Flughafendirektor Ernest Oggier will sich am liebsten auf den Stuhl setzen, der am nächsten zur Türe steht. «Das ist taktisch», scherzt er mit unverkennbarem Walliser Dialekt. Wenn die Sirenen aufheulen würden, müsste er nämlich raus zur Piste. Dann erklärt der Flughafendirektor seine Argumente für die Pistenverlängerung. Oggier zeigt sich dabei durchaus streitfreudig. Fragen kontert er mit Gegenfragen.

Ernest Oggier, bereits 3000 Personen stellen sich in einem Komitee gegen die geplante Pistenverlängerung. Das muss dem Flughafendirektor doch zu denken geben?

Ernest Oggier: Warum? Von mir aus könnten das auch 5000 Personen sein. Es ist das gute Recht jedes Einzelnen, seine freie Meinung zu äussern.

Das stört Sie wirklich nicht?

Stört es Sie?

Nein. Aber im Gegensatz zu mir möchten Sie ja ein Projekt realisieren.

Wir sind ein Flughafen und wir haben das Recht, hier unser Business zu betreiben. Das ist sogar unser Auftrag und bis jetzt hat das niemand angezweifelt. Wir sind seit 1931 hier. Ich sehe nicht, dass wir etwas falsch gemacht haben. Aber jetzt gelten wir als Buhmänner. Das stört mich.

Müssten Sie den Gegnern vielleicht nicht etwas mehr entgegenkommen. Die Altreuer fürchten Lärm, aber sie haben gerade einmal angeboten, die Mittagspause um 15 Minuten zu verschieben.

Wir sind ein Flughafen, es ist doch normal, dass hier geflogen wird. Haben Sie die Lärmkurve angeschaut? Wir sind heute in der glücklichen Lage, dass wir die gesetzlich geforderten Normen bei weitem einhalten. Lärmdiskussionen sind subjektiv. Für die einen ist eine Harley-Davidson Musik, für die anderen Lärm. Bei der Luftfahrt ist es gleich. Und wir dürfen nie von der einzelnen Lärmbelastung ausgehen. Im Gesetz zählt der Mittelwert.

Wer betroffen ist, den interessiert der Mittelwert wohl wenig.

Schauen wir die Bewegungszahlen an: Ende der 1980er-Jahre hatten wir 110 000 Starts und Landungen. Heute sind wir bei etwas über 70 000. Die Bewegungen haben um rund 30 Prozent abgenommen. Vielleicht 3000 Business-Flüge könnten heute eine längere Piste brauchen. Wenn ich diese Zahl noch verdoppeln könnte – ich sage: könnte – dann fällt das nicht ins Gewicht. Tatsache ist doch, dass der Gesamtverkehr von selbst im Abnehmen begriffen ist.

Gegner werfen Ihnen vor, es gehe dem Flughafen nur um das eigene Geschäft.

Nehmen Sie an, dass sich diese Investition für den Flughafen lohnt? Wir sprechen von 9 bis 12 Mio. Franken. Profit ist da bei unserer Grösse rechnerisch gar nicht möglich. Die letzten 70 Jahre hat der Flughafen nie eine Dividende ausbezahlt.

Warum investieren Sie dann?

Wir müssen schauen, dass wir unsere Infrastruktur erhalten können, das ist ein volkswirtschaftlich wichtiger Standortfaktor für die ganze Region. Mit der heutigen Pistenlänge können wir bei Business-Jets kommerziell keinen sinnvollen Flugbetrieb machen. Die Infrastruktur verschlingt ein paar 100 000 Franken jährlich. Wir müssen für Business-Jets auch eine Alternative zu Genf oder Zürich sein können. Die einzigen, die wirklich profitieren, sind die Region und die Volkswirtschaft. Es geht um neue Firmen, die etliche neue Arbeitsplätze bringen könnten.

Mit wie vielen Business-Flügen rechnen Sie?

Für mich ist es extrem schwierig, eine Aussage zu machen. Der Markt und der Standort werden bestimmen, was kommt. Klar ist: Zwischen Zürich und Genf gibt es unter den Business-Airports, die einen Instrumentenanflug garantieren, nur solche mit Linienflug-Betrieb. Wir haben keinen AirlineBetrieb und haben deshalb extrem schnelle Abläufe. Aber bisher sind wir eben gar nicht auf dem Radar der Business-Flieger, weil die Piste zu kurz ist.

Dieses Jahr wurde ein neuer Jet auf dem Flughafen stationiert. Sie hatten aber gar keinen Platz im Hangar. Wenn das Geschäft wächst, dann brauchen Sie auch mehr Hangars.

Rund 70 Prozent der Einnahmen stammen aus der Vermietung der Hangar-Plätze. Dies bringt insbesondere im Sommer und im Winter Geld. Damit sich das Geschäft in Richtung Rentabilität bewegen könnte, müssten wir zwingend viel mehr Hangar haben. Das heisst aber nicht, dass es mehr Flugbewegungen gibt: Ein Flieger steht oft lange und erzeugt keine Emissionen.

