Erich Blösch ist der neue Verwaltungsratspräsident der Regionalflugplatz Jura-Grenchen AG, der Betreiberin des Airport Grenchen. Er tritt die Nachfolge von Alfred Lüthi an, der das Amt 20 Jahre lang ausübte.

Das Grenchner Tagblatt wollte vom neuen Präsidenten wissen, wohin er den Flughafen Grenchen führen will.

Erich Blösch, welches sind die wichtigsten Ziele für die nächste Zukunft?

Erich Blösch: Wir müssen erhalten, was wir haben! Und das ist nur mit der Pistenanpassung möglich. Es geht nicht um einen Flughafen-Ausbau, sondern um den Erhalt des Bestehenden. Durch verschärfte Sicherheitsvorschriften wurde die Piste de facto kürzer gemacht. Wir müssen also dafür sorgen, dass sie angepasst wird, um dieselbe Leistung wie bisher anzubieten.

Die neuen Sicherheitsvorschriften gelten aber nicht erst seit gestern, sondern schon ein paar Jahre?

Das stimmt, wir sind im Plan um einige Jahre im Verzug. Die neuen Vorschriften wurden zuerst bei der kommerziellen Fliegerei angewendet und gelten auch bald für die Privatfliegerei, das ist nur eine Frage der Zeit.

In erster Linie ist also die Geschäftsfliegerei betroffen?

Die Geschäftsflieger, die in Grenchen stationiert sind oder Grenchen anfliegen, dürfen bei gewissen Begebenheiten nur mit beschränkter Zuladung starten oder landen. Dies ist vor allem von den meteorologischen Bedingungen abhängig. Das macht das Ganze nicht mehr planbar, was für die Geschäftsfliegerei zwingend notwendig wäre. Die Durchführung eines Geschäftsfluges darf nicht vom Wetter abhängig sein.

Heisst das auch, dass in Zukunft grössere Flugzeuge in Grenchen starten und landen werden?

Keineswegs! Die Verlängerung dient rein der Sicherheit. Für grössere Flugzeuge wäre eine Verbreiterung der Piste notwendig und das ist aufgrund der Vorschriften absolut unmöglich und in der Geländekammer des Flughafens völlig ausgeschlossen.

Könnten Sie die Sicherheitsvorschriften noch etwas erläutern?

Ein Flugzeug muss im Notfall bei einem Startabbruch noch sicher auf der Piste zum Stillstand kommen oder bei nasser Piste mit mehr Reserve landen können, und dafür braucht es eine gewisse Pistenlänge.

Ketzerisch gefragt: Ist die Geschäftsfliegerei tatsächlich so wichtig für Grenchen?

Der Flughafen bringt direkt und indirekt wirtschaftliche Vorteile für die Region. Direkt durch den Betrieb, die 200 Arbeitsplätze, indirekt durch die hier angesiedelte Industrie, die auf den Flughafen zählt. Bauen wir jetzt unser Angebot zurück, wird man den Arbeitsplätzen nachtrauern, die dadurch verloren gehen, sollte sich die wirtschaftliche Situation verschlechtern. Die Geschäftsfliegerei ist Teil des gesamten Angebotes und muss erhalten bleiben. Ausserdem: Der Flughafen wurde vor über 80 Jahren geschaffen. Damals entstand der Pioniergeist und das Unternehmertum, das unsere Region noch heute prägt.

Gibt es noch andere Argumente für die Geschäftsfliegerei?

Sollten wir im kommerziellen Bereich eingeschränkt werden, gefährden wir auch die Flugschulen und bleiben gefangen in der regionalen Freizeitfliegerei. Diese ist zwar unumstritten wichtig für den Flughafen, aber sie ist saisonal, wetterabhängig und garantiert weder die Anzahl notwendiger Flugbewegungen noch den wirtschaftlichen Ertrag. Wir sind auf die Geschäftsfliegerei mit ihrer Regelmässigkeit angewiesen. Mit einer angepassten Piste erhalten wir auch das Fueling; jetzt fliegen die Maschinen zeitweise nur halb vollgetankt weg, und uns fehlt der Umsatz. Fällt die Geschäftsfliegerei weg, wird das System geschwächt, und das müssen wir unter allen Umständen vermeiden.

