Nächste Woche begeht die Schweiz ihren Nationalfeiertag. Das weckt Kindheitserinnerungen: Auf dem Balkon bengalische Zündhölzer abfackeln, aus dem Sandkasten Raketli abfeuern und zum Schluss den unvermeidlichen Zuckerstock auf der Strasse hochsteigen lassen. Bescheidene Feiereien im Vergleich zu heute: Ich kann vom Balkon aus die Akquisitionen meiner Nachbarn geniessen, während mich aus dem Lingeriz an Krieg erinnernde Rauchschwaden und Knallereien erreichen.

Ich weiss nicht, wie die alten Grenchner den Tag begangen haben, aber vor 100 Jahren war die Festfreude sicher getrübt. Im Juli 1918 wütete eine Grippeepidemie in der Stadt; im Schulhaus 2 wurde ein Notspital und in der «Alten Turnhalle» eine Desinfektionsanlage eingerichtet. Insgesamt erkrankten zwischen 60 und 70 Prozent der Bevölkerung, und 90 Menschen verloren ihr Leben. Solche Sorgen haben wir hüür nicht: im Ort verhandeln wir die Verwendung der genannten Turnhalle, schweizweit diskutieren wir über einen neuen Hymnentext oder über die Frage, ob wir nicht den 12. September 1848 feiern sollten, als der moderne Bundestaat geboren wurde.

Ich kann mit dem alten Hymnentext und dem Erschtauguscht-Datum gut leben. Wichtiger ist mir, was wir eigentlich feiern. Die Heimat, sagt man. Aber was heisst das? Den Ort, wo wir unsere Wurzeln haben? Den Ort, wo wir uns daheim fühlen? Familie und Freunde haben? Für mich fällt das zusammen; ich bin hier geboren und wohne – wieder – hier; hier habe ich den Grossteil meiner Verwandten und Freunde.

Das sieht bei vielen heutigen Grenchnern anders aus, und unzählige Menschen, die Grenchen prägten und voranbrachten, haben ihre Wurzeln in der Ferne. Zum Beispiel in Deutschland: der Pädagoge Wilhelm Breidenstein, der das gleichnamige Institut (heute Bachtelen) gründete, der Lehrer Eberwein, der dort unterrichtete und später Bezirksschullehrer wurde, oder Karl Mathy, der aus Baden flüchtete und eben diese Bezirksschule gründete.

Als Schweizerin denke ich am Erschtauguscht mit Dankbarkeit an jene, die hier Frieden, politische Stabilität und soziale Sicherheit geschaffen haben − ein kostbares und zerbrechliches Erbe, das wir nicht nur bewahren, sondern immer wieder neu schaffen müssen, indem wir uns der brennenden Probleme annehmen und Strukturen den Gegebenheiten anpassen. Als Grenchner feiern wir dieses Jahr wieder im «Lindenpark», wo sich wie letzthin erwähnt einmal der Friedhof befand.

Eine schöne Gelegenheit, der Menschen zu gedenken, die – wo immer sie auch herkamen − unsere Stadt geprägt haben und gleichzeitig denen zu danken, die diese Fackel weitertragen und sich als Wert-Schöpfer für unsere Stadt einsetzen. In diesem Sinne: Happy «Erschtauguscht»!