Grenchen/Gerlafingen
Erst wird saniert – dann abkassiert: Immobilienhändler macht es schon wieder

2014 machte in Gerlafingen eine Immobilienfirma mit einer Massenkündigung Schlagzeilen. Nun hat die Immobilienfirma auch in Grenchen zugeschlagen. Mietern der Immobilie an der Bielstrasse 120 wurde gekündigt oder mit der Kündigung gedroht, falls sie einen höheren Mietzins nicht akzeptieren wollten.

Oliver Menge
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Das Gebäude links wurde saniert und soll verkauft werden. Im Erdgeschoss und im Untergeschoss soll es neu eine Bar geben, die bis frühmorgens geöffnet hat.

Das Gebäude links wurde saniert und soll verkauft werden. Im Erdgeschoss und im Untergeschoss soll es neu eine Bar geben, die bis frühmorgens geöffnet hat.

Oliver Menge

Im Frühsommer 2014 machte eine Massenkündigung in Gerlafingen Schlagzeilen. Rund 50 Haushalte in «Klein-Istanbul», wie das betreffende Quartier von Ortsansässigen genannt wird, mussten ausziehen, weil die alten Blöcke saniert werden sollten.

Wie verschiedene Medien, darunter auch diese Zeitung, das Fernsehen SRF, die «WOZ» und das Publikationsorgan des Mieterverbandes damals berichteten, gebrauchten die neuen Besitzer, die Narva Properties AG, eine Briefkastenfirma aus Sarnen, das Mittel der sogenannten Leerkündigung, um alle Familien aus ihren Wohnungen zu vertreiben, in denen sie zum Teil seit Jahrzehnten gewohnt hatten.

Klein-Istanbul in Gerlafingen: Diese Blöcke wurden 2014 totalsaniert, die Wohnungen zu weit höheren Preises vermietet.

Klein-Istanbul in Gerlafingen: Diese Blöcke wurden 2014 totalsaniert, die Wohnungen zu weit höheren Preises vermietet.

Urs Byland

Die Blöcke sollten saniert werden und dann zu «ortsüblichen» Mietzinsen wieder vermietet werden, sprich: fast doppelt so teuer und für die ursprünglichen Mieter unerschwinglich.

Die Vorbesitzer hatten die Wohnungen zwar schlecht unterhalten, die Mieten aber waren entsprechend günstig. Die Sache landete vor Gericht, die Besitzer waren offenbar nicht bereit, auch nur ein kleines Stück nachzugeben.

Neue Bar bis 2 Uhr geöffnet

Geschieht nun in Grenchen dasselbe? Die Immobilie an der Bielstrasse 120 wurde nämlich von «Narva Properties AG» (in der Folge Narva genannt) übernommen und komplett saniert. Das Restaurant Monbijou im Erdgeschoss ist seit längerem geschlossen und eine Baupublikation gibt darüber Auskunft, dass die Narva das Restaurant sanieren und im Erdgeschoss und Untergeschoss eine Bar einrichten möchte.

Pikantes Detail: Die Bar wäre unter der Woche täglich bis 2 Uhr morgens, Freitag und Samstag bis 3 Uhr morgens geöffnet. Treffen bis am Donnerstag, 23. 2. 2017, keine Einsprachen bei der Baudirektion ein, wird diese Überzeitbewilligung im selben Zug erteilt, wie die Bewilligung zur Umnutzung der Räumlichkeiten, so die entsprechende Information eines Fachmanns aus der Baudirektion. Die Publikation genüge in diesem Fall, eine eigentliche Überzeitbewilligung sei nicht nötig.

Ob man die geplante Bar angesichts der geplanten Öffnungszeiten im Rotlichtmilieu ansiedeln muss, bleibt Spekulation. Dagegen spricht die relativ kleine Grösse des dafür vorgesehenen Raums im Erdgeschoss, wie ein Blick durchs Fenster zeigt.

