Grenchen
Eine packende Zeitreise um 100 Jahre zurück

Der Solothurner Historiker und Theologe Urban Fink referierte im Kultur-Historischen Museum über das Thema «Der Kanton Solothurn vor 100 Jahren» (Anmerkungen zur Grenzbesetzung 1914-1918).

André Weyermann
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Referent Urban Fink.

Referent Urban Fink.

André Weyermann

Der Autor eines gleichnamigen Buches nahm die Anwesenden dabei mit auf eine Reise zurück in eine Zeit, die für viele eine relativ unbekannte Grösse darstellt, die auch noch nicht sehr gut erforscht ist, obwohl diverse Fachleute den Ersten Weltkrieg heute als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Der Referent verstand es, die Interessierten mit seinem reich illustrierten und mit erklärendem Zahlenmaterial versehenen Vortrag zu packen.

Unmittelbar vor Ausbruch des Krieges ging kaum jemand davon aus, dass ein solcher drohen würde. Im Gegenteil: Es sei eine verrückte Zeit gewesen, Wissenschaft, Kultur und Technik verzeichneten eine Blütezeit. Der Kanton Solothurn war 1914 mit 23 % Arbeiteranteil einer der höchstindustrialisierten Kantone, stand in dieser Hinsicht noch 1930 an zweiter Stelle hinter Glarus.

Dem Angriff kaum gewachsen

Die Schweizer und die Solothurner Bevölkerung waren durchaus militärfreundlich eingestellt. Urban Fink geht aber davon aus, dass man einem militärischen Angriff nicht gewachsen gewesen wäre. Ausser der imposanten Mobilmachung habe kaum etwas geklappt, die Vorbereitungen seien ungenügend gewesen, der Nachrichtendienst einfach nur schlecht und die Rationierung von Nahrungsmitteln sei zu spät erfolgt. «Etwas vereinfacht gesagt blieb die Armeeaufstellung während des ganzen Aktivdienstes 1914–1918 die gleiche: Man hielt die Nordwestgrenze besetzt und setzte Schwerpunkte im Raum Hauenstein und Murten mit temporären Feldbefestigungen. Der Raum Hauenstein war dabei nicht nur Sperre, sondern auch Brückenkopf», erklärte Urban Fink.

Allerdings blieb selbst diese Fortifikation letztlich Stückwerk. «Ob die Fortifikation Hauenstein und deren Besatzung kriegsgenügend gewesen wäre, musste zum Glück nicht im Ernstfall bewiesen werden», folgerte der Referent.

Geschäfte mit beiden Seiten

Der Schweizer Wirtschaft an und für sich ging es in den Kriegsjahren nicht wirklich schlecht. Man lieferte Uhren und Kriegsmaterial, gutschweizerisch natürlich an beide Kriegsparteien. Gegen Ende des Krieges folgte ein Konjunktureinbruch, die Teuerung stieg massiv und nun machte sich auch noch eine Nahrungsmittel-Knappheit bemerkbar (vor allem in städtischen Gebieten).

Es herrschte eine Kluft zwischen Teilen der Unternehmerschaft mit riesigen Kriegsgewinnen und der Bauernschaft einerseits, sowie der verarmenden Arbeiterschaft andererseits. Im Gegenzug sorgten Grenzbesetzung und florierende Betriebe für günstige Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt, Linksparteien und Gewerkschaften wurden wichtiger, was Streiks erleichterte. Diese Komponenten bereiteten den Nährboden für den folgenden Landesstreik im November 1918.

Eskalation in Grenchen

Dieser verlief bekanntlich zumeist friedlich. Aber in Grenchen wurden drei junge Männer erschossen (Marius Noirjean, Fritz Scholl, Hermann Lanz). Urban Fink machte dafür insbesondere zwei Gründe verantwortlich: Einerseits schaukelten sich Revolutionsängste auf Seiten der Unternehmer und der Regierung sowie Konterrevolutions-Phantasien seitens der Arbeiterschaft hoch. Andererseits war die Führungsstruktur auf beiden Seiten ziemlich unklar, was zu fehlender Kommunikation und schliesslich zur Eskalation und zu den Todesschüssen von jungen Waadtländer Soldaten führten.

Es hätte gar noch schlimmer kommen können, wie Urban Fink anhand eines Bilddokumentes darlegte. Dieses zeigt nämlich Soldaten, die mit Maschinengewehren während des Landesstreiks in Grenchen Stellung bezogen haben: Nicht auszumalen, was passiert wäre, hätten auch sie noch die Nerven verloren.

Urban Fink (Hrsg.) «Der Kanton Solothurn vor 100 Jahren». Baden: Hier+Jetzt Verlag für Kultur und Geschichte.