Personal
Exodus bei den Reformierten in Grenchen

In der reformierten Kirchgemeinde in Grenchen rumort es. Zwei Pfarrer haben von sich aus gekündigt, der Pfarrerin wurde gekündigt.

Andreas Toggweiler
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Drei Abgänge und daraus zwei Vakanzen – es rumort bei den Reformierten.

Drei Abgänge und daraus zwei Vakanzen – es rumort bei den Reformierten.

Oliver Menge

«Wenn man das damals gewusst hätte, wären vielleicht gewisse Entscheide anders gefällt worden», erklärt der reformierte Kirchgemeindepräsident Martin Joss. Zur Erinnerung: Im Sommer hatte die Kirchgemeindeversammlung aus finanziellen Überlegungen beschlossen, eine Pfarrstelle zu streichen. Getroffen hat es die 75-Prozent-Stelle von Kornelia Fritz, welche in Grenchen das Seniorenpfarramt betreut.

Auch Horni und Stach gehen

Jetzt wird bekannt, dass sowohl Pfarer Marcel Horni gekündigt hat, als auch Roland Stach, Pfarrer im Kreis Markus in Bettlach, sich entschlossen hat, in die Frühpension zu gehen. Bekannt ist zudem, dass per Ende August ein Nachfolger für den langjährigen Kirchenverwalter Ruedi Köhli gesucht werden muss, der dann pensioniert wird. Man kann von einem veritablen Personal-Exodus in der Reformierten Kirche Grenchen Bettlach sprechen.

Spricht man mit den Betroffenen, scheinen die Gründe für die Abgänge keine direkten Zusammenhänge zu haben. Am härtesten getroffen hat es Kornelia Fritz. Sie ist seit 1. März 2010 Pfarrerin in Grenchen und war eine beliebte Seniorenpfarrerin. Sie habe ihre Arbeit geliebt und hat die Kündigung als brüskierend erlebt, erklärt sie auf Anfrage. «Der Prozess war ziemlich intransparent, es hat auch keine Diskussion im Vorfeld stattgefunden und wenn, dann nur hinter verschlossenen Türen», blickt sie auf eine für sie unangenehme Zeit zurück.

Sie habe zwar inzwischen wieder einen Job, die Stellensuche habe sich aber nicht einfach gestaltet, erklärt Fritz. Immerhin: Am 1. Januar kann Fritz eine Pfarrstelle mit 80-Prozent-Pensum in Lauenen im Kanton Bern antreten. Die Pfarrerin wird im Weihnachtsgottesdienst vom 25. Dezember verabschiedet.

«Gebremst statt unterstützt»

Selber gekündigt hat vor einigen Tagen Marcel Horni. Er wurde im November 2012 in Grenchen als Pfarrer eingesetzt und zieht nun weiter nach Escholzmatt ins Entlebuch. Als Begründung gibt Horni Unzufriedenheit mit der Arbeitssituation an.

Bestimmte Personen will er nicht verantwortlich machen. Auch der Umstand, dass man immer wieder vom Verkauf des Pfarrhauses gesprochen habe (wo er wohnt), sei nicht gerade ermutigend gewesen. «Ich wurde insgesamt bei meiner Arbeit mehr gebremst als unterstützt», fasst Horni zusammen. An Pfingsten (4. Juni) wird er seine Abschiedspredigt halten in Grenchen.

Und schliesslich Roland Stach: Der Bettlacher Pfarrer hat sich entschieden, mit 63,5 Jahren in Frührente zu gehen. «Die Arbeit in Bettlach hat mir sehr gefallen und ich werde hier in meinem Haus wohnen bleiben, wo ich auch aufgewachsen bin».

Nach reiflicher Überlegung sei er zum Schluss gelangt, dass er die Gelegenheit wahrnehmen möchte, zusammen mit seiner Frau noch den einen oder anderen (Reise-)Plan zu realisieren. Am Abschiedsgottesdienst am 2. Juli wird er 10 Jahre und zwei Monate in Bettlach Pfarrer gewesen sein. Allein Donald Hasler wird somit vom aktuellen vierköpfigen Pfarrerteam in der Kirchgemeinde verbleiben.