Bis jetzt war vonseiten der Wirtschaft extrem wenig zu hören. Kein Unternehmer ist hingestanden und hat gesagt: Wir brauchen den Ausbau unbedingt.
Wir fliegen hier und trotzdem gibt es noch Störche über Altreu. Die Natur hat sich angepasst. Dasselbe macht die Wirtschaft. Firmen, die hier sind, haben gelernt, mit dem Status quo zu leben. Das heiss nicht, dass sie den Flughafen nicht brauchen. Ich erlebe es oft, dass am Morgen ein Flieger mit Managern losfliegt und am Abend zurückkommt. Wir haben Firmen, die Produktionswerke im Osten unterhalten. Einmal im Monat können sie relativ rasch von Grenchen aus in die Zweigstelle fliegen. Wenn es unsere Infrastruktur nicht mehr gibt, werden sie eines Tages nicht nur die Zweigstelle im Ausland haben, sondern ganz wegziehen.

Aber würde es nicht der Glaubwürdigkeit helfen, wenn ein Wirtschaftsführer hinsteht?

Klar. Aber Industrie und Wirtschaft werden erst aktiv, wenn wir auch wissen, dass das Projekt überhaupt angegangen werden kann. Und hinter uns stehen verschiedene Wirtschaftsverbände. Diese vertreten mehrere tausend Arbeitnehmer und mehrere Milliarden Umsatz. Ich glaube nicht, dass dies bedeutungslos ist.

Muss der Flughafen im bisherigen Verfahren nicht auch Selbstkritik üben? Zuerst hiess es, dass nur ein Westausbau möglich ist. Dann gab es eine 180-Grad-Kehrtwende. Schadet dies nicht der Glaubwürdigkeit?

Wir haben schon früh gesehen, dass im Westen der Autobahnzubringer ist und dass deshalb die Westvariante problematisch ist. Also hat man nach Osten ausbauen wollen. Doch dann hat der Regierungsrat 2011 entschieden, dass der Flughafen auch die Westvariante beleuchten soll. Es macht bei einem so grossen Projekt ja auch Sinn, alle Möglichkeiten genau auszuloten. Die Westvariante mit Unterführung ist aber schlicht unbezahlbar. Deshalb hat sich die Regierung nun für die Ostvariante entschieden.

Der nächste Lapsus geschah, als sie davon sprachen, dass Sie aufgrund von 2008 in Kraft getretenen Vorschriften ausbauen müssten. Peter Brotschi hat dann nachgewiesen, dass es die Vorschriften seit 1997 gibt.

Herr Brotschi war bis 2011 im Verwaltungsrat des Flughafens und hat sämtliche Entwicklungen mitgetragen. Es ist korrekt, dass es diese Vorschrift bereits seit 1997 gibt. Diese war aber weder in Europa eingeführt worden noch für die Schweiz bindend. 2004 hat der Bundesrat entschieden, dass neu weitere Vorschriften zu übernehmen sind. Auf welche Reglementarien soll ich mich jetzt stützen? Die letzte gültige stammt von 2008. Darauf haben wir uns gestützt.

Sie kündigten in den Gesprächen mit den Gemeinden an, dass künftig dank GPS auch ein Westanflug möglich sein soll und Gemeinden im Osten entlasten könnte.

Wir stehen erst in den Anfängen mit den zertifizierten GPS-Anflügen. Aber wir versuchen, einen GPS-Westanflug zu kreieren. Das würde eine schlaue Verteilung der An- und Abflüge geben. Wir haben das Projekt 2014 unabhängig von der Pistenanpassung gestartet. Und wir nehmen an, dass wir das Gesuch 2015 einreichen können.

Altreu hat Angst vor tieferen Überflügen. Was sagen Sie den Anwohnern?

Wenn wir die Piste um 450 Meter verlängern und den ganzen Anflug einfach nach Osten mitverschieben würden, wäre ein Überflug über Altreu die logische Konsequenz. Aber wir haben die Einwände Altreus ernst genommen. Wir lassen den Anflug genau gleich, wie er heute ist. So kommen wir auf gleicher Höhe neben Altreu durch.

Ein Knackpunkt sind auch die Anliegen der Umweltschützer und der Landwirte. Beide zeigen sich bisher nicht befriedigt von Ihren Vorschlägen.

Uns liegt am Herzen, dass wir unser Business in Einklang mit Natur und Landwirtschaft und mit minimalen Eingriffen betreiben können. Es ist mir klar, dass einzelne Landwirte überhaupt nicht Freude haben.

Am Ende sind Sie auf das Mitmachen der Landwirte angewiesen. Sehen Sie Chancen, diese ins Boot zu holen?

Wir haben heute ein Problem, nämlich, dass wir noch nicht alle Antworten kennen. Die Leute fragen uns aber schon, ob wir den Boden haben, mit dem wir Landwirte abgelten könnten. Aber nach bäuerlichem Bodenrecht kann der Flughafen kein Landwirtschaftsland kaufen. Wie sollen wir dies machen? Zuerst muss die Regierung in ein Verfahren eintreten. Vorher können wir nicht konkret handeln.

Trotzdem müssen Sie diese Personen ja schon jetzt einbeziehen.

Wie soll ich ein solches Projekt realisieren, wenn es von Beginn an aus Prinzip Widerstand gegen alles gibt. Es geht uns heute allen viel zu gut. Wirtschaft und Infrastruktur gehen immer zusammen. An dem Tag, an dem die Wirtschaft aufgibt, geht es Landwirtschaft, Umweltschutz und sozialer Sicherheit auch nicht mehr gut. Ich wünsche mir, dass die Verbände nicht einfach Nein sagen. Wir haben ein Mitwirkungsverfahren. Sie – als Profis in ihrem Gebiet – können jederzeit Vorschläge machen. Das haben einige bisher zu wenig begriffen.