Amtsgericht Solothurn-Lebern
Eine Mauer des «Vergessens» beim Prozess zum Tötungsdelikt

In Grenchen scheint sich eine bisher noch unbekannte Form des Jugend-Alzheimers auszubreiten. So zynisch muss der zweite Tag des Prozesses vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern zusammengefasst werden.

Hans peter Schläfli
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Tatort bei der Grenchner Disco Luxory im April 2011.

Tatort bei der Grenchner Disco Luxory im April 2011.

Felix Gerber

Im Prozess wird über das Schicksal des 23-jährigen, geständigen Messerstechers Saban B.* entschieden, der am 3. April 2011 beim Grenchner Luxory Club einen 22-jährigen, deutschen Türsteher getötet hat.

So wusste zum Beispiel ein 23-jähriger Mann, der kurz nach dem Tötungsdelikt der Polizei sogar die Tatwaffe bis in Details beschrieben hatte, plötzlich von gar nichts mehr. «Ich kann mich nicht mehr erinnern» oder «Ich habe es vergessen» sagten auch sämtliche weiteren, gestern Dienstag angehörten Zeugen und Auskunftspersonen in einer Uniformität, die nur einen Schluss zulässt: Diese Männer hatten ihre Aussagen abgesprochen.

Ob nun die Einschüchterungstaktik einer mafiösen Gruppe um den Angeklagten hinter diesem Verhalten steckt, oder ob es sich um einen rückständigen Ehrenkodex aus dem südlichen Ex-Jugoslawien handelt, der in der Schweiz inakzeptabel ist, bleibt offen.

Fakt ist: Es machte gestern nicht einmal mehr einen Unterschied, ob es sich um Freunde des Angeklagten aus dem Kosovo handelte oder um Personen, die den türkischstämmigen Luxory-Betreibern nahestehen. «Ich weiss nur, dass ich es nicht gesehen habe.» «Ich will diesen Tag vergessen.» So lauteten die Standardsätze, die dem Gericht gestern gleich serienweise vorgesetzt wurden.

Mauer des Vergessens bringt nichts

Dem Angeklagten wird diese Mauer des Vergessens aber wenig nützen, den die polizeilichen Einvernahmen kurz nach dem Tötungsdelikt sprechen eine deutliche Sprache. So las Gerichtspräsident Rolf von Felten den Zeugen und Auskunftspersonen jeweils Passagen aus diesen Protokollen vor.

Beispielhaft waren die Widersprüche bei den Aussagen des Drogendealers, der im Getränkedepot festgehalten wurde, was schliesslich zur Eskalation mit tödlichem Ausgang führte. Auch Kadri R.* sagte nämlich immer nur, er habe nichts gesehen oder gehört, und er wisse von gar nichts.

«Bei der Polizei haben Sie aber ausgesagt, dass Ihnen Saban B. das Tatmesser gezeigt hat, kurz, nachdem sie zusammen über die Gleise in die Garage ihres Bruders geflüchtet waren», hielt der Gerichtspräsident dem 23-jährigen Serben vor. «Haben Sie damals gelogen?» «Ich habe nicht gelogen, aber ich kann mich nicht mehr erinnern», hielt Kadri R. entgegen. Da riss dem Gerichtspräsidenten das einzige Mal der Geduldsfaden. «Was Sie uns hier und heute erzählen, ist total unglaubwürdig.»

13 kleinere Delikte gestanden

Bereits abgeschlossen wurde gestern die Beweisaufnahme zu 13 weiteren Anklagepunkten, die Saban B. alle eingestand. Nur beim letzten Punkt der Anklage, der Körperverletzung begangen am 20. Februar 2011 in der Grenchner Passage, verteidigte er sich. Er habe seine damalige Freundin beschützen müssen. «Einer der beiden Männer griff meiner Ex-Freundin an den A(...), er nannte sie Hure und fragte, ob sie gut im Bett ist. Als er mit einer Bierflasche aufzog, musste ich sofort reagieren und schlug ihn ins Gesicht, um meine Ex-Freundin zu schützen.» Die massiven Schnittverletzungen am Arm habe sich der Mann beim Sturz zugezogen, weil es am Boden schon Glasscherben gehabt habe.

Heute Mittwoch geht der Prozess mit der Anhörung der Mutter des Opfers weiter, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit erfolgen wird. Anschliessend wird der psychiatrische Gutachter befragt. Das Urteil wird am 7. Dezember verkündet.

*Namen von der Redaktion geändert.

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