Eva Inversini, die 36-jährige Kunsthistorikerin, hat seit 2008 die künstlerische Leitung des Kunsthauses Grenchen inne. Mit dem Erweiterungsbau nahm man einen grundlegenden Wechsel vor. 2008 kam ein fast völlig neues Team ins Kunsthaus.

Eva Inversini, hiess das auch, dass man ein komplett neues Konzept wollte?

Eva Inversini: Das Konzept des Stiftungsrates im Grundsatz war und ist, dass man in Wechselausstellungen zeitgenössische Kunst zeigt und immer wieder auch Präsentationen mit Schwerpunkt Druckgrafik. Von der Ausstellungsprogrammierung her betrachtet haben wir genau diese Schwerpunkte in Einzelausstellungen, thematischen Gruppenausstellungen und in Kooperation mit anderen Institutionen umgesetzt und auch versucht, zu kombinieren.

Ich denke beispielsweise an unser Ausstellungsprojekt mit dem Institut für Kunstgeschichte der Uni Bern oder an unsere aktuelle Ausstellung der Privatsammlung von Marlies Kornfeld. Für unsere wiederkehrende Ausstellung zum Jahresende unter dem Titel «Impression» mit Schwerpunkt Druckgrafik beispielsweise laden wir jedes Jahr eine Gastregion ein, sodass sich in Grenchen innerhalb von fünf Jahren quasi die Schweiz trifft. Dieses Jahr findet die fünfte Ausstellung statt und wir schliessen einen ersten Zyklus ab. Diese Ausstellungsidee gab es früher in dieser Form nicht und ist auch schweizweit eine Premiere.

Woher kommt diese Affinität zur Druckgrafik? Warum kommt diese beim Publikum nicht so an?

Das ist in Bezug auf beide Fragen geschichtlich begründet: Druckgrafik war früher eine Form der Reproduktion von Originalwerken und hatte nur eine sekundäre Funktion. Das hat sich aber verändert. Druckgrafik ist eine eigenständige Kunstform und es gibt inzwischen auch sehr grosse und farbige Werke.

Früher kam sie etwas leiser daher. Diesen leisen Teil gibt es auch heute noch, und er ist nicht etwa weniger wertvoll, denn man kann auch auf leisen Sohlen substanzielle Dinge vorbringen. Und zu Ihrer ersten Frage: Die starke Verbindung zur Druckgrafik hat ihren Ursprung in der seit 1958 alle drei Jahre stattfindenden Triennale.

Was für eine Bedeutung hat die Triennale für das Kunsthaus ?

Grenchen hat mit der Triennale ein historisches Fundament und sie ermöglichte es dem Kunsthaus auch, Werke wichtiger internationaler Künstler anzukaufen. So entstand dieser Schwerpunkt und ich erachte es als sehr wichtig, ihn zu pflegen und damit dem Kunsthaus ein Profil zu verschaffen. Kunsthäuser gibt es viele, aber ein Haus mit einer derart guten druckgrafischen Sammlung wie in Grenchen, das ist einmalig.

Warum zeigen Sie vorwiegend zeitgenössische Kunst?

Hier haben wir die Freiheit und die Möglichkeiten, aktuelle Themen aufzugreifen, noch lebende Künstlerinnen und Künstler zu präsentieren und teilweise auch, Ausstellungen ohne Druckgrafiken zu realisieren, aber interessanterweise treffen wir immer wieder auf Kunstschaffende, wie zum Beispiel Raffaella Chiara, Lilly Keller oder Jörg Mollet, die unter anderem auch in der Druckgrafik arbeiten. Und das ermöglicht uns, den Aspekt im Kontext der ganzen Breite des Schaffens zu zeigen.

Ende Jahr ist der Zyklus der «Impression» abgeschlossen, wie geht es weiter?

