Letzte Woche hat Beat Gilomen seinen Schlüssel zu seinem Bieler Büro bei der Swatch Group abgegeben. Der langjährige ehemalige Entwicklungschef der Grenchner Uhrwerkherstellerin ETA war zuletzt mit Spezialaufgaben für die Swatch Group betraut und tritt jetzt in den Ruhestand.

Wenn Sie auf die Uhrenkrise in der Region Grenchen zurückblicken, was sind Ihre prägendsten Erinnerungen?

Ich arbeitete damals in der A. Michel SA, einem Zulieferbetrieb der Ebauches SA. Die Geschwindigkeit, mit welcher die Aufträge in der Uhrenindustrie einbrachen, war wirklich beängstigend, speziell bei der A. Michel SA welcher eben Zulieferer war. Der Abbau von rund 100 Arbeitsplätzen innert drei Monaten und das Schicksal der betroffenen Menschen hat mich sehr beschäftigt. Die Erkenntnis der Tragik von Entlassungen liess in mir den Willen wachsen , dies nie mehr machen zu müssen. Es folgte der Aufbau in der A. Michel SA zu neuen Tätigkeitsfeldern. Das heisst in zehn Jahren von 90 Prozent Uhrenindustrie zu 15 Prozent Uhren und der ganze Rest Diversifikation.

Ironie des Schicksals scheint, dass später gerade der verkaufte Automobilzulieferer-Teil der Michel AG am Ende unterging. Der Teil der in der Uhrenindustrie blieb, gedieh gut.

Ja, aber da ist viel passiert dazwischen. Aus der damaligen Sicht konnte man ja nicht voraussehen, was sich günstiger entwickeln wird und was nicht. Für den Erfolg wollen dann immer viele zuständig gewesen sein, für einen Misserfolg niemand. Aber tatsächlich war es eben so, dass der Erfolg der Verdienst von vielen Menschen war, welche eingesehen haben, dass nur eine gemeinsame Parforce-Leistung diese Industrie retten kann.

Was waren aus Ihrer Sicht die entscheidenden Ereignisse, damit es wieder bergauf ging – die Swatch jetzt einmal ausgenommen?

Der Zusammenschluss der Betriebe der Ebauches SA in die ETA, der Zusammenschluss der vielen Marken in die SMH und der Aufbau einer gemeinsamen Interessensgemeinschaft innerhalb dieser Marken waren wichtige Voraussetzungen. Dann das nötige Geld um all die Umstrukturierungen anpacken zu können, die Aktionäre, die herbe Kursrückgänge schlucken mussten und der gute Geschäftsgang der ETA, der viel finanzielle Mittel für die nötigen Restrukturierungen erwirtschaftete. Dann natürlich auch das Sparen auf allen Gebieten: Löhne, Investitionen, Gebäude, der Abbau vieler Kaderstellen insbesondere auch in den Direktionen, die Konzentration auf die Entwicklungen, welche der Markt verlangte und dies in einem grossen Tempo. Und schliesslich die Besinnung auf unsere Stärke, die Qualität. Alle Mitarbeiter, die sich mit aller Kraft für die neue Ausrichtung eingesetzt haben, sind am Ende Erfolgsfaktoren.

Welche Rolle spielte Ernst Thomke, der ja 1978 ETA-Direktor wurde?

Ernst Thomke hat seine Lehre als Werkzeugmechaniker in der ETA bravourös abgeschlossen und wurde später als Direktor zurückberufen. Er kannte das Metier von Grund auf. Er hat die ETA auf Sparsamkeit getrimmt, ohne die nötigen Investitionen zu vernachlässigen. Thomke war dabei mutig in seinen Entscheiden und setzte diese rigoros durch: Reduktion der Gehälter insbesondere in den Chefetagen, Entlassungen von zu wenig geeigneten Leuten, vorwärtstreiben von Entwicklungen und neuen Technologien.

Da macht man sich nicht nur beliebt...

Allerdings. Thomke erhielt sogar Morddrohungen. Er wich den Konflikten aber nicht aus, sondern blieb auch stets in Grenchen wohnen. Und handicapierte Menschen nahm er in Schutz. Die Reformen wurden nie auf dem Rücken der Schwächsten gemacht. Die Wahl von Anton Bally als seinen Nachfolger in der ETA erlaubte es dann, die Erfolgsgeschichte fortzuschreiben.

Drehte sich eigentlich in der ETA damals alles um die Swatch?

Nicht alles, aber zeitweise vieles. Denn die ETA sollte ja eigentlich nur Uhrwerke entwickeln aber keine ganzen Uhren. Beim Vorantreiben der Swatch begab man sich in mehrfacher Hinsicht auf Neuland: Es gab technische Probleme in der Entwicklung der Uhr, bei der Kunststoffverarbeitung, der automatischen Montage und schliesslich in der Vermarktung. Die ersten Swatch Uhren verkauften sich zu 50 Fr. und kosteten 80 Fr. in der Produktion. Das bedeutete Vollbrand in der ganzen ETA! Aber hunderte von fähigen Leuten brachten in kurzer Zeit die Umkehr dieses ruinösen Starts. Die Swatch wurde zur besten Kuh im Stall.

Wann setzte das Interesse an mechanischen Uhren wieder ein und wie reagierte die Swatch Group darauf?

Das kam nicht schlagartig, sondern schleichend und immer stärker. So um 1995 waren klare starke Anzeichen da. Die Lancierung der mechanischen Swatch hat dann auch noch dazu beigetragen, diesen Trend zu verstärken.

Die ETA war ja damals ganz auf Quarzproduktion getrimmt. Hatten Sie noch Personal um eine mechanische Uhr zu entwickeln?

