Theater
Eine Vogelscheuche steht mitten «im Lauch»

Die Grenchner Schauspielerin Tabea Wullimann steht mitten in den Proben ihres ersten Solo-Stückes «durchlaucht». Sie bewegt sich geschmeidig durch die Szene. Ihre Körpersprache ist dezent, trotzdem mangelt es nicht an komischen Überraschungen.

Oliver Menge
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Oliver Menge

«Versuche, den Moment etwas länger auszuhalten und wirken zu lassen». Regisseur Philipp Boë ist sehr genau, sieht jedes kleine Detail. Darstellerin Tabea Wullimann und er arbeiten sich Stück für Stück durch die Produktion, probieren aus, improvisieren, verwerfen. Kein leichtes Unterfangen, das den Beiden viel abverlangt. «Wir versuchen, durch clowneske Elemente dem Stück die richtige Richtung zu geben, ohne dabei platt zu werden», beschreibt Boë seine Arbeit mit der Schauspielerin. Es seien die kleinen Gesten, Ausdrücke und Bewegungen, die das Publikum fesseln. «Soll ich hier den Blick zum Publikum suchen?», fragt die Schauspielerin. «Nein, das würde ein falsches Signal aussenden, schau ins Leere bei dieser Szene» antwortet der Regisseur. Und tatsächlich: die Szene bekommt einen anderen Charakter, wirkt glaubwürdiger, authentischer.

«Versuchen wir diese Szene einmal mit Musik, ich habe etwas rausgesucht, das passen könnte». Beide sind nach dem Versuch nicht glücklich, die Musik gibt der Szene einen zu ernsten Touch. Wullimann ist ebenfalls noch nicht zufrieden mit den Requisiten: «Eigentlich sollte der Lauch ‹automatisch› wachsen, aber das funktioniert noch nicht ganz, daran muss ich noch arbeiten». Überhaupt spielen Requisiten eine grosse Rolle im Stück: Seien es die Gartenwerkzeuge, welche eigene Charaktere mitbringen, seien es die Lauchstängel, die sowohl Pflanzen als auch «Werkzeuge» sein können.

«Lauchiges» im Garten

Mitten auf der Bühne steht eine Kiste. Sie dient sowohl als Zuflucht, als Schlafplatz und Zuhause, als auch als Bühne auf der Bühne. In ihr, auf ihr und um sie herum spielt Wullimann ihre Rolle, die einer zum Leben erweckten Vogelscheuche. Die Kiste symbolisiert einen Garten, in dem die Vogelscheuche ihre ureigene Arbeit zu verrichten versucht: Ihr Territorium gegen Fremdlinge zu verteidigen. Ein fremdes Wesen dringt aber trotzdem ein und erweckt sie zum Leben. Sie erhält den Auftrag, Lauch zu pflanzen und widmet sich dieser Aufgabe mit jeder ihrer Strohfasern.

Zuerst verzweifelt sie fast, weil trotz aller Bemühungen nichts wächst. Und als dann der Lauch doch noch spriesst und gedeiht, bemerkt sie voller Stolz, wie sie zur «Durchlaucht» ihres Gartens geworden ist. Doch ehe sie sich versieht, steht sie «mitten im Lauch»: Ihr wird bewusst, dass sie nur von Lauch umgeben ist. Im Traum begegnet sie ihrem früheren leblosen «ich» und erkennt ihre Einsamkeit. Hilflos ergibt sie sich ihrem «lauchigen» Schicksal, fremdes Gemüse wird aber dennoch aufs Schärfste bekämpft und vernichtet. Ihre Freude über den Sieg schlägt jäh in Verzweiflung um, als sie der Lauch nun nicht mehr loslassen will und an ihr haftet.

Themen des Lebens werden so in eine ästhetische, naive und doch berührende Bildsprache übertragen, in welcher der Zuschauer sich selber wiedererkennen kann.

Komisch, aber auch zerbrechlich

Wullimann bewegt sich geschmeidig durch die Szene. Ihre Körpersprache ist dezent und wirkt nicht übertrieben. Clowneske Gestik und Mimik werden sparsam eingesetzt und das verleiht der Figur eine gewisse Zerbrechlichkeit. Dennoch mangelt es nicht an komischen Überraschungen und das abendfüllende Programm verspricht, sehr unterhaltsam zu werden.

Wullimann ist glücklich über die Zusammenarbeit mit dem Bieler Regisseur Philipp Boë. Einen eigenen Regisseur zu haben, gebe ihr Raum, sich auf ihre Bühnenarbeit zu konzentrieren, und Philipp habe von aussen einen ganz anderen Blickwinkel. Er sei ein Meister des Details und der kleinen Gesten. Seine Anweisungen seien eher Ratschläge, es bleibe Platz zur Diskussion und zur Improvisation, so entstehe manchmal völlig unerwartet Neues, sagt Wullimann.

Beinahe täglich proben die beiden in Wullimanns Atelier, das sich in einer Maschinenfabrik an der Däderizstrasse befindet. Das Theaterstück «steht», sagt die Wullimann, an den Details werde in den kommenden Wochen noch weiter gefeilt. «Speziell für das Stück komponierte Musik kommt noch dazu, damit werden wir uns in der nächsten Zeit noch beschäftigen», sagt sie und klettert wieder auf die Kiste, hinter den Lauch.

Premiere ist am 21. Oktober 2011 um 20.15 im Schwager Theater in Olten (Gerolag Center. Industriestrasse 78). Weitere Vorstellungen am 22. Oktober um 20.15 Uhr und am 23. Oktober um 18.00 Uhr in Olten. Ob «durchlaucht» auch in Grenchen aufgeführt wird, ist derzeit offen, aber wünschenswert.