Das überlegen wir uns (lacht). Ich entwickle Programmideen und lege sie dem Stiftungsrat vor. Diese werden dann gemeinsam diskutiert. Das ist eben das Schöne hier. Man geht den Weg gemeinsam und wahrt so die Kontinuität. Und bisher hat mich der Stiftungsrat immer unterstützt. Aber konkret kann ich noch keine Auskunft geben, zuerst muss der Stiftungsrat meine Ideen diskutieren.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Wenn man Ausstellungen macht, stellt man sich ins Schaufenster und erntet Kritik. Das gehört zu meinem Beruf. Manchmal ist das angenehm, manchmal weniger, denn Kritik wird einer Ausstellung nicht immer gerecht. Selten erkundigt sich jemand nach dem Budget, das uns zur Verfügung steht. Wenn man das in Relation zum Gezeigten setzte, würden manche Stimmen verstummen.

Grenchner besuchen das Kunsthaus selten. Woran liegt das?

Wir bedauern das sehr. Denn wir bieten die Möglichkeit, das regionale Kunstschaffen kennen zu lernen. Wir versuchen immer wieder Sammlungen zu zeigen, die von nationalem Interesse sind - zum Teil Sammlungen, die nicht einfach zugänglich sind, wie die Bundeskunstsammlung, die grafische Sammlung der ETH Zürich, jetzt gerade die Privatsammlung von Marlies Kornfeld, die man als «Normalbürger» nie sehen würde. Ich kann nur feststellen, dass selbst bei unserem günstigen Eintrittspreis von fünf Franken auf freiwilliger Basis, die Grenchnerinnen und Grenchner zu einem grossen Teil fernbleiben.

Mir ist bewusst, dass zeitgenössische Kunst abschreckend wirken kann. Häufig steht man davor und fragt sich: «Was soll denn das?» Zum Teil sind bei gewissen Kunstwerken Zusatzerklärungen nötig. Manchmal erkennt man erst durch die Zusatzinformation, dass hier ein Künstler eine wichtige Frage stellt, sich mit dem täglichen Leben und unserer Gesellschaft auseinandersetzt.

Ist eine Kunst, die man dem Betrachter erklären muss, sinnvoll?

Ich denke schon. Die Welt erklärt sich auch nicht von alleine, sonst gäbe es keine Naturwissenschaften. Es ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen, nach Erklärungen und Deutungen zu suchen. Diese Suche kann sich in der Auseinandersetzung mit Kunst zeigen und sie ist für jeden Menschen individuell. Kunst ist eine Möglichkeit, die Welt etwas besser zu verstehen. Kunst ist eine Form, wie man dem Leben begegnen kann. Dass das nicht jedermanns Sprache ist, verstehe ich.

Wie versuchen Sie, mehr Besucher zu gewinnen?

Die Hälfte unserer Besucher kommt über Rahmenveranstaltungen zu uns. Wenn jemandem das Wort näher liegt, kann er eine Lesung besuchen, oder wenn jemand sich eher für Musik interessiert, kann er ein Konzert bei uns besuchen und so einen Zugang finden. Aber wir sind keine Mehrzweckhalle, sondern nach wie vor ein Kunstmuseum und versuchen, nahe an der Kunst und den Kunstwerken verschiedene Wege zu öffnen, wie man sie wahrnehmen kann. Wir versuchen auch, den Nachwuchs möglichst früh zu gewinnen.

Kinder lernen früh, ein Instrument zu spielen. Genauso kann der Umgang mit bildender Kunst früh gelernt werden. Unsere begrenzten Ressourcen machen es aber schwierig, durch Werbung an die Öffentlichkeit zu gelangen. Plakat-Kampagnen liegen für uns nicht drin.

Wie setzen Sie Ihre finanziellen Mittel ein?

Wir haben bis jetzt sehr darauf geschaut, dass wir die Kosten im Griff hatten, und haben manche Ausstellungsinszenierung so weit reduziert, dass sie gut zu handhaben war. Auch haben wir auf grössere Anschaffungen verzichtet und die Inventarisierung der Sammlung auf ein Minimum reduziert.

