Grenchen

Einst eines der modernsten Jagdflugzeuge: Jungfernflug der nachgebauten Nieuport ist geglückt

Die Nieuport 23 C-1 während des Jungfernflugs vor der Kulisse des Grenchenbergs.

Die Nieuport 23 C-1 während des Jungfernflugs vor der Kulisse des Grenchenbergs.

Isidor von Arx und Kuno Schaub haben über zwei Jahrzehnte am Nachbau des Jagdflugzeugs Nieuport 23 C-1 gearbeitet. Nun fand der Erstflug statt.

Man sieht es dem Flugzeug an, dass es alt ist. Sehr alt. Und doch steht es wie eben aus der Fabrik gerollt im Gras des Segelfluggeländes auf dem Flughafen Grenchen. Die Nieuport 23 C-1 ist beides: über hundertjährig und doch neu hergestellt nach den historischen Plänen. Vorne ist ein Antrieb montiert, der zusammen mit dem Propeller dreht, ein Rotationsmotor, der ebenfalls schon mehr als ein Jahrhundert hinter sich hat.

Hier hat sich Kuno Schaub positioniert und spritzt in jeden der neun Zylinder des Sternmotors ein paar Tropfen Benzin hinein. Im Cockpit sitzt Isidor von Arx, der nun die Zündung einschalten kann. Kuno Schaub stellt sich vorsichtig vor den Propeller, greift nach einem Blatt und zieht kräftig nach unten.

Kuno Schaub wirft den Motor zum letzten Testlauf an.

Kuno Schaub wirft den Motor zum letzten Testlauf an.

Sofort beginnt der Motor zu laufen, hustet noch ein wenig, aber dann läuft er absolut rund.

Pilot Isidor von Arx bei letzten Tests vor dem Erstflug.

Pilot Isidor von Arx bei letzten Tests vor dem Erstflug.

In der Schweiz seit 1921 nicht mehr geflogen

Jetzt folgt ein Moment, auf den die beiden Gäuer Kuno Schaub und Isidor von Arx und ihr grosses Team 20 Jahre lang hingearbeitet haben: Nach den letzten Kontrollen gibt von Arx Vollgas. Der kleine Doppeldecker rollt über das Gras, hüpft etwas und hebt sich nach wenigen Sekunden in die Luft. Jubel hallt über den Platz: Erstflug des Nachbaus eines Flugzeugtyps, der in der Schweiz seit 1921 nicht mehr geflogen ist.

Die Nieuport fliegt um den Tennisplatz und dreht einige Runden im Segelflugraum zwischen Flugplatz und der Aare. Man schaut nach oben und staunt und weiss, dass die Menschen vor über 100 Jahren dieses Flugbild gesehen haben. Die Nieuport war im Jahr 1917 der F/A-18 der Schweiz, eines der modernsten Jagdflugzeuge der Welt. Fünf Stück konnte die Schweiz mitten im Ersten Weltkrieg von Frankreich kaufen. Diese wenigen Flugzeuge waren die einzigen kriegsgenügenden Maschinen in der Schweizer Luftwaffe, die damals noch Fliegertruppe hiess.

Im Anflug tönt der Motor gewöhnungsbedürftig, da der Pilot die Zündung unterbrechen muss, um die Geschwindigkeit zu verlangsamen und den Sinkflug einleiten zu können. Die Nieuport fliegt gegen Altreu und dreht dann auf die Piste ein. Angespannt schauen die Helfer zu. Das Flugzeug schwebt herein und setzt die Räder sanft auf dem Boden auf. Jubel ertönt. Der Jungfernflug ist geschafft!

Ein Freudenschrei erklingt aus dem Cockpit

Nach dem Abstellen des Motors kommt ein kurzer Freudenschrei aus dem Cockpit. Kuno Schaub eilt hinzu und umarmt seinen Freund. Dann steigt Isidor von Arx langsam aus, nimmt die Hände vor den Kopf und beugt sich nach vorne. Es ist die Erlösung nach der Anspannung, gepaart mit der Gewissheit, dass sich die ungemein lange Arbeit von zwei Jahrzehnten gelohnt hat, dass der Traum endlich in Erfüllung gegangen ist. Dann nimmt er die Gratulationen der Bodencrew in Empfang und sagt: «Jetzt bin ich Oski Bider sehr nahe gewesen.»