Fast nicht mehr. Die Leute mit dem nötigen Know how wurden allmählich pensioniert. Ich habe mir deshalb die Erlaubnis erkämpft, eine mechanische Uhr entwickeln zu dürfen, damit dieses Wissen nicht ganz verloren geht. Deshalb waren wir auch parat für die mechanische Swatch und auch für die generell wieder erwachende Nachfrage nach mechanischen Uhren.

Der neue DOK-Film von SRF zu Fall und Wiederaufstieg der Uhrenindustrie - wie fanden Sie ihn?

Es ist ein besonderer Film, der unter die Haut geht. Er zeigt gut die damalige Verunsicherung der Arbeiter, die Gewerkschaften mit ihrer Kampfbereitschaft - die aber leider nicht sehr hilfreich war damals. Die Banken, die versuchten die Uhrenindustrie zu retten und damit auch einen grossen Teil ihres Geldes. Die Leidenschaft und den Mut von Nicolas G. Hayek, der sein ganzes Geld einsetzte und dazu noch viel Geld seiner Freunde. Die Mitarbeiter, die wussten, dass es nun um das berufliche Überleben ging. Dass Ernst Thomke dabei ausgeblendet wurde, empfinden ich und viele Grenchner als Fauxpas.

Er wollte offenbar nicht mit den Filmemachern sprechen.

Klar hat sich Herr Thomke gegenüber dem Filmemacher verweigert, aber wer einen historischen Film macht, tut gut daran, wenn er objektiv bleibt und sich halt die nötigen Infos sonstwie beschafft. Davon abgesehen muss ich aber sagen, dass mich der Film beeindruckt hat, ja mir geradezu Hühnerhaut beschert hat. Und zwar indem er nochmals aufgezeigt hat, wie knapp es am Bankrott der schweizerischen Uhrenindustrie vorbei gegangen ist und wir dankbar sein sollten gegenüber allen, die sich damals mit vereinten Kräften ans Werk gemacht und viele Strapazen und Opfer auf sich genommen haben. Ich bewundere deren Scharfblick, was zu tun war.

Im Film wird wiederholt gezeigt, wie Nicolas.G. Hayek seine Mitarbeiter quasi zur Schnecke macht. Waren diese Bilder repräsentativ für seinen Stil? Wie haben Sie Hayek erlebt?

Herr Hayek konnte sehr direkt sein, insbesondere in grösseren Gremien. Auch er wollte seine Vorstellungen mit Nachdruck durchsetzen. Ich denke, nur durch diese Eigenschaft konnte er überhaupt die nötigen Restrukturierungen durchbringen. Unter vier Augen war es wesentlich einfacher mit ihm ein vertieftes Gespräch zu haben. Man musste wissen, wann er erwartete, dass man Position bezog - auch gegen seine provokativen Bemerkungen - und wann es dann Zeit war, zu schweigen.
Er provozierte jeweils ganz bewusst, denn so kamen auch die wichtigen Argumente und die Kompetenzen der Gesprächspartner zum Vorschein. Das war Kultur. Man musste das ertragen. War er dann überzeugt, dann kam die Unterstützung und die war dann auch massiv.

Wie schätzen Sie den Zustand und die Herausforderung für die Uhrenindustrie aktuell ein?

Die schweizerische Uhrenindustrie macht rund 60 Prozent des weltweiten Umsatzes in der Branche. Das ist exzellent und eben weltmeisterlich. Betrachten wir aber den Absatz also die Stückzahlen, dann sind wir auf einer Basis von rund 2 Prozent . Das ist keine komfortable Grundlage. Mit den Smart Watches wäre es vielleicht möglich gewesen sich eine Mengensteigerung zurück zu holen.

Hat die Swatch Group den Trend verschlafen?
Wir haben die ersten Smart-Uhren in der Swatch Group schon einige Jahre vor Apple hergestellt und in USA vermarktet. Leider mit sehr wenig Erfolg. Waren wir nur zu früh? Es gibt aber auch tiefgreifendere Fragen: Ist eine volldigitale Uhr wirklich eine Option für die Schweiz? Zerstört man damit nicht den Erfolg der mechanischen Uhr? Und auch die Preise der Smart Watches sind jetzt am erodieren.

Es ist immer sehr schwer, ein guter Prophet zu sein. Die paar Swatch Uhren, mit Smart-Funktionen haben jedenfalls keinen überwältigenden Erfolg gebracht. Auch hier gilt: Wir werden es in 5 bis 10 Jahren klar sehen und einige werden recht gehabt haben mit ihrer Meinung andere werden falsch gelegen sein. Hören werden wir nur noch jene, die richtig getippt haben und alles «vorausgesehen haben». Jedenfalls hätte die Swatch Group das Know How um in sehr kurzer Zeit auch so eine Uhr auf den Markt zu bringen.

Sie haben ja für die Swatch Group auch Märkte und Produkte untersucht. Welches sind aus Ihrer Sicht weitere Herausforderungen?

Die Herausforderungen, meiner Meinung nach sind einerseits industrieller Natur: Ein mengenmässiger Ausbau mit Produkten mit denen wir eine genügende Wertschöpfung erzielen können - auch im Umfeld von steigender Qualität der Mitbewerber. Anderseits bleibt die Herausforderung im Marketing-Bereich: Der Wandel in der Vermarktung in der digitalen Welt und das Eruieren der Kundenbedürfnisse: Innovative Produkte zu entwickeln, die am Arm getragen werden wollen - weil sie nützlich sind, weil sie schön sind, und weil sie begehrenswert sind.