Piesacken
Ewige Rivalität zwischen Grenchen und Solothurn – aber warum nur?

Wieso sich die beiden Städte Solothurn und Grenchen gegenseitig piesacken, bleibt nebulös.

Andreas Toggweiler
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Was das wohl wieder soll? – Beim Konsumbäckerei-Kreisel in Solothurn wurde Grenchen kurzum vom Strassenschild getilgt. Nach Grenchen gehts jetzt dort nirgends mehr.

Was das wohl wieder soll? – Beim Konsumbäckerei-Kreisel in Solothurn wurde Grenchen kurzum vom Strassenschild getilgt. Nach Grenchen gehts jetzt dort nirgends mehr.

Andreas Toggweiler

Man braucht an einem Zunftanlass an der Solothurner Fasnacht nur das G-Wort in den Mund zu nehmen und schon prustet es los, dass sich die Balken biegen. Wer einen Gag landen will, der schiesst gern auf «die im Rathaus» und noch lieber aufs Bipperlisi. Doch am allerliebsten auf Grenchen. Denn da sind die Lacher sozusagen gratis, auch wenn es gar keine Pointe gibt.

«Die Pointe ist Grenchen», sagt da der Solothurner Fasnächtler abgeklärt. Und das muss genügen – und tut es auch. Da könnten Giacobbo/Müller längst einpacken und auch alle anderen Comedy-Stars würden erblassen über die Wirkung des Wortes «Grenchen» auf das (Stadt-)Solothurner Fasnachtspublikum.

Derweil in Grenchen: Redet man dort über Solothurn, wirds zwar nicht so «lustig» wie in Solothurn, dafür beginnt der Grenchner oft zu jammern und zu lästern – und das nicht nur zur Fasnachtszeit. Über die Obrigkeit in der Hauptstadt, ihre Arroganz und die Tendenz, die Grenchner zu kujonieren. Beispiele sind rasch zur Hand: Grenchen wurde (mit Mühe und Not) eine Autobahnausfahrt zugebilligt, wo es in Solothurn deren drei gibt, das Spital wurde geschlossen, der Flughafen an der Entwicklung gehindert. Sogar über die Schliessung der Veranlagungsbehörde wurde gejammert, wo doch weiss Gott eine Dependance des Steuervogts kaum ein Prestigeobjekt erster Güte ist. Doch Arbeitsplätze sind eben Arbeitsplätze.

Der Befund scheint klar: Solothurner und Grenchner haben das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Obwohl es doch viele Gemeinsamkeiten gibt. Seit ein paar Jahren liefern sie sich die beiden Städte ein Kopf-an-Kopf-Rennen, was die Einwohnerzahl betrifft. Einmal liegt Solothurn mit ein paar Dutzend Einwohnern vorn, dann wieder Grenchen. Beide haben eine rege Bautätigkeit sowie wohlhabende Annexgemeinden, die auch als jeweilige Steueroasen dienen. Und beiderorts baut zurzeit in unmittelbarer Nachbarschaft ein globaler Pharmakonzern eine Riesenfabrik mit Hunderten neuer Arbeitsplätze. Eigentlich Grund für eitel Sonnenschein hüben wie drüben und für gegenseitige Glückwünsche.

Vieles eint – noch mehr trennt

Aber es gibt eben auch grosse, vor allem strukturelle Unterschiede: Solothurn ist als Agglo betrachtet viel grösser. Durch die Agglomeration Grenchen verläuft zudem eine Kantonsgrenze. In etwa gleicher Distanz wie nach Solothurn liegt dafür Grenchen gegen Westen im Sog des Grossraums Biel, der dreimal grösser ist als die Solothurner Kantonshauptstadt. Das Einkommen der Grenchner Bevölkerung ist deutlich tiefer, die Arbeitslosigkeit höher. Und ganz im Zentrum, dort, wo in Solothurn eine barocke Kathedrale steht, steht in Grenchen eine Uhrenfabrik. Beiderorts stehen diese Bauwerke stellvertretend für den «Genius Loci», den gefühlten Lokalkolorit: Solothurn ist Kultur- und Verwaltungsstadt, Grenchen Arbeiter- und Technologiestadt.