Mit dem fortschreitenden Ausbau des Hauses und der vor kurzem ermöglichten neu besetzten Assistenzstelle werden hoffentlich mehr Kapazitäten frei, um noch mehr Gesuche für finanzielle Mittel zu stellen. So können wir allenfalls über ein grösseres Budget verfügen.

Woher kommt das Geld?

Das Kunsthaus Grenchen hat verschiedene Finanzquellen: Da ist die Stadt Grenchen, Gelder aus dem Lotteriefonds des Kantons Solothurn und der Förderverein «Freunde des Kunsthauses Grenchen». Bereits eine bemerkenswerte Anzahl Mitglieder, seien es Privatpersonen oder Firmen, helfen uns durch ihren jährlichen Mitgliederbeitrag.

Zusätzlich dazu stellen wir bei Stiftungen oder bei Firmen Gesuche. Die Assistenzstelle beispielsweise wird jetzt zu einem Teil durch Gelder des Fördervereins finanziert und, da für die Stabilität des Betriebs diese Assistenz sehr wichtig ist, versuchen wir, diese Stelle auch für die Zukunft zu erhalten und die nötigen Mittel dafür zu finden.

Die finanziellen Aussichten sind nicht rosig. Was würde geschehen, wenn eine der Finanzquellen versiegen würde?

Dann wäre es fraglich, ob man den Betrieb weiterhin aufrechterhalten könnte, denn wir sind bereits jetzt an der Leistungs-Untergrenze. Die Sammlung nicht mehr fachgerecht zu bewahren, zu erforschen und bekannt zu machen, wäre ein grosser Verlust. Und ein Kunsthaus wie das unsere mit nur zwei Ausstellungen pro Jahr zu betreiben, würde keinen Sinn machen - ein Kunstmuseum kann man nicht «begrenzt runterfahren». Wir brauchen Kontinuität und einen gewissen Rhythmus, sonst verlieren wir, national betrachtet, zu sehr an Bedeutung.

Soll und kann sich Grenchen denn diese Haus überhaupt leisten?

Für eine Region ist es wichtig, dass sie eigene Museen hat, weil die grossen Zentren kein Interesse daran haben, regionales Kunstschaffen zu pflegen und zu bewahren. Das Haus leistet einen wichtigen Beitrag zur Identität für die Stadt Grenchen und für die Region.

Wir arbeiten in Grenchen mit Bezug zum Nationalen und zum Internationalen. Wir tragen das Regionale nach aussen und das Nationale und Internationale nach innen. Auch in einer globalisierten und digitalisierten Welt leben die Menschen vor Ort und sie wollen das auch sinnlich erfahren. Die Erfahrung, vor dem Originalkunstwerk zu stehen, kann nicht durch ein paar Klicks im Internet ersetzt werden. Ich bin der Meinung, dass wir vor Ort unsere Kultur pflegen müssen und ich erachte für unser Haus unsere Strategie - zeitgenössische Kunst und Druckgrafik und deren Verbindung - als absolut zukunftsträchtig.

Wie wird sich die Kunst in Zukunft entwickeln?

Die Zeit der klar definierten Stilrichtungen in der Kunst ist vorbei. Die Individualisierung und das mehrfache Nebeneinander gibt es auch in der Kunst. Ich denke, die unterschiedlichsten Kunstformen werden gepflegt werden, in keinem Fall wird das Traditionelle, zum Beispiel die Malerei verschwinden.

Der Mensch hat ein Grundbedürfnis nach der Eins zu Eins-Erfahrung mit dem Material. Ich bin sehr gespannt, wie es mit der Druckgrafik weitergeht. Mit der zunehmenden Digitalisierung stellt sich die Frage, wie das alte Handwerk zukünftig gepflegt wird.

Zum 40-Jahr-Jubiläum der Stiftung Kunsthaus Grenchen erschienen im Hinblick auf den heutigen Jubiläumstag mehrere Artikel zur Entstehung und Geschichte des Hauses. Mit dem heutigen Beitrag endet diese Reihe.