Die Gegner behaupten, die Pistenverlängerung generiere mehr Flugbewegungen ...

Der Trend ist – nicht nur in Grenchen – leicht rückläufig. Wir verzeichnen in Grenchen rund 75 000 Bewegungen, einmal waren es über 100 000. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die Fliegerei wird immer komplizierter, die Auflagen strenger und die Kosten steigen. Das hält einige vom Fliegen ab. Die Geschäftsfliegerei ist diskret und bleibt vorwiegend unbemerkt. Die Flugzeuge starten am Morgen, verlassen Grenchen und landen abends wieder. Der technische Fortschritt in diesem Fragment ist stetig, die Flugzeuge werden immer sicherer, ökologischer, effizienter und auch leiser. Das heisst qualitatives Wachstum und das brauchen wir. Es geht uns nicht primär darum, einen Ausbau bei den Flugbewegungen zu erreichen, sondern das Bestehende zu erhalten und die Effizienz zu verbessern.

Wäre denkbar, dass man im Gegenzug für die Pistenverlängerung auf einen anderen, «lärmigen», Geschäftszweig verzichten würde?

Wir führen regelmässig Lärmmessungen durch und erfüllen die gesetzlichen Anforderungen bei Weitem. Aber: Lärm ist subjektiv, dessen sind wir uns bewusst. Unter der Woche verursacht ein jeder Lärm, sei es im eigenen Auto, auf dem Motorrad, im öffentlichen Verkehr. Jeder von uns ist quasi Teil des Lärms. Aber am Sonntagnachmittag stört uns der Lärm. Das nehmen wir sehr ernst und untersuchen jede Beschwerde: Wurden Vorschriften missachtet oder Regeln verletzt? Aber: Ganz eliminieren können wir den Lärm nicht. Je dichter es wird in der Schweiz, desto mehr wird man mit solchen Emissionen umgehen müssen. Ich meine, es ist eine Frage der Vernunft und des gesunden Verstandes. Mit etwas Goodwill, kann man die Pistenanpassung bewerkstelligen. Wenn das alle Betroffenen wollen, werden wir Lösungen finden. Wo genau und in welchem Mass es Kompromisse braucht, kann ich jetzt noch nicht sagen. Wir sind aber bestrebt, zu einer Win-win-Situation zu kommen. Einen Geschäftszweig aber einfach so abschaffen, das wird es sicher nicht geben.

Was macht den Flughafen Grenchen so einzigartig?

Wir bieten in Grenchen praktisch alles rund um die Sportfliegerei an: Rundflüge, Flüge mit Bücker, Fallschirmspringen, Helikopter, Akro, Segelflug und so weiter. Kein anderer Flughafen verfügt über dieses breite Angebot, das über Jahre hinweg aufgebaut wurde. Ein wichtiger Teil ist die Ausbildung: Seien es die privaten Flugschulen oder die SAT (Swiss Aviation Training). Jeder Swiss-Pilot war irgendwann in Grenchen in der Ausbildung. Die SAT hat weltweit nur fünf Trainingsstandorte: Zürich, München, Frankfurt, Vero Beach (Florida) und Grenchen. Das ist doch fantastisch! Nach den Landesflughäfen sind wir bezüglich der Bewegungen und des Gesamtangebotes der wichtigste Flughafen der Schweiz. Wir sind das ganze Jahr jeden Tag von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang geöffnet, werden permanent von den Profis von Skyguide im Tower unterstützt und verfügen über eine eigene Zollabfertigung. Und: Ein Auslandflug ab Grenchen benötigt keinen lästigen und aufwendigen Security-Check.

Wo steht der Flughafen in technischer Hinsicht?

Wir verfügen über eine gut ausgebaute, zweckmässige bis komfortable Infrastruktur, eine effiziente Organisation und über eine motivierte Crew. Wir haben seit langem den ILS-Anflug. (Möglichkeit, per Funkleitstrahl zu landen, Anm. der Red.) Seit dem 25. Juli 2013 kann der Airport Grenchen sogar mit GPS angeflogen werden. Die Flugwege sind identisch mit dem bestehenden Instrumentenanflug, erlauben aber Kleinkorrekturen, die Lärmemissionen verringern können. Wir modernisieren ständig. Im 2012 haben wir eine Photovoltaik Stromversorgung in Betrieb genommen und planen weitere. Wenn die Pistenanpassung scheitert, wäre auch diese Dynamik gefährdet.