Schon im 19. Jahrhundert

«Was die Animositäten zwischen Grenchen und Solothurn ausgelöst hat, kann man nicht genau sagen», meint Rainer W. Walter, ein Kenner und Chronist der Grenchner (Zeit-)Geschichte. «Belegt sind sie aber schon Mitte des 19. Jahrhunderts.» Und zwar in der Biografie von Gustav Freytag über Karl Mathy, erster Grenchner Bezirkslehrer, Verfechter der Einigung Deutschlands und erster badischer Ministerpräsident, der im Bachtelen Kontakt mit dem italienischen Revolutionär Giuseppe Mazzini hatte. Schon in Freytags Werk sei festgehalten, was die Solothurner damals über die Grenchner dachten. Sie hielten sie nämlich für «kulturlose Gesellen». (at.)

Doch das erklärt die Rivalität und die (meist harmlosen) Animositäten noch nicht. Kürzlich haben Witzbolde in Solothurn das Unwort Grenchen gleich von einem Verkehrsschild getilgt. Sie haben gründlich – sprich beidseitig – gearbeitet. Zufälliger Vandalismus ist das wohl kaum.
«Die Neckereien haben schon früher bisweilen etwas infantile Züge angenommen», erinnert sich Marcel Chatelain. Der Grenchner hat mehrere Jahrzehnte im Solothurner Rathaus als kantonaler Chefbeamter gearbeitet, zuletzt als Chef des Amtes für Soziale Sicherheit. Doch etwas ausgemacht hätten ihm die Sticheleien nicht, zumal sie ja nicht persönlich gemeint waren. Und wenn, dann habe er nicht noch Öl ins Feuer gegossen. «Ich habe in solchen Fällen für Ausgleich gesorgt, was eher meiner Natur entspricht.»

Aufmüpfige Grenchner

Chatelain kannte beides: Herablassende Bemerkungen von Solothurnern, aber auch die «Jammerplatte» der Grenchner. Den Ursprung der Rivalität sieht er in der geschichtlichen Entwicklung. «Das Machtgefälle zwischen Hauptstadt und Untertanengebiet war zu feudalistischer Zeit offensichtlich und die Grenchner schon damals als aufmüpfig bekannt. So wurde es uns jedenfalls aus den Schulbüchern gelehrt.»

Später, als Grenchen einen immensen industriellen Aufschwung durchmachte, schlug das Pendel zugunsten der Uhrenstadt aus. «Die Stadt wurde dank der Industrie reich, was in Solothurn wohl den Neid weckte», vermutet Chatelain. Nun, das war mit der Uhrenkrise auch vorbei, zumal Grenchen und Solothurn fast gleichermassen darunter litten. Heute ist Solothurn finanziell komfortabler dran als Grenchen. Affaire à suivre.

«Traditionell war Grenchen über Jahrzehnte sozialdemokratisch regiert, Solothurn freisinnig», ruft Chatelain eine weitere grosse Disparität in Erinnerung. Doch auch diese ist inzwischen Geschichte.

Zeit für Entspannung

Zeit also, dass sich die Lage entspannt. Das scheint bisweilen auch der Fall zu sein. Silvia Ferrari, die Sekretärin des Grenchner Stadtpräsidenten, wohnt in der Agglo Solothurn. «Die Leute hier wissen, wo ich arbeite. Sticheleien gibts deswegen keine», gibt sie zu Protokoll. Sie macht überdies selber in Solothurn Fasnacht und findet, dass sich die beiden Städte in der närrischen Zeit durchaus Saures geben dürfen. «Das ist gegenseitig und gehört irgendwie dazu.»

Ein ehemaliger Grenchner Uhrenmanager, der seit mehreren Jahren in Feldbrunnen wohnt, berichtet Ähnliches. «Ich hatte eine Sekretärin aus Solothurn und wir haben stets bestens zusammengearbeitet. Die beiden Städte und ihre Befindlichkeit waren nie ein Thema.»