Uhrenstadt
Eine Stimmgabel, die mit dem Ton auch die Zeit angibt

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Elektomechanische Uhr aus den 1970er-Jahren.

Elektomechanische Uhr aus den 1970er-Jahren.

Bild: Oliver Menge

Im folgenden Beitrag über zeitlose Zeitmesser geht es um elektromechanische Raffinessen im Vorfeld des Quarzzeitalters.

In den letzten Monaten erschienen immer wieder Artikel in Tageszeitungen und Magazinen, die Investitionen in Vintage­uhren als lohnend priesen. Als Alternative zu anderen Investitionsmöglichkeiten solle sich der Kauf von hochpreisigen Vintagemodellen, vor allem der Luxusmarken Rolex, Patek Philipp etc., langfristig auszahlen.

Statt Überlegungen, inwieweit sich die Investition lohnt, würde ich als Grundhaltung beim Kauf einer Uhr folgenden Punkt setzen: Kaufen Sie nie eine Uhr, neu oder vintage, die nicht gefällt. Für mich als Sammler und «Freak» kommt noch ein weiteres Kriterium dazu. Die Uhr muss neben der Ästhetik und Schönheit eine technische Geschichte erzählen.

Die Vorläufer des Quarzzeitalters

Ein interessantes Sammel­gebiet bilden die Vorläufer des Quarzzeitalters, die elektromechanischen Uhren. Die Phase dieser technischen Innovationen dauerte nur ca. 15 Jahre von Anfang Sechziger bis Mitte Siebziger. Sammler dieser Uhrengattung sollten eigentlich wegen des kurzen Herstellungszeitfensters Höchstpreise auf dem Markt erzielen. Dem ist nicht so. Als Sammler dieser Spezialität ist man eher ein Exot. Der Kreis von Menschen, der sich für diese (veraltete) Technik interessiert, ist ziemlich überschaubar.

In den Produktionsjahren der Dynotron (die Uhr läuft mit einem elektromechanischen Unruhmotor) und der Mosaba (eine Stimmgabel wird elektrisch in Dauerschwingung versetzt, die Schwingung wird mechanisch auf das Räderwerk übertragen) befand sich die Uhrenindustrie noch in Spätphase der vollen Blüte.

Die abgebildete Roamer Electronic aus meiner Sammlung ist ein besonders schönes Beispiel aus dieser Zeit. Die Dynotron läuft auch heute noch, nach 50 Jahren, tadellos. Das typische Design der 70er wird bei aktuellen Kollektionen der grossen Manufakturen immer wieder aufgenommen und als Vintagelook gut verkauft.

Die Stimmgabeluhr wurde von einem jungen Schweizer ETH-Ingenieur entwickelt. Die amerikanische Firma Bulova (mit einer Niederlassung in Biel) engagierte den jungen Max Hetzel, der bereits in den 50er-Jahren an der Entwicklung der Stimmgabeluhr arbeitete. Diese grossartige technische Innovation wurde also trotz der Entwicklungsarbeit eines Schweizers von Bulova adaptiert und patentiert.

Sekundenzeiger bewegt sich kontinuierlich

Das sollte sich für die Schweizer Uhrenindustrie bitter rächen. Als die Ebauches SA die Mosaba (Montre sans balancier – Uhr ohne Unruh) entwickelte, verletzte sie verschiedene Patente der Buova Accutron. Die Ebauches SA konnte die Mosaba nur unter Lizenz der Bulova produzieren. Trotzdem wurden beide Varianten der Stimmgabeluhr, sowohl die amerikanische wie die schweizerische, ein sehr grosser Erfolg. Die Mosaba wurde von ca. 50 Uhrenherstellern in ihre Uhren eingebaut.

Den Ton der Stimmgabeluhr hörte man, wenn man die Uhr ans Ohr hält. Seine Höhe liegt zwischen f und fis. Ausserdem verhält sich der Sekunden­zeiger wie bei einer Bahnhofsuhr, er läuft kontinuierlich und ohne ruckeln.

Max Hetzel entwickelte für die Firma Omega noch einmal eine neue Variante der Stimmgabeluhr, welche nun das amerikanische Patent nicht mehr verletzte. Die Megasonic von Omega wurde nur noch in relativ geringen Stückzahlen produziert. Das für die Schweizer Uhrenindustrie so leidvolle Quarzzeitalter beginnt.