Joss zeigt sich überrascht

Für Kirchgemeindepräsident Martin Joss kamen die Kündigungen von Stach und Horni überraschend, wie er sagt. Auf wann genau Stach in den Ruhestand trete, sei zum Zeitpunkt der Stellenstreichung nicht bekannt gewesen. Eine Rochade von Fritz nach Bettlach sei aber so oder so nicht denkbar gewesen, da die Grenchner Pfarrerin dort zu wenig akzeptiert gewesen sei. Dass die Stellenstreichung intransparent war, stellt Joss in Abrede. «Ich habe Frau Fritz vor der Kirchgemeindeversammlung orientiert».

Dass es im Lichte der neueren Entwicklung eventuell andere Lösungen hätte geben können, bestreit Joss nicht. «Nur waren diese Entwicklungen damals noch nicht bekannt.»

Die Kritik von Horni nimmt Joss ebenfalls zur Kenntnis, lässt sie aber nur teilweise gelten. «Es ist auch eine Frage der Wahrnehmung, z. B. wenn man mit seinen Aktivitäten vielleicht nicht den erhofften Publikumszuspruch erfährt.» Die Diskussion um das Pfarrhaus bezeichnet er als «in der Tat unglücklich». Allerdings sei das Thema nie vom Kirchgemeinderat eingebracht worden, sondern stets aus einer Versammlungsmitte.

Finanzen bleiben angespannt

Wie geht es jetzt weiter? «Wir haben eine Findungskommission für die Pfarrstellen eingesetzt», erklärt Joss und hofft auf eine zeitgerechte Wiederbesetzung.

Da die Finanzsituation immer noch angespannt sei, das Eigenkapital ist in den letzten Jahren auf rund 1,4 Mio. Fr. geschmolzen, sei eine Diskussion über weitere Massnahmen nicht ausgeschlossen. «Doch so weit sind wir noch nicht.» Denkbar ist etwa, dass jüngere Personen angestellt werden, die im Lohngefüge günstiger sind. «Auch eine Aufteilung in Teilzeitpensen oder eine Berufung ist nicht ausgeschlossen», erklärt Joss.

Angst vor Austritten

Und eine Steuererhöhung? Immerhin zahlen die Reformierten bedeutend weniger Steuern als die Katholiken Grenchens (denen es finanziell auch besser geht). Ein Tabu sei das nicht, meint Martin Joss. Aber es bestehe die Befürchtung, dass eine Steuererhöhung von Mitgliedern dann gleich als Grund für einen Kirchenaustritt angeführt werden könne. Darum scheue man vor einem solchen Schritt (noch) zurück. Zuerst gelte es weitere mögliche Sparmassnahmen auszuloten.

Medienmitteilung nachgereicht

In einer Medienmitteilung nahm Kirchgemeindepräsident Martin Joss nochmals Stellung zu den Vorkommnissen: «Diese Abgänge stellen uns vor eine Herausforderung. Die beiden Kündigungen im Dezember kamen für den Kirchgemeinderat völlig überraschend und werden sehr bedauert.» Pfarrerin Kornelia Fritz hatte nach der Streichung ihrer Prozente und der damit verbundenen Kündigung bereits Ende Juni ihrerseits eine vorzeitige Kündigung eingereicht.

Die Aufgaben des Seniorenpfarramts, das sie innehatte, wurden aufgeteilt: Die Ferien für Senioren beispielsweise werden von Martin Joss selber und dessen Frau mit einem Team organisiert und betreut. Auch weitere Dienstleistungen im Bereich der Seniorenarbeit werden mit Freiwilligenarbeit kompensiert. «Die Kommission «Kirchliches Leben» hat den Kontakt mit den bisherigen Freiwilligen aufgenommen und wird mit ihnen die bestehenden und auch neue Seniorenanlässe organisieren», so Joss.

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