In seiner letzten Wintersaison hat ihn Frau Holle verschont. Das war bei weitem nicht in all den vorhergehenden Jahren der Fall. Bei Wind und Wetter und oft genug noch zu nachtschlafender Stunde hat er mit seinen Leuten dafür gesorgt, dass die Grenchnerinnen und Grenchner trotz aller Wetterunbill gute Strassenverhältnisse und begehbare Trottoirs und Plätze vorfanden.

Nach dreissig Dienstjahren geht Rudolf Winzenried, Grenchens Strassenmeister - wie er seine Funktion als Leiter des Werkhofes bezeichnet - auf Ende April in Pension. Er tut dies mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

«Ich freue mich auf die Pensionierung, mache aber auch keinen Hehl daraus, dass es mir schwerfällt, aus dem Berufsleben zurückzutreten», erklärt er in seiner erfrischend offenen Art und Weise. Dazu habe er seine Arbeit zu sehr geliebt.

Andererseits könne er es nun auch geniessen, ohne sich Sorgen über Wetterkapriolen zu machen und keine Agenda mehr zu haben, die ihm Termine vorschreibe, wenn er sie eigentlich nicht wolle. Ein chronisches Rheumaleiden, das ihn seit gut zehn Jahren begleitet und plagt, hat ihm die Entscheidung, kürzerzutreten, ebenfalls erleichtert.

An der langen Leine geführt

Dass sein erster arbeitsfreier Tag auf den 1. Mai fällt, passt haargenau. Als Präsident des VPOD hat er sich nämlich während der dreissig Jahre auch in der Personalkommission für die Anliegen der Mannen in den orangen Überkleidern eingesetzt.

Er habe seine 30 Leute so gut wie möglich selbstständig arbeiten lassen, sie an der langen Leine geführt und sich in heiklen Situationen vor sie gestellt. Aber natürlich hat er auch hie und da ein Machtwort sprechen müssen. Mit seiner imposanten Erscheinung und seiner direkten Art ist er auch dafür geradezu prädestiniert. «Wer eine gute Omelette machen will, muss halt auch mal ein Ei zerschlagen», gibt er dazu einen treffenden Vergleich zum Besten.

Die Stadt Grenchen hat er immer als loyalen Arbeitgeber empfunden und zu seinen direkten Vorgesetzten ein von Respekt geprägtes Verhältnis gepflegt. Es passt zu seinem Charakter, wenn er meint: «Etwaige Probleme wurden direkt angesprochen und ausdiskutiert. Nichts ärgert mich nämlich mehr, als wenn hinter vorgehaltener Hand getuschelt wird.»

In den dreissig Jahren hat sich natürlich einiges verändert. So hat der zunehmende Verkehr die Arbeit bestimmt anspruchsvoller gemacht. Stolz ist Rudolf Winzenried aber auch auf das ausgeklügelte Abfall-Entsorgungssystem, welches man zusammen mit der Baudirektion in den Jahren zusehends optimiert hat.

Wichtig ist ihm aber vor allem der Kontakt zur Bevölkerung gewesen. «Man muss auf die Leute zugehen, ihre Anliegen ernst nehmen und wenn es sein muss, Tag und Nacht für sie da sein.»

Und eine besondere Freude ist ihm die Arbeit mit jungen Leuten gewesen: «Jungen, vor allem schulschwächeren Menschen im Werkhof eine Perspektive zu bieten, ist mir immer ein grosses Bedürfnis gewesen. Zwischendurch betreuten wir auch Jungs, die bei uns eine Strafe abverdienen mussten, wenn sie einen Mist gebaut hatten», fügt er mit einem verständnisvollen Lächeln bei. Die letzten Monate hat er übrigens seinen Nachfolger gründlich eingearbeitet und ist sich sicher: «Mit Gerhard Kirchhofer tritt genau der richtige Mann an meine Stelle.»

Langeweile ist nicht geplant

Rudolf Winzenried wird es nun sicher nicht langweilig werden. Mit seiner Familie kann er sich dem gemeinsamen Hobby, der Fischerei, vermehrt zuwenden. Er wird bestimmt öfters im kleinen Fischereiladen beim «Monbijou», den er zusammen mit seiner Frau Vera betreibt, anzutreffen sein. Dazu haben sie im Elsass drei Weiher zum Karpfenfischen gepachtet und auch der Grünen Insel Irland wird er vermehrt einen Besuch abstatten.

Daneben hat die Familie in der Kleintiersiedlung eine Parzelle mit einem gemütlichen Häuschen und drei Vogelvolieren gepachtet. Und als ehemaliger aktiver Rockmusiker wird er sich das eine oder andere Konzert in der Mühle Hunziken nicht entgehen lassen.

Eines aber wird Rudolf Winzenried entgegen früheren Absichten nicht: Auswandern. «Ich bin und bleibe halt ein Grenchner Büffel», stellt er unmissverständlich klar.