Der Baselländer Flugpionier Oskar Bider, geboren 1891 und abgestürzt 1919 in Dübendorf, ist eng mit dem Jagdflugzeug Nieuport verbunden. Es war seine Lieblingsmaschine als Cheffluglehrer der Schweizer Fliegertruppe. Sein Name fand stets Erwähnung, als sich Ende der 1990er-Jahre Piloten aus dem Gäu im Gasthof Kreuz in Egerkingen zum Fachsimpeln trafen. Am Stammtisch wurde die Idee zum Bau eines Flugzeugs geboren. Ein Oldtimer der alten und seltenen Art sollte es sein. Nach einigem Abwägen entschlossen sich Kuno Schaub und Isidor von Arx für die Nieuport 23 C-1. Damit gab es einen Bezug zur Schweiz und zur engeren Wohnregion, da Oskar Biders Geburtsort Langenbruck über die erste Jurakette hinweg nicht weit vom Gäu entfernt ist.

Zuerst mussten die Pläne beschafft werden

Die Idee wurde also irgendwann in den Jahren 1998 oder 1999 geboren, und niemand der Beteiligten konnte sich vorstellen, dass sich das Projekt erst am 21. Oktober 2020 um 15.46 Uhr mit dem Erstflug erfüllen sollte. Die Gruppe erhielt mit «Nieuport Memorial Flyers» einen Namen und richtete ihr Atelier im Haus von Kuno Schaub in Neuendorf ein. Mit von der Partie war noch Geri Mäder aus Kappel, der im Verlaufe der Arbeit mit Jahrgang 1957 allzu früh verstarb.
Es erwies sich als ausserordentlich aufwendig, die schriftlichen Grundlagen für den Nachbau des Erst-Weltkriegs-Jagdflugzeugs zu erhalten. Beteiligte Ingenieure und Piloten konnten nicht mehr befragt werden, die waren alle schon lange gestorben. Fündig wurde das Team in der «Zeitschrift für Flugtechnik und Motorluftschiffahrt», in der 1916 und 1917 Baupläne der Nieuport publiziert wurden. Aber auch Reisen nach München und Brüssel waren notwendig, um an alle Unterlagen zu kommen.

Rund 2000 Teile wurden eingebaut

Das Flugzeug besteht aus rund 2000 Bauteilen. Viele technische Details mussten im Verlaufe der Jahre geklärt werden, was immer Etliches an Zeit in Anspruch nahm. Zwölf Holzarten sind in der Nieuport verbaut, am meisten Spruce (Fichte), Esche und Pappel. Die guten Kenntnisse von Geigenbauer Kuno Schaub im Holzbau kamen dem Projekt sehr zugute. An vielen Flugtagen präsentierten die «Nieuport Memorial Flyers» den Fortschritt ihrer Arbeit. Viele Interessierte liessen sich vom Projekt begeistern und halfen tatkräftig mit. Auch Firmen leisteten ihren Beitrag, indem beispielsweise in den Lehrlingswerkstätten Bauteile hergestellt wurden.

Im Jahr 2009 konnte in Langenbruck in einer ehemaligen Militärbaracke eine eigene Ausstellung eröffnet werden, bei der auch auf das Leben von Oskar Bider eingegangen wird.

Als es an den Zusammenbau des Flugzeugs ging, konnten Schaub und von Arx neue grosszügige Räumlichkeiten in der ehemaligen Tesil in Egerkingen beziehen. Hier wurde die Nieuport fertiggestellt. Bisheriger Höhepunkt war die Präsentation des Flugzeugs in Dübendorf am 7. Juli 2019. Exakt am 100. Todestag von Oskar Bider wurde die Nieuport in Sichtweite seiner Absturzstelle und unter einer Fanfare der Stadtmusik Dübendorf offiziell enthüllt – ein bewegender Moment, bei dem kaum ein Auge trocken blieb. Mit dabei war eine Delegation aus Langenbruck mit Gemeindepräsident Hector Herzig an der Spitze sowie Bernhard Müller, Kommandant der Schweizer Luftwaffe.

Erste Rollversuche fanden in Bleienbach statt

Seither lag die Aufmerksamkeit beim Motor, der ausgiebigen Tests unterzogen wurde. Zum Einbau kam der Umlaufmotor «Thulin A» mit neun Zylindern. Es ist der schwedische Lizenzbau des Motors «Le Rhône J 110», der bei den Schweizer Nieuport verwendet wurde. Mitte September wurde die Nieuport zum Flugplatz Langenthal-Bleienbach gebracht, wo die ersten Rollversuche erfolgreich stattfanden. Um für den Erstflug eine längere Piste zur Verfügung zu haben, kam die Maschine Anfang Oktober nach Grenchen.

Nach dem erfolgreichen Erstflug folgen nun weitere Tests, bis das neue alte Flugzeug der Öffentlichkeit gezeigt werden kann. Dann dürften ziemlich genau 100 Jahre vergangen sein, seit die Nieuport 23 C-1 am Schweizer Himmel flog. Sie schied 1921 aus dem Dienst der Fliegertruppe aus.

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