Das Untergeschoss, dort wo sich früher die Backstube der Bäckerei befand, eignet sich auf den ersten Blick eher für eine Art Spielzimmer mit Billardtisch, Darts oder ähnlich. Gesicherte Informationen dazu gibt es allerdings nicht, denn die Liegenschaftsbesitzer waren für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Die Immobilienfirma Narva war offenbar auch in Grenchen nicht gerade zimperlich. Zwar wurden die Wohnungen im Obergeschoss zum Teil aufwendig renoviert und saniert und entsprechen einem hohen Standard, wie Bilder auf homegate.ch einer noch freien Dachwohnung zeigen.

screenshot

Aber Recherchen haben auch gezeigt, dass hier Mietern gekündigt wurde oder mit der Kündigung gedroht wurde, falls sie einen um einiges höheren Mietzins nicht umgehend akzeptieren wollten. Der Redaktion gegenüber bestätigte eine Mietpartei, in ihren Räumen seien im Rahmen der Sanierung lediglich ohnehin notwendige Arbeiten vorgenommen worden – beispielsweise an der Elektroverkabelung – und man habe die Decke gestrichen.

Sonst nichts. Dann aber sei ihr ein bereits fertig ausgefüllter und von der Vermieterseite unterschriebener neuer Mietvertrag vorgelegt worden, den sie sofort unterschreiben sollte, andernfalls drohe ihr der Rausschmiss. Der aufgeführte Mietzins betrug fast das Doppelte dessen, was die Mietpartei vorher zu bezahlen hatte. Die Sache wird nun auch Gegenstand einer Schlichtung beim Mieterverband und allenfalls zum Gerichtsfall.

Käufer gesucht und gefunden

Man habe zwar gewusst, dass Narva einen Käufer für die Liegenschaft suche, aber es sei unklar, ob er jemanden gefunden habe. Die Liegenschaft Bielstrasse 122, also der westlich benachbarte Block, gehörte auch der Narva und ist auf deren Homepage als erfolgreiches Sanierungsobjekt aufgeführt.

Im Herbst 2014 hatte Narva nach demselben Modell wie in Gerlafingen alle Mieter rausgeschmissen – wer vor dem Kündigungstermin auszog, dem bezahlte Narva die Umzugskosten. Die Liegenschaft wurde 2015 an die MFH Invest AG in Hergiswil verkauft, die nach wie vor Besitzerin ist.

Auch für die Liegenschaft Bielstrasse 120 mit dem Restaurant Monbijou hat man einen Käufer gefunden, heisst es auf dem Grundbuchamt. Allerdings sei noch nichts unterschrieben, und man gebe deshalb auch keine Auskunft, um wen es sich dabei handelt. Nur so viel: Es soll sich – wen wunderts – nicht um einen Käufer aus der näheren Umgebung handeln.

Mehrere AGs mit demselben Namen und Besitzer

Die Narva Properties AG ist eine von mehreren Aktiengesellschaften, die unter dem Namen «Narva» eingetragen sind und fast ausnahmslos ihren Sitz bei einer Anwaltskanzlei in Zug haben.

Christopher Lilliefelth, ein im Raum Zürich wohnhafter Unternehmer, ist Geschäftsführer der Narva Baumanagement GmbH, die am 30. Mai 2007 gegründet wurde, Verwaltungsrat der fünf Aktiengesellschaften unter dem Namen Narva – Immobilien (gegründet 2015), Investment (2015), Wohnen (2015), Liegenschaften (2015), Properties (2008), sowie Geschäftsführer und Verwaltungsrat der Playground Investments GmbH, einer 2016 gegründeten Firma, die sich mit «Erwerb, Verwalten und Veräussern von Beteiligungen und Investments aller Art insbesondere an in- und ausländischen Gesellschaften in der elektronischen Game Industrie sowie Erwerb, Verkauf, Handel und Verwaltung von Immobilien aller Art» befasst.

Lilliefelth hat auch noch bei weiteren Firmen Mandate. Der Unternehmer fiel vorher mit der Firma Mediacomet auf, die für Tamedia und Ringier Themenbeilagen produzierte und nach Betreibungen in sechsstelliger Höhe im Januar 2008 im Konkurs landete. Er gründete die Narva 2008. (om)