Grenchner Geschichte
Einsamer Aussätziger: Das Schicksal eines Leprakranken im 17. Jahrhundert

Ein Gedenkstein erinnert am Grenchenberg an das Schicksal eines Leprakranken im 17. Jahrhundert.

Peter Brotschi
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Der Mannlosstein ist fast ganz mit Moos bedeckt, die Jahreszahl 1650 kaum zu sehen.

Der Mannlosstein ist fast ganz mit Moos bedeckt, die Jahreszahl 1650 kaum zu sehen.

pbg

Seit Wochen verläuft eine Trennlinie namens Coronavirus durch das soziale Leben und spaltet sogar die Generationen in den Familien. Mit dem Virus getestete Personen werden in die Quarantäne geschickt und müssen die Isolation aushalten. Eine Methode, die bei Krankheiten früher konsequent angewandt wurde und ein sehr schlimmes Schicksal bedeutete: An Aussatz erkrankte Menschen wurden auch in Grenchen von der Gesellschaft total getrennt – bis zu ihrem Tod. Am Vorberg erinnert ein unscheinbarer Stein an ein solches Schicksal.

Die älteste und kürzeste Verbindung zwischen Grenchen und dem Stierenberg ist das alte Weglein. Es beginnt an der Allmendstrasse bei der Einmündung des Fichtenweges, von wo gleich rechts die kleine Strasse mit dem Namen Altweg Richtung Waldrand führt. Dann wird der Promenadenweg überquert sowie nach einem weiteren Anstieg der Wasserlochweg. Noch weiter oben, beim Limmersmattweg, ist der Einstieg in die steile und teilweise steinige Passage des Vorbergs. Gut zu Fuss sein ist hier eine Voraussetzung, bis man unterhalb des Plattenbodens in die alte Bergstrasse gelangt.

Nur die Jahreszahl 1650 ist eingeritzt

Bereits weiter unten, bevor «s’ alte Wägli» (so die Grenchner Mundart) in den Unterschlagweg mündet, kommt man am sogenannten Mannlosstein vorbei. Es ist ein Stein, der etwas aus der Erde ragt und zum grossen Teil mit Moos bedeckt ist. Man muss schon genau hinschauen, um in der vom Moos befreiten Fläche die eingemeisselte Jahreszahl 1650 zu entdecken. Die meisten Menschen gehen wohl an diesem Stein vorbei, ohne ihn überhaupt zu bemerken.

Welche Geschichte steckt nun hinter dem Mannlosstein? Eine Notiz findet sich im Grenchner Heimatbuch von Werner Strub. In der Nähe soll ein Mann gelebt haben, der an einer ansteckenden Krankheit litt, an der Lepra oder, wie man ihm auch sagte, dem Aussatz. Deshalb schob man ihn an diese einsame Stelle ab. Die Grenchner Dorf­bewohner brachten ihm täglich die Nahrung und stellten sie auf den Stein. Dann riefen die Boten «Mann los» zum Zeichen, dass er das Essen abholen konnte. Aus Angst vor Ansteckung wurde jede Berührung mit dem Aus­gestossenen vermieden.

Gemäss der Überlieferung war es ein Söldner

Gemäss der Überlieferung soll der Mann ein Reisläufer gewesen sein. Vielleicht war er während des Dreissigjährigen Krieges in fremden Diensten gewesen und nach dem Westfälischen Frieden, der 1648 diesen Krieg beendete, in seine Heimat an den Jurasüdfuss zurückgekehrt mit einem vom Aussatz kranken Körper. Dies bedeutete damals eben den Ausstoss aus der Gesellschaft. Das ist selbstverständlich nur eine Vermutung, aber die Jahreszahl 1650 liegt nahe am Westfälischen Frieden.

Jedenfalls haben die Grench­nerinnen und Grenchner ihn damals mit Essen am Leben erhalten und jeden Tag den beschwerlichen Weg bis zum Mannlosstein auf sich genommen. Das merken alle, die schon mal von der Mitte der Stadt, so ungefähr bei der heutigen Centralstrasse, bis zu diesem Stein mit der Inschrift 1650 hinaufgewandert sind. Wer daran vorbeikommt, dürfte an das tragische Schicksal des einsamen Aussätzigen denken.

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