertigen mechanischen Uhren erlebte. Das Revival der mechanischen Uhr sei auch Hayek zu verdanken, der die industrielle Basis dafür gelegt habe, sagte Jean-Claude Biver im Film.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1