Hat der Flughafen für die Stadt tatsächlich eine so grosse Bedeutung?

Im Rahmen des Raumkonzeptes Schweiz in der Geländekammer Zürich, Basel Bassin Lémanique wird Grenchen als einer der 12 Top Standorte gehandelt. Die wirtschaftliche Bedeutung wird unter anderem als «nationale und internationale Ausstrahlung» bezeichnet und der Betrieb des Flughafens als Standortvorteil bestätigt. Stadtpräsident Boris Banga hat sich immer mit Herzblut für den Flughafen eingesetzt und unsere Anliegen vertreten.

Jetzt wurde ein neuer Stadtpräsident gewählt. Ändert sich etwas?

Ein Flughafen ist immer ein Standortvorteil für eine Stadt oder einen Kanton. Und alles, was gut ist für den Standort, liegt im Interesse des jeweiligen Stadtpräsidenten. Unter diesem Gesichtspunkt wird auch Bangas Nachfolger, François Scheidegger, Interesse für den Flughafen Grenchen zeigen. Überall, wo sich Regionalflughäfen befinden, versucht man, diese zum Standortvorteil zu nutzen. Wir in Grenchen haben im Moment zum Glück noch einen fundamentalen Wettbewerbsvorteil. Ein Flughafen ist ein Alleinstellungsmerkmal. Jede Firma, die etwas produziert, sucht nach etwas, das andere nicht können. Wir haben hier in Grenchen mit dem Flughafen ein solches Alleinstellungsmerkmal. Warum um Himmels willen sollten wir diesen grossartigen Wettbewerbsvorteil aufs Spiel setzen? Eine über 80 jährige Aufbauarbeit und Erfolgsstory!

Was, wenn der Kanton Nein sagt?

Ich bin überzeugt, die Bevölkerung steht hinter uns in dieser Frage. Ich glaube auch nicht, dass die Regierung das Risiko auf sich nehmen würde, für einen Rückschritt verantwortlich zu sein. Immerhin werden hier Steuereinnahmen generiert. Und ich bin davon überzeugt, dass mit etwas Goodwill eine Lösung gefunden werden kann, die alle befriedigt. Zuerst braucht es eine grundsätzliche Unterstützung durch die Regierung und dann findet man auch positive Lösungen. Es ist eine Chance. In den KMU betreiben wir heute generell Chancen-Management. Beim Flughafen ist es ähnlich: Bleibt diese Chance ungenutzt, dann ist sie für immer verloren. In fünf Jahren ist es wohl nicht mehr möglich, so etwas aufzugleisen. Wir sind jetzt schon im Verzug, weil wir zu viel Zeit gebraucht haben, um die verschiedenen Varianten abzuklären.

Wie geht das Verfahren im Fall eines positiven Entscheids weiter?

Wir sind noch in der Phase des Objektblattes im SIL-Prozess. SIL steht für Sachplan Infrastruktur Luftfahrt, eine Bundesratsangelegenheit. Jeder Schweizer Flughafen hat ein Objektblatt, in dem genau beschrieben ist, über welche Konzession und welche Infrastruktur er verfügt, was er darf und was nicht. Wir sind nun daran, dieses Objektblatt hinsichtlich der Pistenanpassung zu ändern. Nach Anhörung aller Betroffenen und allfälligen Korrekturen muss das Objektblatt zuerst vom Bundesamt für Zivilluftfahrt Bazl genehmigt werden. Erst dann beginnt die eigentliche Projektphase mit einem ordentlichen Baubewilligungsverfahren, Einsprachen et cetera. Im besten Fall sprechen wir von Jahren. Dem Regierungsrat liegen nun sämtliche Unterlagen und Varianten, Berichte und Untersuchungen der kantonalen und Grenchner Wirtschafts- förderung und anderer Instanzen vor. Nun liegt der Ball bei ihm.